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Eine junge Frau hält zwei Scheiben Toastbrot mit eingeritzten Gesichtern in den Händen.
© pa / dpa / Christin Klose

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Andrea Koeppler
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Eine junge Frau hält zwei Scheiben Toastbrot mit eingeritzten Gesichtern in den Händen.

Weizen ernährt die Welt - und das schon seit vielen tausend Jahren. Doch nicht nur in Deutschland geben ihm immer mehr Menschen die Schuld für unerklärliche Krankheitssymptome. Ernährungsberater und Autoren populärwissenschaftlicher Bücher schüren Ängste vor dem wichtigen Lebensmittel.

Gleichzeitig wird den Betroffenen Hysterie unterstellt und ihr Leiden viel zu selten ernst genommen. Dabei werden häufig zweierlei Krankheiten in einen Topf geworfen: Menschen, die an der viel selteneren Zöliakie leiden und bei denen die Zufuhr von Gluten zu einer Entzündung in der Darmschleimhaut führt - und Menschen mit einer Weizenunverträglichkeit.

Endlich eine Diagnosemöglichkeit

Blähbauch und massive Verdauungsprobleme, Durchfallattacken nach dem Essen - all das schränkt das Leben von Menschen mit Weizenunverträglichkeit extrem ein. Trotzdem werden viele mit diesen Problemen von Arzt zu Arzt geschickt - ohne Diagnose. Erst seit kurzem gibt es einen Nachweis: Während einer Endoskopie können die Allergene direkt an der Darmschleimhaut getestet werden. Die "eingebildeten Kranken" bekommen endlich eine Diagnose.

Verträglichkeit weggezüchtet?

Doch warum vertragen Menschen plötzlich keinen Weizen mehr? Und warum werden es immer mehr? Ein Verdacht: Es liegt an der Weiterentwicklung des Weizens - denn der hat sich verändert. Er wurde hinsichtlich seiner Backfähigkeit und seines Ertrags gezüchtet.

Vernachlässigt wurde dabei die Verträglichkeit des Weizens. Sie kann durch das Vorhandensein des bekannten Klebereiweißes Gluten, das Backwaren so schön fluffig macht, aber auch durch bestimmte Eiweiße, die den Weizen vor Fressfeinden schützen sollen oder durch FODMAPS-Kohlenhydrate, die besonders bei der industriellen Produktion ins Gewicht fallen, für manche Verbraucher nicht mehr gegeben sein.

Glutenfreie Produkte als Lösung?

Jetzt ist guter Rat für die Weizen-Sensitiven teuer - im wahrsten Sinne des Wortes: Viele Betroffene greifen zu glutenfreien Produkten, die deutlich mehr kosten als konventionelle Lebensmittel. Für die Hersteller ein riesiges Geschäft. Aus einem Nischenprodukt für Zöliakie-Kranke wurde ein gefragtes Lifestyle-Produkt - für alle, die den Weizen fürchten.

Rückbesinnung auf alte Sorten

Einen Vorteil hat der Boom der glutenfreien Produkte aber: Es findet eine Rückbesinnung auf andere Getreidesorten statt. Immer häufiger werden alte regionale Sorten auf die Felder gebracht, auch alte Weizensorten. Die Rückmeldung der Verbraucher: Sie werden besser vertragen, als die neu gezüchteten Sorten. Wissenschaftlich bewiesen ist das aber nicht. Trotzdem: Biobauern und Züchter treffen sich regelmäßig auf den Versuchsfeldern. Ihr Ziel ist ein bekömmlicherer Weizen, um das Getreide zu rehabilitieren.

Doch ist das überhaupt möglich? Beim Anbau müssen sich die Landwirte auch auf alte Methoden zurückbesinnen. Zudem können mit den alten Sorten bei weitem nicht die Erträge von Hochleistungsweizen erzielt werden. Außerdem kann das Mehl des alten Getreides teilweise nicht industriell verarbeitet werden, denn die Teige benötigen einen langen Gärprozess: Manche sind druckempfindlich und so für Backmaschinen nicht geeignet.

Wo ist die Politik?

Eigentlich wäre das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefragt, die Züchtung von Weizen und seine Verarbeitung unter dem Aspekt der Gesundheit und Verträglichkeit zu untersuchen. Doch derzeit wird keine Studie in Richtung Weizenunverträglichkeit gefördert. Das Feld wird also allein der Industrie und der von ihr bezahlten Forschung überlassen.

Sicher ist: Es gibt eine Zunahme der Weizenunverträglichkeit, die offenbar zusammenhängt mit der industriellen Verarbeitung und dem dafür optimierten Weizen. Die Forschung dazu ist noch lange nicht zu Ende.