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Ziele weit verfehlt: UN veröffentlicht Bericht zur Artenvielfalt | BR24

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Die biologische Vielfalt ist weltweit gefährdet wie nie.

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    Ziele weit verfehlt: UN veröffentlicht Bericht zur Artenvielfalt

    Die Vereinten Nationen haben heute den Globalen Bericht zur Lage der biologischen Vielfalt veröffentlicht. Die Bilanz zum Zustand der weltweiten Lebensgrundlage der Tier- und Pflanzenwelt fällt ernüchternd aus.

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    Wie steht es um die globale Biodiversität? Um diese Frage zu beantworten, veröffentlicht das Sekretariat der Konvention über die biologische Vielfalt der Vereinten Nationen (CBD) alle fünf Jahre den sogenannten „Global Biodiversity Outlook (GBO)“, einen Bericht zum Zustand der weltweiten Tier- und Pflanzenwelt.

    Heute wurde nun der „5. Globale Bericht zur Lage der biologischen Diversität“ vorgelegt und der Blick auf den Zustand der Artenvielfalt und Ökosysteme ist ernüchternd: Demnach wurde kein einziges der vor zehn Jahren für 2020 gesetzten 20 Ziele (sogenannte Aichi-Biodiversitäts-Ziele) vollständig erreicht. Insgesamt, so konstatiert der Bericht, verfehlt die Weltgemeinschaft ihr Ziel, den Verlust der Arten und Lebensräume bis 2020 zu stoppen.

    Ein Grundproblem, so die Autoren, liege dabei in der Diskrepanz zwischen Umfang und Ambition der nationale Ziele der Unterzeichner-Staaten einerseits und den Aichi-Zielen andererseits. So stimmen laut Bericht weniger als ein Viertel (23 Prozent) der nationalen Ziele mit den Aichi-Zielen überein und nur etwa ein Zehntel aller nationalen Ziele ähneln den Aichi-Zielen.

    Was sind die Aichi-Biodiversitäts-Ziele?

    Die 20 Aichi-Ziele für den weltweiten Artenschutz wurden im Jahr 2010 im japanischen Nagoya, Präfektur Aichi, bei der Verabschiedung des Nagoya-Protokolls zur Umsetzung der Ziele der UN-Konvention zur Biodiversität formuliert. Sie untergliedern sich in fünf Bereiche und definieren konkret messbare und mit Indikatoren hinterlegte Vorgaben, beispielsweise:

    • die Ausdehnung der weltweiten Schutzgebiete zu Lande auf 17 Prozent der Oberfläche und auf 10 Prozent auf See
    • ein radikales Absenken der Verlustrate natürlicher Lebensräume
    • ein Ende der Überfischung
    • die Bekämpfung invasiver Arten
    • die Berücksichtigung des Wertes der biologischen Vielfalt in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
    • die Verbreitung dieser Ziele in der Bevölkerung.

    Was kann die Biodiversitäts-Konvention?

    Die Konvention über die biologische Vielfalt (United Nations Convention on Biological Diversity, CBD) wurde 1992 anlässlich des UN-Gipfels über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro von mehr als 150 Staaten unterzeichnet. Mittlerweile ist der Vertrag völkerrechtlich in Kraft getreten und bis 2019 von 196 Staaten und der EU - einschließlich Deutschland - ratifiziert worden.

    Die Biodiversitätskonvention soll sicherstellen, dass Artenvielfalt und Ökosysteme weltweit besonderen Schutz erfahren. Sie geht damit über die Inhalte früherer Umwelt- und Artenschutzabkommen weit hinaus, indem sie den Begriff der Biologischen Vielfalt definiert und klare Ziele festschreibt, wie Schutz und Nutzung von Biodiversität erreicht werden soll. Die 196 Unterzeichner-Staaten haben sich zum Schutz der Artenvielfalt verpflichtet, können aber nicht zu konkreten Maßnahmen gezwungen werden. Deutschland hat beispielsweise erst seit 2007 eine Biodiversität-Strategie.

    Was sagen Umweltvertreter zum aktuellen Bericht?

    Umweltvertreter kritisieren die Befunde des heute vorgelegten globalen Berichts zur Lage der biologischen Diversität. Insgesamt lasse der Biodiversitäts-Bericht nur wenige Fortschritte erkennen, etwa bei der Ausweitung der Schutzgebiete, kritisiert etwa Jörg-Andreas Krüger, Präsident des Naturschutzbund Deutschland (NABU):

    „Das Abkommen krankt an seiner Unverbindlichkeit, so ist es leider nicht verwunderlich, dass die Ziele verfehlt wurden.“ Jörg-Andreas Krüger, NABU-Präsident

    Ein großes Problem sei unter anderem der falsche Einsatz von naturschädlichen Subventionen. Diese seien im vergangenen Jahrzehnt kaum reduziert worden, obwohl sich die Regierungen dazu 2010 verpflichtet hätten. Gleichzeitig fehle es an finanziellen Anreizen für naturverträgliches Wirtschaften.

    Auch Olaf Bandt, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisiert das mangelnde Engagement der Unterzeichner-Staaten:

    „Die Weltgemeinschaft ist noch meilenweit von ihrem Ziel entfernt, den Verlust der Biodiversität zu stoppen. (…) Stattdessen schreitet die Zerstörung der Natur weiter voran und das große Artensterben geht weiter.“ Olaf Bandt, BUND-Vorsitzender

    Gibt es Fortschritte?

    Die Fortschritte, die weltweit zur Bewahrung der biologischen Vielfalt unternommen wurden, reichen nach Meinung der Experten nicht aus, um die Naturzerstörung aufzuhalten. Immerhin gibt es im heutigen Lagebericht zur Biodiversität auch ein paar Lichtblicke:

    • Die Fläche der Schutzgebiete an Land und im Meer ist von jeweils zehn Prozent und drei Prozent auf je 15 Prozent und sieben Prozent gestiegen.
    • Die Umsetzung des Nagoya-Protokolls gegen Biopiraterie, also gegen die illegale Nutzung genetischer Ressourcen von Tieren und Pflanzen, ist angelaufen.
    • Mit 85 Prozent hat die große Mehrheit der Staaten ihre nationalen Strategien und Aktionspläne zum Schutz der biologischen Vielfalt aktualisiert.

    Was kann die Bundesregierung tun?

    BUND-Chef Bandt rief Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu auf, beim UN-Sondergipfel zur Biodiversität am 30. September in New York die Chance zu nutzen, die biologische Vielfalt zur Chefsache zu machen. In den laufenden Verhandlungen für ein neues UN-Regelwerk zum Schutz der Biodiversität müsse sich die Bundesregierung zusammen mit den anderen europäischen Regierungen für ehrgeizige globale Ziele zum Erhalt der Natur einsetzen.

    Bestätigt der aktuelle Bericht einen Trend?

    Eindeutig: ja! Bereits der im Mai 2019 veröffentlichte, umfassende globale Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES hatte auf die dramatische Situation der Ökosysteme aufmerksam gemacht und vor einem ökologischen Kollaps gewarnt, wenn keine radikale Kehrtwende erfolge.

    Und erst vor wenigen Tagen hatte der Living Planet Report 2020 der Umweltstiftung WWF und der Zoologischen Gesellschaft London beklagt, dass die Populationen vieler Tierarten im Durchschnitt um mehr als zwei Drittel geschrumpft sei.

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