Schwarz-weiß Foto des ausgebrannten Helikopters auf dem Flugfeld des Militärflughafens Fürstenfeldbruck. Im Hintergrund eine Lufthansa-Maschine.

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Wie kam es zur Falschmeldung beim Olympia-Attentat 1972?

Wie kam es zur Falschmeldung beim Olympia-Attentat 1972?

Anfang September 2022 jährt sich das Olympia-Attentat zum 50. Mal. Palästinensische Terroristen nahmen 11 israelische Sportler als Geiseln, keiner von ihnen überlebte. In der Nacht des Attentats machte eine Falschmeldung die Runde. Ein #Faktenfuchs.

Die sogenannten "heiteren Spiele von München" werden am frühen Morgen des 5. September 1972 jäh unterbrochen. Gegen vier Uhr morgens dringen acht palästinensische Terroristen ins olympische Männerdorf ein und nehmen dort Sportler, Trainer und Kampfrichter des israelischen Teams als Geiseln. Zwei Israelis werden schon in den ersten Minuten erschossen, als sie verhindern wollen, dass die Palästinenser die Unterkunft in der Connollystraße 31 betreten.

Den ganzen Tag über verhandelt eine deutsche Delegation mit den Geiselnehmern, dazu gehören der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber und Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher. Um 22:22 Uhr werden die Geiseln und die Terroristen per Hubschrauber zum Militärflughafen Fürstenfeldbruck gebracht. Dort sollen sie mit einer Lufthansa-Maschine nach Kairo ausgeflogen werden. Es kommt zu einer Schießerei.

Nach 23 Uhr macht eine Meldung die Runde: Alle neun israelischen Geiseln sollen wohlauf und frei sein. Die Meldung verbreitet sich über die ganze Welt, bei vielen Zeitungen ist sie am nächsten Tag die Schlagzeile.

Doch nur wenige Stunden später ist klar, es ist eine Falschmeldung. Am 6. September in den frühen Morgenstunden steht fest: Alle israelischen Geiseln, ein bayerischer Polizist und fünf der Terroristen sind tot. Wie kam es zu dieser Falschmeldung?

Zeitungen weltweit druckten die Falschmeldung, dass die israelischen Geiseln befreit worden seien.

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  • Was die Polizeiakten von damals über das Olympia-Attentat 1972 aussagen, können Sie hier nachhören.

Chaos am Militärflughafen Fürstenfeldbruck

Mit ein Grund, warum die Falschmeldung so überhaupt entstehen konnte, war die Situation vor Ort am Militärflughafen Fürstenfeldbruck, sagt Sven-Felix Kellerhoff. Der Historiker ist leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte bei der Zeitung "Die Welt" und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Olympia-Attentat 1972. Auch er hat sich in seinen Recherchen die Herkunft der Falschmeldung genauer angeschaut.

Im #Faktenfuchs-Interview sagt er: "Das Chaos vor der Einfahrt in Fürstenfeldbruck ist enorm." Zwar habe sich der Militärflughafen selbst gut abschirmen lassen, doch die Zufahrtsstraßen seien nicht gesperrt worden. Journalisten, Fotografen und ganz normale Bürger standen somit vor dem Zaun und hörten die Schießerei.

Das Chaos beschreibt damals auch ein Reporter des Bayerischen Rundfunks, Fritz Wiedemann, in einer Live-Schalte im Radio per Telefon: "Die Nachricht, dass die Hubschrauber in Fürstenfeldbruck gelandet sind, haben doch sehr viele Neugierige angelockt, die die Anfahrtsstraße nach Fürstenfeldbruck so stark blockieren, dass es im Moment kein Weiterkommen mehr gibt. Die Autos stehen kreuz und quer in der Straße, die Leute sind ausgestiegen, haben ihre Privatfahrzeuge einfach stehengelassen, so wie sie nicht mehr weiter konnten, sind zu Fuß weitergegangen. Und die Polizei hat wirklich alle Hände voll zu tun, um die Leute wieder zur Vernunft zu bringen."

Doch nicht alle Journalisten fahren nach Fürstenfeldbruck hinaus. Die meisten von ihnen, rund 300 Personen, bleiben im überfüllten Pressezentrum auf dem Olympiagelände zurück oder bewegen sich auf dem Gelände. Sven-Felix Kellerhoff sagt: "Es ist eine unübersichtliche Lage. Man spricht miteinander: Du, ich habe gehört, das sei passiert. Und der andere sagt: Nein, das kann nicht sein. Aber ich frag nochmal nach." Widersprüchliche Meldungen kursieren im Pressezentrum, keiner kann genau sagen, was vor Ort los ist.

Die Reuters-Eilmeldung: "Alle Geiseln befreit"

Die Meldung, die wahrscheinlich die größte Wirkung entfaltet, kommt von der Nachrichtenagentur Reuters. Um 23:31 Uhr vermeldet sie: "Alle israelischen Geiseln befreit."

Reuters ist damals eine internationale Nachrichtenagentur mit Sitz in London. 2008 wurde sie von der kanadischen Thomson-Gruppe aufgekauft und hat nun ihren Hauptsitz in New York.

Ein paar Minuten nach Veröffentlichung der Reuters-Meldung geht das ZDF mit derselben Nachricht live auf Sendung: "Es scheint festzustehen, dass bei einem Schusswechsel alle Geiseln entkommen sind, und es scheint ferner festzustehen, dass nach dem Schusswechsel die fünf Banditen, wie man sie hier mittlerweile nennt, die Terroristen, auf dem Flugplatzgelände entkommen sind." Eine vermeintliche Sensation: alle Geiseln am Leben.

Woher kommt diese Information? Bis heute ist nicht ganz geklärt, wer sie in die Welt gesetzt hat. Es gibt mehrere Versionen darüber, wer der ursprüngliche Tippgeber gewesen sein könnte.

Ein Mitglied des Olympischen Komitees als Tippgeber?

Eine Person, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, und auch in Sven-Felix Kellerhoffs Recherchen auftaucht, ist Norbert Pollack, er wird zum Beispiel namentlich im Wikipedia-Artikel zum Olympia Attentat genannt. Demnach soll er sich um 23 Uhr als "Pressemitarbeiter des NOK" ausgegeben und den Pressevertretern verkündet haben, die Geiseln seien freigelassen und vier der Terroristen getötet worden. Auch andere Quellen berichten das. Doch einen offiziellen Beleg dafür gibt es nicht, so Sven-Felix Kellerhoff.

Eine #Faktenfuchs-Anfrage beim Deutschen Olympischen Sportbund (Zusammenschluss des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland) ergibt folgendes: Norbert Pollack war tatsächlich Mitglied des Organisationskomitees (OK) München, aber nicht Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland, wie in vielen Quellen behauptet wird. Er taucht in einer Liste aus dem Jahr 1972 auf, als "Stammpersonal des OK". Welche Aufgabe er dort ausgefüllt hat, ist nicht dokumentiert und lässt sich nicht weiter nachvollziehen.

Das bedeutet also: Es kann theoretisch sein, dass Norbert Pollack damals vor Ort in Fürstenfeldbruck gewesen ist. Ob er aber tatsächlich dort war und falls ja, in welcher Funktion und ob er es war, der die Falschinformation in die Welt gesetzt hat, lässt sich nicht mehr klären. Weitere #Faktenfuchs-Recherchen zu Norbert Pollack laufen ins Leere.

Die Feuerwehr Fürstenfeldbruck als Tippgeber?

Das Team des BR-Podcasts "Himmelfahrtskommando - Mein Vater und das Olympia-Attentat 1972" findet bei einer Archivrecherche in Polizeiakten einen weiteren möglichen Tippgeber. Danach sei die Falschinformation vom Leiter der Feuerwehr Fürstenfeldbruck gekommen. Doch auch das lässt sich nicht weiterverfolgen, denn er "ist verstorben", so das Fazit im Podcast (hier ab Minute 14).

Polizist im Olympischen Dorf als Tippgeber?

Auf Nachfrage bei der Nachrichtenagentur Reuters geht hervor, dass die Journalisten damals den Tipp von einem "Polizisten" (engl. police guard) im Olympischen Dorf erhalten hätten, das vermeldet Reuters schon um 23:27 Uhr. Dort aber mit der Einschränkung: Keine andere Quelle hätte diese Information bestätigt. Ein Blick in die verschiedenen Meldungen von Reuters an diesem Abend zeigt auch, dass viele Gerüchte im Umlauf waren und an vielen Stellen Verwirrung herrschte, so ein Pressesprecher von Reuters zum #Faktenfuchs.

Einsatz in Fürstenfeldbruck geht weiter

Gegen halb zwölf Uhr abends am 5. September liegen also widersprüchliche Informationen zur Situation in Fürstenfeldbruck vor.

Eine #Faktenfuchs-Anfrage bei der Nachrichtenagentur dpa (Deutsche Presse-Agentur) ergibt, dass dort um 23:49 Uhr folgende Meldung veröffentlicht wurde: "nach ersten berichten von augenzeugen gelang es bei den Geiseln zu entkommen." (sic)

Das ZDF berichtet um 23:50 Uhr nochmal live mit der Aussage, es gebe jetzt die "amtliche Bestätigung der Polizei, dass drei Terroristen von der Polizei erschossen wurden, in Fürstenfeldbruck, dass einer Selbstmord beging und dass noch ein Terrorist flüchtig ist. Sicher ist jetzt auch, dass alle Geiseln leben." Doch diese amtliche Bestätigung liegt nicht vor und wird auch nie herausgegeben, schreibt Sven-Felix Kellerhoff in seinem Buch "Anschlag auf Olympia. Was 1972 in München wirklich geschah".

Mehr noch, keiner weiß zu diesem Zeitpunkt, wie die Lage ist. Im Pressezentrum erklärt Polizeipräsident Schreiber zeitgleich: "Wir sind noch im Einsatz. Das Flugfeld ist noch nicht geräumt. Das ganze Areal ist hermetisch abgeriegelt." Diese Nachricht läuft live im BR-Radio.

Eine dpa-Meldung von 23:23 Uhr zeigt deutlich, dass sich Gerüchte verbreiten: "'alle fuenf araber hat's erwischt', rief der fahrer eines sanitaetsautos der bundeswehr dem wirt des fuerstenfeldbrucker waldcafes zu." (sic) Diese Meldung nimmt die dpa rund 20 Minuten später wieder zurück, weil sie "in der allgemeinen aufregung nach der schiesserei" (sic) gefallen sei.

Um 23:57 Uhr schreibt die dpa: "bei der schiesserei auf dem flugplatz fuerstenfeldbruck sind nach angaben der polizei drei der arabischen terroristen erschossen worden. einer beging selbstmord. ein weiterer terrorist konnte entkommen. alle geiseln leben, hiess es." (sic)

Auch der BR-Reporter im Pressezentrum in München weiß nicht, wie genau die Lage ist. Er fragt beim Pressesprecher des OK München, Hans (Johnny) Klein, nach. Der wiederum warnt live im Radio davor, den Gerüchten zu glauben: "Das sind alles Agentur- oder Fernsehmeldungen, die wir nicht zu bestätigen in der Lage sind. Wir wissen auch nicht, ob alle Geiseln leben. Wir wissen noch nicht, ob alle Geiseln unverletzt sind oder wie viele verletzt sind."

Bundespressesprecher Conrad Ahlers spricht live im ZDF

Das scheint Conrad Ahlers nicht mitbekommen zu haben. Um 00:05 Uhr spricht der damalige Pressesprecher der Bundesregierung live im ZDF und berichtet von der "glücklichen und gut verlaufenen Aktion". Laut Recherchen von Sven-Felix Kellerhoff soll Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) von der bayerischen Grenzpolizei informiert worden sein, dass alle Geiseln gerettet sind, doch das lasse sich heute nicht mehr abschließend klären. Willy Brandt habe aber laut Kellerhoff selbst erst vor die Presse treten wollen, wenn eine Bestätigung der Information von Innenminister Hans-Dietrich Genscher vorliegt. Genscher ist schon den ganzen Tag Mitglied des Krisenstabs.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass der IOC-Präsident Avery Brundage dem Pressesprecher Ahlers zur Befreiung der Geiseln gratuliert haben könnte, so Sven-Felix Kellerhoff. Conrad Ahlers geht jedenfalls um kurz nach Mitternacht vor die Kameras und spricht danach auch noch live in internationalen Medien, wie dem US-Sender ABC.

Die dpa hat ihre Meldung da schon zurückgezogen, und zwar um 00:13: "polizeiäußerung hat sich nicht bestätigt." (sic)

Kurz nach Mitternacht: Alle Geiseln sind längst tot

Aus dem offiziellen Ablaufprotokoll der Einsatzkräfte, das sich im Staatsarchiv München befindet, geht hervor: Alle neun israelischen Geiseln und ein bayerischer Polizist sind zu diesem Zeitpunkt schon tot, sowie drei der Attentäter.

Es kommt in den nächsten eineinhalb Stunden immer wieder zu Feuergefechten in Fürstenfeldbruck.

Die Falschmeldung, dass die Geiseln befreit und wohlauf sind, ist mittlerweile auch bei der israelischen Regierung angekommen, wie die dpa um 00:50 Uhr vermeldet: "einer ersten, der deutschen presse-agentur gegebenen stellungnahme aeusserte verkehrsminister schimon peres seine freude und genugtuung ueber 'dieses ende der tragoedie'" (sic).

Aber erst um 01:32 Uhr fällt der letzte Schuss, zwei weitere Terroristen sind von den Einsatzkräften erschossen worden. Die drei überlebenden Palästinenser werden festgenommen. Um 2 Uhr werden in Fürstenfeldbruck die neun toten Israelis geborgen. Die Befreiungsaktion ist fehlgeschlagen. Die dpa schreibt um 01:43 Uhr: "das schicksal der geiseln ist noch immer ungeklaert."

Um 02:40 Uhr zieht Johnny Klein im Pressezentrum Bilanz und selbst zu diesem Zeitpunkt kann er nicht endgültig sagen, wie viele Geiseln tot sind: "Das Ergebnis ist furchtbar. […] Neun Geiseln sind vermutlich bei der nächtlichen Aktion auf dem Flugplatz in Fürstenfeldbruck ums Leben gekommen. Es steht noch nicht fest, ob vielleicht eine oder möglicherweise sogar zwei überlebt haben. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering." Er schließt mit den Worten: "Die ganze Aktion, die wohldurchdacht war und darauf abzielte, unschuldige Menschenleben zu bewahren, endete mit diesem Desaster." (hier nachzuschauen in der BR-Mediathek ab Minute 18:30).

Um 02:55 Uhr meldet die dpa: "eil eil: alle 9 israelische geiseln tot, erklärte sprecher des bundesinnenministeriums." (sic). Und in den USA spricht der Moderator Jim McKay um 03:24 Uhr deutsche Zeit live im Fernsehen beim Sender ABC die Worte, die um die Welt gehen: "They’re all gone", sie sind alle tot (hier ab Minute 04:07).

Unübersichtliche Situationen führen zu Gerüchten

Vor allem die chaotische Situation vor Ort hat wohl dazu geführt, dass sich die Falschmeldung verbreitet hat. In einer derartigen Situation sei es schwierig, an gesicherte Informationen zu kommen, sagt Sven-Felix Kellerhoff im #Faktenfuchs-Interview. Er zweifelt aber auch daran, dass es die Aufgabe der Journalisten ist, während eines solchen Polizeieinsatzes eine Art Live-Ticker zu liefern: "In so einer Situation hat das Recht der Öffentlichkeit auf Information, das ich ja sowieso für fragwürdig halte, eindeutig zurückzustehen hinter dem verzweifelten Bemühen der Polizei und der Behörden, Menschenleben zu retten. Menschenleben gehen immer vor."

In so einem Fall könne Berichterstattung den Behörden auch nicht weiterhelfen, aber viel kaputt machen, gerade für Angehörige wie Ankie Spitzer zum Beispiel. Die Ehefrau des Fechttrainers André Spitzer erfährt aus den Medien die Falschnachricht. Ihre Eltern holen vor Freude über den vermeintlich guten Ausgang der Geiselnahme den Champagner aus dem Kühlschrank. "Da war André Spitzer schon mindestens eine Stunde tot", so Sven-Felix Kellerhoff.

Nachrichtensperre wird nicht durchgesetzt

Auch die damaligen Behörden wirken in der Rückschau überfordert mit der Kommunikationssituation. Zwar gibt es seit den frühen Morgenstunden des 5. September 1972 eine Nachrichtensperre, doch sie wird nicht durchgesetzt. Das wäre für die Behörden zumindest mit Blick auf die Fernsehsender technisch leicht umzusetzen gewesen, so Sven-Felix Kellerhoff. Alle Signale müssen damals über eine von der Deutschen Bundespost betriebene Schaltstelle auf dem Olympiagelände geleitet werden. "Das sind Beamte gewesen, die hätten einen Schalter umlegen müssen und es hätte keine Bilder aus dem olympischen Dorf mehr gegeben. Es gab damals noch keine Livekameras, die sozusagen von jedem beliebigen Ort mit einer Satellitenschüssel irgendwohin senden", sagt Kellerhoff.

Fazit: Quelle der Falschmeldung nicht mehr zu ermitteln

Grundsätzlich lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen, wer die Quelle für die Falschmeldung in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1972 war, dass die israelischen Geiseln die Schießerei in Fürstenfeldbruck überlebt hätten. Doch die Tatsache, dass die internationale Nachrichtenagentur Reuters sie verbreitet hat, und die Live-Interviews im Fernsehen mit Bundespressesprecher Conrad Ahlers haben dazu geführt, dass sich die Falschmeldung über die ganze Welt verbreitete.

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