Pfandleihhäuser: Schnelles Geld in großer Not

Eine Mitarbeiterin eines Pfandleihauses prüft mit einer Lupe eine Goldkette.

Bildrechte: picture alliance / dpa Themendienst | Markus Scholz
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    Pfandleihhäuser: Schnelles Geld in großer Not

    Pfandleihhäuser: Schnelles Geld in großer Not

    Inflation und steigende Energiekosten: Für manche Menschen in Finanznot sind Pfandleihhäuser die letzte Rettung. Kontrovers - Die Story zeigt, auf welche Habseligkeiten die Kreditnehmer auf Zeit verzichten und welche Schicksale dahinterstecken.

    Das Pfandleihhaus der Familie Pomerance an der Stadtgrenze Nürnberg-Fürth ist spezialisiert auf Autos. Aber mittlerweile wird alles beliehen, was noch irgendeinen Wert hat, zum Beispiel gebrauchte Handys. Heute kann ein Kunde sein Mobilfunk-Gerät wieder abholen. Er zahlt die 20 geliehenen Euros zurück – plus ein Prozent Zinsen, plus Gebühren. In Summe 21,70 Euro.

    Kein Geld für Essen

    Über zwei Wochen musste er ohne sein Handy auskommen, erzählt er im Politikmagazin Kontrovers: "Weil ich kein Geld für Essen hatte. Ich bin momentan krank geschrieben und deswegen ist das Geld etwas knapp. Und weil alles immer teurer wird", erklärt er. Für den Kunden war das Handy in der Zwischenzeit verzichtbar, weil er zu Hause noch ein Tablet und Festnetz hat. In einem Pfandleihhaus war der Mann mittleren Alters zum ersten Mal.

    Das kann die Mitinhaberin Pam Pomerance, bestätigen: "Ihn kannte ich jetzt persönlich noch nicht, es kann aber durchaus sein, dass ich ihn jetzt öfter sehen werde. Ich sag immer den meisten: Ok, wenn wir uns nicht mehr sehen, ist auch in Ordnung. Dann weiß ich, du brauchst uns nicht." Doch oft kommt es anders.

    Pfandleihhäuser bieten "kurze Zwischenfinanzierung"

    Wer in ein Pfandleihhaus geht, braucht schnelles Geld. Unbürokratisch. Die 38-jährige Betriebswirtin Pam Pomerance ist vor acht Jahren in das Geschäft ihres Vaters eingestiegen. Er hatte 1994 das erste KFZ-Pfandleihhaus Deutschlands eröffnet. Kleinwagen, aber auch Oldtimer und sehr hochpreisige Autos werden hier als Pfand abgegeben.

    "Wir bewerten den Wagen und bezahlen bis zu 60 Prozent sofort als Darlehen aus. Bei besonders teuren Fahrzeugen handelt es sich öfter dann auch mal um Unternehmer, die möglicherweise unverschuldet auch in einen finanziellen Engpass geraten sind, die das einfach als kurze Zwischenfinanzierung nutzen, um was zu überbrücken.“ Alle Verträge laufen drei Monate, können aber während dieser Laufzeit auch verlängert werden.

    Pfandleihhaus: Schnelles Geld in großer Not

    "Ich würde ja sonst nirgends Geld herbekommen"

    Das Leihhaus Käfer in der Nähe des Hauptbahnhofs gibt es seit über 20 Jahren. Hier beleihen Stephan Kraushaar und seine Kolleginnen vor allem Schmuck. Sie wirtschaften gewinnorientiert. Gleichzeitig helfen sie den Menschen kurzfristig über den Monat, manchmal auch bis zum nächsten Tag zu kommen. "Machen wir uns nichts vor. Hier steht keiner am Tresen, weil das Leben gerade problemlos läuft. Ich meine, hier kommt jemand her und möchte sich Geld leihen, weil auf dem Konto wahrscheinlich keines mehr ist. Über die Jahre weiß man, wo auch dem Kunden der Schuh zwickt", erzählt Kraushaar.

    Auch in diesem Leihhaus verkehrt viel Stammkundschaft, so wie Cornelia Sämann. Die Goldkette ihrer Mutter hatte sie schon öfter hier als Pfand gelassen. Ob sie es diesmal schafft, das Geld aufzutreiben, um das Erbstück wieder auszulösen, ist aber mehr als ungewiss. "Ich bin schlichtweg verzweifelt. Ich weiß, dass es nie genug ist im Moment, weil alles hinten und vorne nicht mehr langt. Es langt nicht fürs Heizöl, es langt nicht für den Strom."

    Gerade braucht Sämann vor allem Geld für eine Reparatur an ihrem Auto, auf das sie im Alltag angewiesen ist. "Ich würde sonst ja nirgends Geld herbekommen. Beim Leihhaus ist das im Grunde genommen eigentlich ein fairer Umgang, so wie auf einer Bank. Man bringt ja was hin, das einen Wert hat." Sämanns‘ Sohn ist seit einem Behandlungsfehler vor 18 Jahren schwerbehindert. Er braucht ständige Betreuung, entsprechend konnte Cornelia Sämann nicht mehr arbeiten.

    Während der Dreharbeiten erfahren wir, dass das BR-Politikmagazin Kontrovers bereits 2009 über ihr Schicksal berichtet hat. Cornelia Sämann kämpft bis heute um Schadensersatz vor Gericht. In der Zwischenzeit ist Sämann verarmt. "Wir haben den Schaden damals ausrechnen lassen. Durch einen Versicherungsmathematiker mit Zins und allem. Und da sind so knapp über zwei Millionen rausgekommen. Das war 2014. Aber das ist ja jetzt alles weitergelaufen." Aktuell habe sie eigentlich nichts mehr, was sie im Leihhaus noch abgeben könnte, erzählt sie. Mittel- und langfristig wird diese Art der Geldbeschaffung für sie wohl ein Auslaufmodell sein.

    Europäische Perspektiven

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    Zum Artikel: "EBU-Projekt Europäische Perspektiven"

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