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Blick auf Berchtesgaden

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    Berchtesgadener Land: Deutschlands längster Lockdown

    Seit drei Monaten sehnen sich die Menschen im Berchtesgadener Land nach dem normalen Leben. Doch die Corona-Zahlen bleiben trotz Lockdown erstaunlich hoch. Die Leute wundern sich – und halten durch. Ein Distanz-Besuch vor Ort.

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    Von
    • Christine Haberlander
    • Veronika Beer

    Vor drei Monaten blickte Deutschland in den Süden: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Berchtesgadens Landrat Bernhard Kern (beide CSU) verhängten über das kleine Berchtesgadener Land an der Grenze zu Österreich einen faktischen Lockdown.

    Corona-Inzidenzwert weiter über 200

    Wegen extrem gestiegener Corona-Zahlen galten ab 20. Oktober Ausgangsbeschränkungen, Schulen und Kitas mussten schließen, auch Restaurants blieben zu, Veranstaltungen wurden verboten. Für zunächst zwei Wochen. Doch direkt danach folgte der Rest Deutschlands mit unterschiedlich strengen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie.

    Zwischenzeitlich lag der Inzidenzwert für Berchtesgaden bei weit über 300. Und noch immer sind die Zahlen erstaunlich hoch: Im gesamten Landkreis gab es in der zurückliegenden sieben Tagen 223,7 Fälle pro 100.000 Einwohner – weit entfernt von den angepeilten 50, die den Menschen zwischen Laufen und Königssee ein normales Leben zurückbringen könnten.

    Keine Hotspots, aber Ignoranz und Nachlässigkeit

    Warum sinken die Zahlen nicht endlich, trotz zweiwöchigen Vorsprungs? Wirklich erklären kann sich das niemand. Wahrscheinlich lebten einige ihr Leben einfach so weiter wie vor der Pandemie. Andere seien nachlässig mit dem Mund-Nasenschutz, vermutet Landrat Bernhard Kern. Echte Hotspots gibt es nicht.

    "Vielleicht ist doch der eine oder andere dabei, der sagt: Ich will das gar nicht wissen! Ich mache in meinem Leben einfach weiter wie bisher!" Bernhard Kern, Landrat des Landkreises Berchtesgadener Land, CSU

    Wie viel Frust und Hoffnung weckt das bei den Menschen in der von Tourismus geprägten Gegend? Und wie stellt sich die Situation nach drei Monaten mit gleichbleibend hohen Corona-Zahlen in den Krankenhäusern dar?

    Lockdown: Kein Bier mehr – dafür Kurzarbeit

    Im "Bürgerbräu" in Bad Reichenhall stehen die Stühle gestapelt auf den Tischen. An der Schänke wird seit Wochen kein Bier mehr gezapft. Ein Trauerspiel für den Besitzer Christoph Graschberger. Die Traditionsgaststätte und die Brauerei sind geschlossen, etwa 100 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Bei allem Verständnis für die Maßnahmen, ertappe er sich immer mal wieder bei der Frage, ob es den Lockdown in dieser Form gebraucht hätte.

    "Für die Gastronomie hat es isoliert betrachtet nichts gebracht. Andererseits ist das Infektionsgeschehen so hoch, dass wahrscheinlich kaum Gäste da wären, wenn offen wäre. Insofern kann man sagen: Mitgefangen, mitgehangen!" Christoph Graschberger, Besitzer vom Bürgerbräu in Bad Reichenhall

    Wegen Corona: Keine Touristen für Predigtstuhlbahn

    Gedrückte Stimmung herrscht auch an der Predigtstuhlbahn, einer denkmalgeschützten Kabinenseilbahn in Bad Reichenhall auf den Predigtstuhl. Hier wird zwar gearbeitet, aber seit drei Monaten dürfen keine Fahrgäste mehr auf den Berg transportiert werden. Stattdessen wird die Talstation auf Vordermann gebracht, gestrichen und geschmiert – damit alles tiptop ist, wenn endlich wieder Fahrgäste erlaubt sind. Doch das könnte noch ein paar Wochen dauern, befürchtet Geschäftsführer Klaus Unterharnscheidt.

    "Ich wäre froh, wenn es schneller ginge. Aber lieber dann sicher und gesund auf dem Berg, als mit zu großem Risiko. Das hilft keinem am Ende.“ Klaus Unterharnscheidt, Geschäftsführer der Predigtstuhlbahn
    © BR / Christine Haberlander
    Bildrechte: BR / Christine Haberlander

    Die denkmalgeschützte Predigtstuhlbahn in Bad Reichenhall

    Inzidenzzahl sinkt nicht – schon gar nicht unter 50

    Trotz vieler harter Maßnahmen gegen das Coronavirus geht die Inzidenzzahl in der Region nicht nach unten – und schon gar nicht unter 50. Berchtesgadens Landrat Bernhard Kern, der Mitte Oktober als erster in Deutschland den Lockdown für seinen Landkreis verfügt hat, zieht eine leicht positive Bilanz.

    "Ja, es hat sich gelohnt! Wo wären wir hingekommen, wenn die Zahlen noch weiter nach oben gegangen wären? Mein Ziel ist es, dass wir endlich unter 200 kommen und im Berchtesgadener Land wieder etwas mehr Freiheit bekommen." Bernhard Kern, Landrat des Landkreises Berchtesgadener Land, CSU

    Klinik Bad Reichenhall: Covid-Patienten müssen verlegt werden

    In der Kreisklinik Bad Reichenhall liegen rund 50 Corona-Patienten. Fünf werden auf der Intensivstation behandelt. Doch weil auch die Notversorgung sichergestellt sein muss, werden seit vergangener Woche Patienten in andere Krankenhäuser und in umliegende Landkreise verlegt. Chefarzt Christian Geltner weiß noch nicht, wie auf die neuen Mutationen und Varianten des Coronavirus reagiert werden soll.

    "Ich gehe davon aus, dass wir die hier längst schon haben. Die Verläufe sind ja – so viel wir wissen – nicht schwerer als die anderen. Wenn, dann ist es ein Problem der Menge an Patienten, die möglicherweise kommt – und dass wir dadurch wieder wesentlich mehr Betten brauchen." Christian Geltner, Chefarzt an der Kreisklinik Bad Reichenhall

    Belastende Ungewissheit im kalten, dunklen Winter

    Die Menschen im Berchtesgadener Land belastet der lange Lockdown spürbar – wie überall in Deutschland. Gerade die Ungewissheit macht vielen zu schaffen. Trotz der Impfungen ist ein normaler Alltag mindestens noch viele dunkle Winterwochen entfernt. Hier in Berchtesgaden werden die Leute dennoch die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Maßnahmen endlich wirken und sie der Freiheit Tag für Tag ein Stückchen näher kommen.

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