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Winfried Stöcker hat einen Impfstoff entwickelt.

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    Winfried Stöcker und sein selbstgemachter Impfstoff

    Der Labormediziner und Unternehmer Winfried Stöcker hat einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt und den an sich und anderen ohne Genehmigung getestet. Was ist dran an dem Präparat, das in der Lage sein soll, die Pandemie zu "pulverisieren"?

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    Von
    • Jan-Claudius Hanika

    "Die beste Impfung gegen Covid-19" nennt der 74-jährige Labormediziner Winfried Stöcker das von ihm entwickelte Präparat auf seiner Webseite. Das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, teilt diese Begeisterung nicht.

    Stöcker hat nach eigenen Angaben seinen Impfstoff (den er selbst "Antigen" nennt) nicht nur sich selbst, sondern auch Familienmitgliedern und Mitarbeitern seines Unternehmens gespritzt. Weil er das ohne Genehmigung getan hat, wurde er vom Paul-Ehrlich-Institut und vom Landesamt für soziale Dienste in Kiel angezeigt. Es sei nicht ausgeschlossen, "dass weitere Herstellungen und Impfungen, die Gesundheit der Probanden schwer gefährden können, durchgeführt werden."

    Impfstoff ist keine neue Idee

    Stöcker präsentiert sein Präparat auf seiner Webseite. Laut der Beschreibung zählt es zu den proteinbasierten Impfstoffen, die auch Protein-Untereinheiten-Impfstoffe oder Subunit-Impfstoffe genannt werden. Diese Impfstoffe enthalten einzelne Bestandteile (Proteine) des Erregers, gegen die die Impfung schützen soll. Protein-Impfstoffe haben sich bereits bewährt, zum Beispiel gegen Grippe und Hepatitis. "Dieses unkomplizierte und jahrzehntelang bewährte Impfschema (...) wäre im Falle der Covid-19 das Gebot der Stunde,“ schreibt Stöcker in seinem Blog vom 08. Februar 2021.

    Auf die Idee, Protein-Impfstoffe gegen das Coronavirus zu entwickeln, sind allerdings auch andere gekommen. Etliche sind in der Entwicklung und für den Protein-Impfstoff von Novovax läuft bereits das Verfahren für die Zulassung in der EU.

    Wichtige Informationen zum Impfstoff fehlen

    Die Zulassung eines Impfstoff dauert meist viele Jahre, weil Wirksamkeit und Verträglichkeit an vielen Probanden ausführlich geprüft werden. Bei Stöckers Präparat fehlen jedoch schon grundlegende Informationen, etwa zum Herstellungsprozess, wie die Virologin und Gutachterin in der Zulassung für Impfstoffe Petra Falb in Ihrem Blog ausführlich erläutert.

    Protein-Impfstoffe wie zum Beispiel gegen Hepatitis B und Cholera werden mithilfe von Hefe-, Säugetier- oder Insektenzellen gentechnisch hergestellt. Dafür werden Gene des Erregers in die Zellen eingeschleust. Bei Stöckers Impfstoff sind jedoch keine Angaben zu finden, mit welchen Zellen und welchen weiteren Materialien dieser eigentlich hergestellt wird. Laut Stöcker basiert seine Impfung auf einem "trivialen rekombinanten Antigen, das man leicht und billig in der Retorte her­stellen kann."

    In der Realität muss die Herstellung jedoch sehr hohen Hygiene- und Qualitätsstandards entsprechen, die hohe Kosten verursachen können. Es besteht bei der Produktion derartiger Impfstoffe stets die Gefahr von Verunreinigungen, zum Beispiel mit Retroviren, die Krebs auslösen können. Informationen fehlen auch zum Wirkverstärker des Impfstoffs, nämlich Aluminium, etwa ob bei diesem Stoff die vorgegebenen Grenzwerte eingehalten werden oder wie er sich bei Lagerung verhält.

    Impfstoff-Tests ohne Genehmigung

    Stöcker hat die Wirkung seines Impfstoffs bereits an Menschen getestet. Dafür hatte er jedoch keine Genehmigung. Für diese hätte er den Impfstoff vorher in einer präklinischen Studie unter anderem im Tierversuch erproben müssen, um beispielsweise herauszufinden, ob das Präparat giftig wirkt oder eine ungewollte Reaktion des Immunsystems hervorruft.

    Für Tests eines Impfstoff an Menschen ist die Bewilligung einer klinischen Studie notwendig. Diese muss die festgelegten Phasen I, II und III durchlaufen und dabei strikt den Vorgaben folgen. Dazu gehören Sicherheitsprotokolle mit regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen der Probanden, der Erfassung von Blutwerten und aller relevanten und auch nicht relevanten gesundheitlichen Ereignisse. Der ganze Aufwand dient dem Schutz der Gesundheit der Probanden und soll am Ende für zuverlässige und aussagekräftige Daten sorgen.

    „Die Zeiten, in denen man irgendwo im Labor etwas zusammenmixt, die man dann irgendjemandem in den Muskel sticht, die sind eigentlich definitiv vorbei. (…) Die Art wie das Rezept formuliert ist – es beginnt mit 'Man nehme ...' – passt für ein Spaghetti-Rezept, aber nicht für eine Impfung, der wir Probanden aussetzen und von der wir uns schlussendlich zuverlässigen Schutz versprechen.“ Christoph Berger, der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF), in der Schweizer Zeitung "20 Minuten"

    Kein Beweis für Wirksamkeit

    Stöcker ist von der Wirksamkeit seiner Impfung überzeugt: „Sie bewirkt bei 97% der Impflinge hohe Spiegel Virus-neutralisieren­der Antikörper und hat bei den ersten hundert Patienten keine gewichtigen Nebenwirkungen hervorgerufen.“ Antikörper sind aber nur ein Teil der Immunantwort auf das Coronavirus. Die zelluläre Immunität findet bei Stöckers Impfstoff keine Erwähnung.

    Die wäre aber interessant, denn die Protein-Impfstoffe lösen beim Immunsystem hauptsächlich eine Antikörper-Antwort aus. Das bedeutet, die Immunantwort kann insgesamt schwächer sein als bei anderen Impfstofftypen. Damit bleibt ungewiss, ob Stöckers Impfstoff überhaupt eine Immunität gegen das Coronavirus Sars-Cov-2 gewährleistet und wenn ja, wie hoch die Wirksamkeit des Impfstoffs ist und wie lange diese anhält.

    Fazit

    Stöckers Impfstoff basiert auf einem Prinzip, das man von anderen Impfstoffen kennt, und er ruft, sofern die Angaben auf seiner Webseite richtig sind, bei Impflingen eine Antikörper-Reaktion hervor. Das sagt aber nichts darüber aus, wie stark und wie lange der Impfstoff gegen die Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 und schwerer Verläufe von Covid-19 tatsächlich schützt.

    Dies lässt sich nur mit Studien mit tausenden Probanden und über mehrere Monate oder Jahre hinweg herausfinden und nicht mit der ungenehmigten Impfung von willkürlich ausgewählter Probanden, darunter Mitarbeiter seines Unternehmens, die wirtschaftlich von ihm abhängig sind.

    „Herr Stöcker hätte natürlich genauso wie jeder andere die Chance gehabt, mit seinem Produkt den Weg der Zulassung zu gehen. (…) Er hätte sich lediglich einen Partner suchen müssen, der Erfahrung im Zulassungsbereich und entsprechende Produktionskapazitäten hat und hätte damit den gleichen Pfad beschreiten können wie alle anderen.“ Petra Falb, Virologin und Gutachterin in der Zulassung für Impfstoffe

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