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Achim Wendler, Leiter der BR-Redaktion Landespolitik

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    Kommentar: Piazolo – Minister auf Anruf

    Michael Piazolo setzt beim Distanzunterricht aufs Telefon. Wer den Bildungsföderalismus killen will, hat jetzt sein Argument. Ein Kommentar von Achim Wendler.

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    • Achim Wendler

    Was haben Michael Piazolo und Kaiser Wilhelm II. gemeinsam? Beide hadern mit dem technischen Fortschritt. Der Kaiser gab seinerzeit dem Pferd den Vorzug gegenüber dem Auto, das er für eine vorübergehende Erscheinung hielt. Der Schulminister setzt auf das Telefon, um Bayern unterrichtsfest zu machen. Dass das Telefon ein gutes Medium zum Austausch von Informationen sei - dieser Hinweis ist so schrullig wie hilflos.

    Zehn Monate hatte Piazolo Zeit, um die Schulen auf digitalen Unterricht vorzubereiten. Und damit auf die zweite Welle der Pandemie. Er hat sie verstreichen lassen. Nun muss er das Telefon empfehlen.

    Bayerns Digital-Desaster

    Das ist schlecht für die Schüler, ihre Eltern, die Lehrer - und den deutschen Bildungsföderalismus. Durch Bayerns Digital-Desaster droht einer seiner letzten Pfeiler wegzubrechen. Die Feinde des schulpolitischen Wettbewerbs, die sich schon lange auf einem Flickenteppich wähnen und die Orientierung verloren haben, können jubeln.

    Seit Jahrzehnten ist die bayerische Schulpolitik deutschlandweit maßgeblich. Woanders gibt es unmotivierte Lehrer, lasche Lehrpläne, dreckige Schultoiletten, strategische Sprunghaftigkeit. In Bayern dagegen läuft es. Der Hinweis darauf lässt jede Attacke auf den Bildungsföderalismus ins Leere laufen. Bisher.

    Seinen Erfolg hat Bayern natürlich sich selbst zu verdanken, seinem Ehrgeiz, namentlich auch dem seiner Kultusminister. Aber auch dem Föderalismus: Er lässt den Ehrgeizigen die Freiheit, sich nicht am Schlechteren auszurichten. Bayern braucht den Föderalismus, um gut sein zu können. Das ist ein starkes Argument dafür, den Ländern die Schulpolitik zu überlassen.

    Bayern muss wieder Ehrgeiz zeigen

    Das Problem des Bildungsföderalismus ist, dass zugleich die Schlechteren beharrlich ihre Freiheit nutzen, sich nicht am Besseren auszurichten. Die Chancen des Wettbewerbs bleiben ungenutzt.

    Jedenfalls war das bisher das Problem des Bildungsföderalismus - und damit der Bildungspolitik insgesamt. Jetzt aber, mit dem bayerischen Digital-Desaster, kommt ein weiteres Problem hinzu, eines, das wahrscheinlich viel schwerer wiegt: Wenn Bayern nicht mehr besser sein will als die anderen - wozu dann noch Wettbewerb?

    Am Montag, wenn die Ferien zu Ende sind, muss Michael Piazolo zeigen, dass Bayern seinen Ehrgeiz nicht aufgegeben hat. Sonst sollte wirklich besser der Bund ran. Der Bildung zuliebe.

    Ein Kommentar von Achim Wendler, Leiter der BR-Redaktion Landespolitik

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