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Videosprechstunde Arzt Wann sind Videosprechstunden sinnvoll?

Seit der Corona-Epidemie bieten immer mehr Ärzte in Bayern Videosprechstunden an. Auch eine Krankschreibung darf jetzt über Video erfolgen. Wir klären: Für welche Fälle ist das geeignet? Wie funktioniert's technisch? Und was ist mit meiner Versichertenkarte?

Stand: 22.03.2021 | Archiv

Videosprechstunde | Bild: picture-alliance/dpa

Krankschreibung und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in der Videosprechstunde

Krankschreibungen mit der Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) - das geht jetzt auch in einer Videosprechstunde. Allerdings nur unter bestimmten Vorausetzungen: Sie müssen als Patient in der Praxis persönlich bekannt sein - also dort mindestens einmal schon behandelt worden sein. In einer Gemeinschaftspraxis kann dies auch ein anderer Arzt gewesen sein. Und: Die Arbeitsunfähigkeit muss über eine Videosprechstunde feststellbar sein. Diese Möglichkeit gibt es nur, wenn es sich um eine Erstbescheinigung für maximal sieben Tage handelt, so die Kassenärztliche Vereinigung. Für eine Folgebescheinung muss man dann wieder persönlich in der Praxis erscheinen.

Auf eine Krankschreibung nach einer Videosprechstunde hat der Patient allerdings keinen Anspruch. Die Entscheidung darüber liegt nach wie vor beim Arzt.

Videosprechstunden können fast alle Ärzte anbieten - ausgenommen sind allerdings Laborärzte, Nuklearmediziner, Pathologen und Radiologen, so die Kassenärztliche Vereinigung.

Diese Neuerung hat übrigens nichts mit Corona zu tun: "Die Änderungen stehen nicht im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie, sondern gehen zurück auf die berufsrechtliche Lockerung des Verbots der ausschließlichen Fernbehandlung." Wegen Corona sind bis 30. Juni 2021 Videosprechstunden so oft wie nötig erlaubt.

Videosprechstunde: Immer mehr bayerische Ärzte bieten sie an

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich auch in Bayern die Nachfrage von Ärzten und Patienten nach digitalen Sprechstundenangeboten massiv erhöht: Bis Ende Februar 2020 haben in Bayern nur rund 150 Ärzte Videosprechstunden angeboten - mittlerweile gibt es zirka 5.700 Ärzte, die das Angebot nutzen, sagt Monika Schindler, die Leiterin der Digitalisierung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB).

"Ganz viele Ärzte, die vorher Vorbehalte hatten gegenüber digitalem Arbeiten, haben da wohl ihre Meinung geändert." Und ihrer Einschätzung nach wird der Einsatz digitaler Techniken, wie Videosprechstunden auch nach dem Abflauen der Corona-Pandemie nicht mehr wesentlich zurückgehen: "Die Akzeptanz ist gewachsen und wird größtenteils bleiben."

Für welche Fälle ist die Videosprechstunde geeignet?

Die Videosprechstunde punktet dort, wo es vor allem um Beratung geht.

Bisher wurde die Videosprechstunde vor allem bei langen Anfahrtswegen oder nach Operationen - beispielsweise zur Begutachtung des Heilungsprozesses oder Erläuterung der weiteren Therapie - als sinnvoller Dienst wahrgenommen.

In der derzeitigen Situation setzen viele Hausärzte die Videosprechstunden ein, um gemeinsam mit den Patienten Symptome abzuklären: Kann der Patient in die Praxis kommen? Ist es erforderlich, einen Corona-Test zu machen?

Überall da, wo es vor allem erstmal um Beratung geht, punktet die Videosprechstunde: "Wenn man nicht gerade in Mund oder Rachen schauen oder etwa ein Herz abhören muss, ermöglichen Videosprechstunden sehr viel", sagt Digitalexpertin Schindler. Eine Beschränkung auf bestimmte Indikationen gibt es nicht mehr; Videosprechstunden anbieten dürfen alle Ärzte bis auf Laborärzte, Nuklearmediziner, Pathologen und Radiologen.

Weniger Arztbesuche in der Corona-Pandemie, Videosprechstunden häufiger nachgefragt

Über die Hälfte aller Krankenversicherten versucht in der Corona-Pandemie, Arztbesuche möglichst zu vermeiden. Das ergab die Umfrage "Dataplus 2021" des Kommunikationsdienstleisters für Ärzte Socialwave aus München. In der Umfrage erkannten über ein Drittel der über 1.000 Befragten den Sinn und die wachsende bedeutung von Videosprechstunden, dennoch würde nur knapp jeder Fünfte selbst seinen Arzt per Videosprechstunde befragen.
Insgesamt ist die Bedeutung und Nachfrage nach Videosprechstunden in der Corona-Pandemie deutlich gestiegen: Es wurden zwischen dem 4. März und dem 30. Juni 2020 deutschlandweit insgesamt 1,24 Millionen Videosprechstunden durchgeführt, während es im Vorjahreszeitraum wenige tausend waren, meldet das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung Deutschland.

Welche Regeln gelten für Psychotherapie und Videosprechstunde?

Für Psychotherapeuten galten bislang bestimmte Einschränkungen, wie etwa, dass es einen persönlichen Erstkontakt gegeben haben muss und die Diagnose steht.

Für Patienten mit Angststörungen ist der Kontakt zu ihrem Psychotherapeuten gerade jetzt wichtiger denn je.

Im Zuge der Coronakrise wurde die befristete Sonderregelung eingeführt, dass eine Psychotherapie in Ausnahmefällen auch ohne unmittelbaren persönlichen Kontakt mit einer Psychotherapeutischen Sprechstunde und einer Probatorischen Sitzung als Videosprechstunde begonnen werden kann, beispielsweise, wenn dem Patienten ein Aufsuchen der Praxis nicht zumutbar ist. Es überwiegen klar die Vorteile: "Gerade auch viele Psychotherapeuten empfinden die Möglichkeit von Videosprechstunden als großen Gewinn", betont Schindler. Denn einerseits besteht natürlich die Infektionsgefahr beim Kontakt von Therapeut und Patient, andererseits brauchen viele Patienten, gerade wenn sie unter Angststörungen leiden, in diesen Tagen ihre Therapeuten dringender denn je.

Corona-Sonderregelung für die Abrechnung von Videosprechstunden

"Normalerweise dürfen Ärzte und Psychotherapeuten pro Quartal maximal jeden fünften Patienten ausschließlich per Video behandeln, ohne dass dieser in die Praxis kommen muss. Auch die Menge der Leistungen, die in Videosprechstunden durchgeführt werden dürfen, ist auf 20 Prozent begrenzt", schreibt die Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV auf ihrer Website.
Um dem in Corona-Zeiten gestiegenen Bedarf an Videosprechstunden gerecht zu werden, haben sich KBV und der GKV-Spitzenverband darauf geeinigt, diese Begrenzungsregelungen komplett auszusetzen. Diese Sonderregelung gilt bis 30. Juni 2021.

Wie funktioniert die Videosprechstunde technisch - und was brauche ich dafür?

Als Patient müssen Sie sich in den meisten Fällen einfach nur eine App downloaden und können dann über Handy, Tablet oder Laptop eine Verbindung mit der Praxis aufbauen - ein Gerät mit Bildschirm, Kamera und Mikrophon genügt. Welche Software bzw. App verwendet wird, ist von Arzt zu Arzt unterschiedlich, allerdings darf nur geprüfte und zertifizierte Software zum Einsatz kommen.

Wie kann meine Versichertenkarte bei der Videosprechstunde eingelesen werden?

Bis Ende September 2019 durften Ärzte Videosprechstunden nur ihnen bekannten Patienten anbieten, um die Abrechnung mit der Krankenkasse gewährleisten zu können. Seither hat sich das Verfahren vereinfacht, wenn auch nicht gerade auf elegante Weise:

Zu Beginn der Videosprechstunde muss der Patient seine Versichertenkarte so in den Bildschirm halten, dass der Arzt die Identität prüfen und notwendige Daten wie die Bezeichnung der Krankenkasse, Vor- und Nachname des Patienten, Geburtsdatum und Krankenversichertennummer erheben kann. Der Patient bestätigt zudem mündlich das Bestehen des Versicherungsschutzes. 

Wie steht es um den Datenschutz bei der Videosprechstunde?

Patienten- und Datenschutz nach den strengen europäischen Richtlinien sind wichtige Voraussetzungen für die Videosprechstunde, betont Schindler. Der Arzt braucht eine Einwilligung des Patienten für die Videosprechstunde; diese kann entweder über ein Formular abgegeben werden oder über den Dienstanbieter direkt vor der Videosprechstunde. Das Gespräch selbst läuft mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung über gesicherte Server innerhalb der EU, wo im Gegensatz zu den USA die Regeln der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) gelten. Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient darf nicht aufgezeichnet werden und muss in Räumen stattfinden, die Privatsphäre bieten. "Daran sollten vor allem auch die Patienten Zuhause denken", betont Digitalexpertin Schindler.

Um Videosprechstunden durchführen zu dürfen, müssen Ärzte eine Genehmigung der KVB haben. Unter den derzeitigen Umständen wurde das Verfahren der Anmeldung aber vereinfacht: "Die Ärzte müssen uns gegenüber derzeit nur anzeigen, dass sie Videosprechstunden machen", erklärt Monika Schindler.

Weiterführende Links zur Videosprechstunde:


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