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Corona Impfstoff Wie fühlt man sich als Corona-Impfstoff-Tester?

Weltweit wird an einem Corona-Impfstoff geforscht. Einer der Vorreiter ist die Firma BioNTech aus Mainz. Joe nimmt gerade an ihrer Impfstudie teil und erzählt im exklusiven BAYERN 1 Interview von seinen Erfahrungen. Hier nachhören.

Stand: 15.10.2020 | Archiv

Symbolbild: Gespräch zwischen Ärztin und Patient  | Bild: mauritius-images

Weltweit wird gerade überall an einem Corona-Impfstoffen geforscht. Derzeit werden 40 Impfstoffe in klinischen Studien getestet. Einer der Impfstoffe aus Deutschland heißt BNT162. Er wird von der Firma BioNTech in Mainz entwickelt. Eine Version von BNT162 befindet sich bereits in der letzten Testphase und könnte noch dieses Jahr zugelassen werden. Eine weitere Version wird gerade an Probanden getestet. Joe ist einer der Testpersonen dieser Studie. Er möchte anonym bleiben. Die Studie soll Erkenntnisse über die Dosierung und Verträglichkeit des Corona-Impfstoffs liefern. Im exklusiven BAYERN 1 Interview mit Morgenmoderator Marcus Fahn erzählt er von seinen Erfahrungen.

Hier können Sie das Interview von Marcus Fahn mit dem Impfstofftester nachhören:

Marcus Fahn: Sie haben letzte Woche den Impfstopf gespritzt bekommen, wie geht es Ihnen gerade?

Joe: Mir geht es hervorragend. Ich habe tatsächlich keine Nebenwirkungen.

Marcus Fahn: Sind Sie sicher, dass Sie Impfstoff bekommen haben oder gibt es da auch eine Gruppe von Probanden, die ein Placebo bekommen haben, ohne Wirkstoff?  

Joe: Ich habe tatsächlich den Wirkstoff bekommen. Das weiß ich deshalb so genau, weil die Studie so angelegt ist, dass sie eine sogenannte offene Studie ist. Das heißt also, sie ist nicht Placebo gestützt. Ich weiß sogar, welche Dosis ich gekriegt habe. Man versucht in dieser Studie herauszufinden, bei welcher Dosis, wie viel passiert und wie viele Nebenwirkungen dann noch dazukommen.

Marcus Fahn: Und Sie haben bisher gar nichts gemerkt?

Joe: Ich habe nichts gemerkt. Ich weiß aber auch, dass ich eine sehr kleine Dosis bekommen habe. Man hat verschiedene Stufen angelegt, also Gruppen, die nach und nach immer mehr bekommen. Wenn dann zwischendrin mal eine Gruppe weniger bekommt als die Gruppe vorher, dann nennen sie das Deeskalationsgruppe und das bin ich. Ich weiß also, dass die Gruppe vor mir schon mehr bekommen hat. Deshalb durfte ich nach der Spritze auch direkt am Abend wieder nach Hause gehen und musste nicht eine Nacht stationär bleiben.

Marcus Fahn: Wie oft werden Sie jetzt gerade untersucht?

Zunächst stündlich, also am ersten Tag nach einer Stunde, drei Stunden, sechs Stunden. Dann am nächsten Morgen wieder. Dann muss ich selbst täglich Tagebuch führen. Und ich werde alle paar Tage wieder eingeladen. Jetzt werden das immer weniger Besuche, aber ich bekomme in zwei Wochen noch eine zweite Dosis und dann ist es wieder gestaffelt, dass es langsam weniger wird, wie oft ich mich melden oder hinfahren muss und erst in einem Jahr ist wirklich Schluss. Erst im nächsten Oktober ist dann endgültig die ganze Studie zu Ende. Ergebnisse über Antikörper und bisherige Nebenwirkungen wird´s aber schon um Weihnachten geben.

Wer ist BioNTech und was ist das für eine Studie?

BioNTech ist die Abkürzung für Biopharmaceutical New Technologies, ein Immuntherapie-Unternehmen aus Mainz. Für die Entwicklung des Corona-Impfstoffes arbeitet BioNTech mit dem amerikanischen Unternehmen Pfizer und mit Fosun Pharma aus China zusammen. Gemeinsam haben sie den Impfstoff  BNT162 entwickelt. Vier Versionen des Stoffes wurden lange parallel getestet.  

Bereits am 23. April wurde einer ersten Testperson aus Deutschland BNT162 gespritzt und im Mai wurden die Stoffe dann 500 Probanden in den USA verabreicht. Basierend auf den ersten Daten der präklinischen und klinischen Studien stellte sich die Variante BNT162b2 als vielversprechender Impfstoffkandidat heraus. Aktuell wird der Stoff in einer fortgeschrittenen klinischen Studie an bis zu 30.000 Probanden im Alter zwischen 18 und 85 Jahren getestet. Die Pharmaunternehmen haben laut eigenen Angaben insgesamt rund 120 klinische Studienzentren auf der ganzen Welt ausgewählt, darunter 39 Staaten in den USA und in Ländern wie Argentinien, Brasilien und Deutschland.

Sollten die Studien erfolgreich verlaufen, will BioNTech im Oktober 2020 die behördliche Zulassung für BNT162b2 beantragen. Wenn der Impfstoff zugelassen wird, dann werden bis Ende 2020 bis zu 100 Millionen Impfstoffdosen und über 1,3 Milliarden Impfstoffdosen bis Ende 2021 hergestellt, so schreibt es BioNTech auf seiner Homepage.

Der Proband Joe hat eine weiterentwickelte, nach den ersten Ergebnissen bereits optimierte Form des Impfstoffs BNT162 erhalten.

Eine Teilnahme an Impfstudien wie dieser ist immer freiwillig. Die Probanden erhalten für jeden Tag, den sie in der Klink vorstellig werden müssen, eine finanzielle Entschädigung von 150 Euro bis 250 Euro am Tag.

Marcus Fahn: Jetzt ist es ja ein zeitlicher Aufwand, aber es ist auch nicht ganz ungefährlich, sich einen Impfstoff spritzen zu lassen, der ganz neu ist. Warum machen Sie bei dieser Studie mit?

Joe: Zum einen ist da privates, wissenschaftliches Interesse. Ich habe schon von Anfang an früh verfolgt, was da passiert. Auch in Deutschland wird da ja geforscht an vorderster Front. Das habe ich ganz spannend gefunden. Ich bin einfach angetan von dem Thema. Und vor allen Dingen habe ich im letzten halben Jahr, im Gegensatz zu meinen Freunden, weder Geld, noch Job, noch Freude verloren. Meine Kinder waren gut betreut. Ich habe also verhältnismäßig wenig gelitten und ich hatte tatsächlich etwas schlechtes Gewissen und dachte immer: Ich müsste auch mal was tun. Und was kann konstruktiver sein als an der Entwicklung eines Impfstoffes mitzuarbeiten, wenn schon nicht aktiv, dann wenigstens passiv. Und dann bin ich ein sportlicher Typ. Ich bin schon ein paar Marathons gelaufen und kenne meinen Körper ganz gut. Ich dachte: Das kann ich mir zumuten.

Marcus Fahn: Aber hatten Sie gar keine Bedenken vorher?

Joe: Ich hatte natürlich Respekt vor der Angelegenheit. Je mehr man weiß, desto weniger Angst hat man. Ich glaube, es hilft tatsächlich, dass ich mich etwas mit der Materie befasst habe, dass ich Menschen kenne, die sich damit auskennen. Natürlich bleibt eine gewisse Restangst. Ich meine in dem Vertrag, den ich unterschrieben hab, steht drin, dass ich sterben kann…

Marcus Fahn: Wirklich? Das unterschreibt man am Anfang?

Joe: Ja, das unterschreibt man. Aber es steht auch auf jeder Zigarettenschachtel, dass man sterben kann und da fragt keiner: Warum machst du das?

Marcus Fahn: Wie umfangreich ist der Vertrag, den Sie unterzeichnet haben?

Joe: Das sind tatsächlich 31 Seiten Vertrag und dann noch einmal 30 Seiten Versicherungspolice. Also das ist recht umfangreich. Da steht aber allergrößtenteils, was bisher bei anderen, ähnlichen Impfstoffen gewesen ist. Das heißt, es sind riesige Listen von Prozentangaben, wer wie viel Kopfschmerzen hatte und wie viel Fieber. Und natürlich auch sehr viel Versicherungstechnisches, was jetzt keinen wesentlich großen Unterschied macht.

 BNT162 ist ein mRNA-Impfstoff – Was ist das eigentlich?

Bei alt bewährten Impfungen, wie Masern oder Grippe, werden Lebend- oder Totimpfstoffe verwendet. Man injiziert also das Virus in abgeschwächter oder zerstörter Form und wartet auf die Reaktion des Körpers. Dieser bildet Antikörper und wir werden gegen das Virus immun. Mit dieser klassischen Impfung wird das Abwehrsystem des Körpers quasi trainiert. Man spricht von einer aktiven Impfung.

Bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs setzen Wissenschaftler aber auf mRNA-Impfstoffe, also auf "messenger RNA". mRNA ist nichts anderes als ein Bauplan für das Oberflächenprotein des Corona-Virus.

Bei der Impfung wird also nicht das Virus selbst und auch nicht das Protein direkt gespritzt, sondern nur der genetische Code dafür. Dieser ist an sich vollkommen ungefährlich.

mRNA gelangt in die Zelle und wird dort abgelesen. Unser Körper entwickelt daraufhin das Oberflächenprotein des Corona-Virus. Dieses erkennt unser Immunsystem und produziert passende Antikörper.

Der Vorteil der mRNA Impfung liegt darin, dass man sie einfacher und in kürzerer Zeit in großem Stil herstellen kann. Bei herkömmlichen Impfungen muss man das Virus erst vermehren, um es dann direkt zu impfen.

Marcus Fahn: Müssen Sie sich gerade irgendwie anders verhalten, als wir alle?

Joe: Ich lebe eigentlich ganz normal. Das Einzige ist, dass ich nicht einfach so zum Arzt gehen kann. Ich kann keine Operation vereinbaren, nicht irgendein Medikament schlucken, auch kein harmloses. Ich muss immer erst vorher da Bescheid sagen: 'Sorry Leute, ich habe gerade Kopfschmerzen, kann ich mal eine Tablette nehmen.' Das ist ein bisschen lästig ein Jahr lang. Ich darf auch in den ersten 60 Tagen keine Kinder zeugen. Frauen dürfen ein Jahr lang keine Kinder kriegen. Ich darf mich auch nicht impfen lassen. Auch keine Grippeimpfung. Aber ansonsten kann ich machen, was ich will. An den Tagen, an denen ich da hinfahre, sollte ich keinen Kaffee trinken und früh nichts essen und ich soll keinen Sport machen, wegen des Blutbildes. Aber das sind ja leichte Übungen.

Marcus Fahn: Sie sagen, Sie dürfen sich nicht impfen lassen... das heißt, auch wenn in ein paar Wochen oder Monaten ein Corona-Impfstoff  zugelassen wird, und wir alle den bekommen können, dürfen Sie sich nicht impfen lassen, weil Sie an dieser Studie teilnehmen?  

Joe: Nicht vor Oktober nächsten Jahres

Marcus Fahn: Wissen Sie denn, ob Sie immun sind, also, ob sie sich im Moment mit Corona anstecken könnten?

Joe: Im Moment weiß ich das noch nicht, wenn ich schlau bin und den Arzt überrede, mir zu sagen, was in meinem Blutbild ist, dann weiß ich das bis Weihnachten, aber das wäre dann nur mündlich. Die Ärzte sagen alle: Bitte gehen Sie davon aus, dass Sie von so einer Studie keinen medizinischen Vorteil haben. Gehen Sie davon aus, dass Sie nicht immun sind, denn sonst verhalten Sie sich falsch. In der Studie will man ja erst rausfinden, ob das Zeug hilft und wenn es nicht hilft, dann wäre es fatal, wenn ich zum Beispiel einfach die Maske absetze.

Marcus Fahn: Was ist es für ein Gefühl bei so einer Studie mitzumachen?

Joe: Das fühlt sich gut an. Jetzt wo´s mir gut geht, ich habe keine Nebenwirkungen, da habe ich gut reden, aber das fühlt sich schon nach einer sinnvollen Tätigkeit an, irgendwas zu machen. Also ich habe es bis jetzt zumindest nicht als Last empfunden, hin und her zu fahren. Aber es fühlt sich auch einfach gut an, was Sinnvolles zu tun.

Marcus Fahn: Hat man Ihnen in irgendeiner Form erzählt, wann der Impfstoff vielleicht rauskommt?

Joe: Nein, das lässt sich alles so recherchieren. Die Firma BioNTech hat mehrere Impfstoffe im Rennen. Den BNT162b2 wollen sie jetzt im Oktober oder November anmelden und offensichtlich auch durchbringen. Ich habe schon einen sozusagen weiterentwickelten Stoff bekommen, an dem man schon die nächste Generation züchtet. Und deshalb haben den auch nur eine Hand voll Leute vor mir bekommen, das macht es etwas interessanter und vielleicht auch etwas effektiver. Mal sehen.

Marcus Fahn: Dann drücken wir Ihnen die Daumen, dass es gesundheitlich weiter so gut läuft, wie Sie das beschrieben haben. Danke für die spannenden Einblicke in die Corona-Impfstudie und wir hoffen, dass wir bald einen Impfstoff haben, der diese Pandemie beendet.


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