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Sind Frauen bei der medizinischen Versorgung im Nachteil? | BR24

© picture-alliance/dpa

Ob Implante, Impfdosen oder Medikamententests: Bislang ist die medizinische Behandlung auf den männlichen Körper ausgerichtet. Frauen-Körper aber ticken anders. Forscher haben das Problem jetzt erkannt.

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Sind Frauen bei der medizinischen Versorgung im Nachteil?

Ob physiologisch, hormonell oder anatomisch: Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt es viele. Doch gerade in der Medizin werden diese noch viel zu wenig berücksichtigt. Das kann zu Fehldiagnosen und Komplikationen führen. Meist trifft es Frauen.

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Männer und Frauen unterscheiden sich anatomisch, physiologisch und hormonell voneinander. In den medizinischen Lehrbüchern werden diese Unterschiede bisher viel zu wenig berücksichtigt, sagt Sabine Oertelt-Prigione, Professorin für Gendermedizin an der Radboud Universität im niederländischen Nijmegen. Dort sei der männliche Körper der Prototyp eines menschlichen Organismus - Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen sind nicht selten die Folge. Doch nicht nur in der medizinischen Forschung gilt der Mann in der Regel noch heute als Maß aller Krankheiten. Auch Medikamente werden meist nur an Männern getestet. Mit erheblichen Nachteilen - für beide Geschlechter. Außerdem gibt es, neben den biologischen, noch die soziokulturellen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Auch sie können die medizinische Versorgung beeinflussen.

Frauen beschreiben ihre Krankheiten ausführlicher

Frauen gehen im Durchschnitt häufiger zum Arzt als Männer und beschreiben ihre Krankheitsbilder ausführlicher. Doch in Arztpraxen und Kliniken regiert ein minutengenauer Terminkalender, der vor allem von Zeitmangel geprägt ist. Das könne mitunter dazu führen, dass Frauen mit ihren Beschwerden nicht ernst genug genug genommen werden, meint Oertelt-Prigione.

"Dass es vielleicht mehr Details ans Licht bringt und tendenziell zu einer langfristig besseren Behandlung führen kann, ist erstmal nicht der Punkt, sondern ich muss als Ärztin, als Arzt suchen, was sind die Hauptsymptome, was sind Dinge, die zwar für die Person relevant sind, aber für mich, für die Diagnosefindung nicht so relevant sind? ... Dieser Prozess dauert eben ein bisschen." Sabine Oertelt-Prigione, Professorin für Gendermedizin an der Radboud Universität im niederländischen Nijmegen

Hormone und Zellen machen den Unterschied

Aber warum kommen auch heute noch meist nur männliche Probanden für die medizinische Forschung zum Einsatz? Ein Grund dafür ist, "man hat einfach mal angenommen, dass männliche und weibliche Zellen gleich sind. Aber die Prototyp-Zellen waren in der Regel männliche Zellen, so dass ganz viele Erkenntnisse, die wir haben, eigentlich nur für die Männer zutreffen", erklärt Vera Regitz-Zagrosek, Kardiologin an der Charité in Berlin und Mitbegründerin der Gendermedizin in Deutschland.

Erst seit wenigen Jahren erkennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, dass das so nicht stimmt. Es gibt nicht nur handfeste biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die über Genesung, Behandlung und Gesundheit entscheiden können: Frauen sind in der Regel kleiner als Männer, haben einen anderen Stoffwechsel, kleinere Organe, mehr Fettgewebe und stärkere Wassereinlagerungen.

Darüber hinaus unterscheiden sie sich auch hormonell deutlich von Männern. Und das ist bedeutsamer, als lange angenommen wurde. Denn Zellen sind an ihrer Oberfläche mit Rezeptoren ausgestattet, an die Geschlechtshormone andocken können. Je nachdem, ob sich ein weibliches oder männliches Geschlechtshormon an den Rezeptor heftet, verändert das die Reaktionsweise der Zelle, sagt Marylyn Addo, Infektionsforscherin am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg.

Bestimmte Erkrankungen: geschlechtsspezifisches Risiko

Die Unterschiede zwischen Mann und Frau wirken sich vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei Diabetes 2 und beim Immunsystem aus. So schützt ein hoher Östrogenspiegel Frauen vor ihren Wechseljahren vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weil Östrogen die Blutgefäße erweitert. Bei den Männern ist es dagegen umgekehrt: Das Testosteron zieht die Blutgefäße zusammen, sodass das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen, zumindest für jüngere Männer deutlich höher ist als für jüngere Frauen.

Durch Unterschiede im Stoffwechsel sterben Frauen eher an Diabetes 2, dem sogenannten Altersdiabetes, als Männer. Die "Zuckerkrankheit" schädigt bei ihnen Herz und Nieren stärker. Auch das Immunsystem ist bei Frauen, bedingt durch das Östrogen, aktiver, was sie zwar vor Erkältungskrankheiten stärker schützt, aber bei Impfungen auch stärker reagieren lässt. Diese erhöhte Aktivität des Immunsystems könnte zudem erklären, warum Frauen viel häufiger als Männer von Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multiple Sklerose betroffen sind.

Frauen haben andere Symptome beim Herzinfarkt

Auch Symptome von Krankheiten können je nach Geschlecht anders verlaufen. Frauen haben zum Beispiel bei einem Herzinfarkt oft Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit oder Rückenschmerzen. Als klassische Symptome für einen Herzinfarkt gelten aber Atemnot, Druckgefühl in der Brust und starke Brust-Schmerzen, die in die Arme oder andere Körperteile ausstrahlen. Symptome, die meist bei Männern auftreten. Stellt der Arzt eine Fehldiagnose, weil er nicht an einen Herzinfarkt denkt, kann das fatale Folgen haben.

Manche Medikamente wirken bei Frauen stärker

Da die Verdauung bei Frauen, insbesondere bei einem hohen Progesteronspiegel vor den Wechseljahren, länger dauert als bei Männern - Progesteron lässt die Muskeln und damit den Verdauungstrakt entspannen - verbleiben Medikamente bei Frauen auch länger im Körper. Das könnte ein Grund sein, warum Medikamente bei Frauen häufig stärker wirken als bei Männern.

Arzneimittel hauptsächlich an Männern getestet

Es kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: Jahrzehntelang wurden neue Arzneimittel ausschließlich an Männern getestet. Die Medikamente sind heute alle auf dem Markt. Lange argumentierten die Pharmahersteller, Frauen könnten ja schwanger sein, man wolle das ungeborene Kind schützen. Aber mittlerweile hat auch bei den Pharmaunternehmen ein Umdenken stattgefunden:

"Gendermedizin findet auch in der klinischen Forschung statt bzw. hält dort Einzug. Also die Erkenntnisse, dass es bei Männern und Frauen Unterschiede gibt, die setzen sich auch in der klinischen Forschung nach und nach durch." Jens Peters, Geschäftsfeldleiter Klinische Forschung vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie

Typischer Proband "für fast niemanden adäquat"

Ein weiteres "echtes Minus für die Behandlung" sei, dass Arzneimittel zu 70 Prozent an gesunden, jungen Männern getestet werden, ohne Übergewicht und ohne chronische Krankheiten, meint die Gendermedizinerin Sabine Oertelt-Prigione. Das gilt nicht nur für weibliche Patienten:

"Wir müssen uns erstmal prinzipiell klarmachen, dass ein 70 Kilogramm [schwerer], gesunder junger Mann repräsentativ ist für eigentlich niemanden unserer Patientinnen und Patienten. Weil die meisten Menschen, die Medikamente nehmen, sind zum größten Teil älter, nehmen mehrere Medikamente, haben eine Körperstruktur, die dem nicht entspricht. Also dieser typische Proband ist eigentlich für fast niemanden adäquat." Sabine Oertelt-Prigione, Professorin für Gendermedizin an der Radboud Universität in Nijmegen, Niederlande

Auswirkungen auf die medizinische Versorgung

Aber nicht nur bei Symptomen, Krankheitsbildern und der Wirkung von Medikamenten gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Auch die medizinische Versorgung verläuft - statistisch gesehen - bei Männern und Frauen unterschiedlich ab. So bekommen Frauen zwei bis dreimal häufiger Psychopharmaka verordnet. Männer erhalten dagegen mehr Stents oder Herzkatheter. Die angeblich weibliche Krankheit Osteoporose wird bei Männern seltener erkannt, ähnlich wie der vermeintlich männliche Herzinfarkt bei Frauen. Das Ziel der Gendermedizin muss also sein, die Qualität der Versorgung zu verbessern - und zwar für beide Geschlechter.

© Bayerischer Rundfunk

Frauen sind medizinisch gesehen benachteiligt, denn Medikamente werden überwiegend an Männern getestet. Obwohl sie bei Frauen anders wirken und anders dosiert werden müssten. Krankheiten kündigen sich zudem teils anders an und werden nicht erkannt.