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Die Corona-Pandemie beeinflusst die Sterbefallzahlen in Deutschland maßgeblich. Die Frage, ob sie 2020 zu einer Übersterblichkeit führten, lässt sich jedoch noch nicht eindeutig beantworten. Ein #Faktenfuchs.

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Sind 2020 weniger Menschen gestorben als in den Jahren davor?

Die Corona-Pandemie beeinflusst die Sterbefallzahlen in Deutschland maßgeblich. Die Frage, ob sie 2020 zu einer Übersterblichkeit führten, lässt sich jedoch noch nicht eindeutig beantworten. Ein #Faktenfuchs.

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Von
  • Jana Heigl

Woche für Woche meldet das Robert-Koch-Institut neue Rekordzahlen an Corona-Toten. Dennoch gibt es Verwirrung darüber, ob im letzten Jahr tatsächlich mehr Menschen gestorben sind als in den Vorjahren. Mehrere User schrieben an den BR24-#Faktenfuchs bezüglich eines Videos des Youtubers Samuel Eckert aus der Querdenken-Szene. Ein Leser fragte: "Da sieht es so aus, als würden in 2020 weniger Menschen gestorben sein, als in einem normalen Jahr ohne Pandemie zu erwarten wären. (...) Rechnen die sich das schön?"

Der #Faktenfuchs hat die Behauptungen, die Eckert in seinem Video zu Deutschland äußert, überprüft.

Wer ist Samuel Eckert?

Der Youtuber Samuel Eckert ist in der Querdenken-Szene kein Unbekannter. Als Corona-Verharmloser ging er mit Bodo Schiffmann, einem bekannten Querdenker, in mehreren deutschen Städten auf "Info Tour". Außerdem betreibt er die Telegram-Gruppe "Samuel Eckert Youngsters", in der er Kinder und Jugendliche unter anderem fälschlicherweise vor dem Tragen von Masken warnt, wie tagesschau.de berichtete. Warum Masken für Kinder aber nicht schädlich sind, hat der #Faktenfuchs hier untersucht.

Eckert hat im vergangenen Jahr schon einmal ein Video zur vermeintlich geringen Sterblichkeitsrate während der Corona-Pandemie veröffentlicht. Im Mai interpretierte er Daten des Statistischen Bundesamts zur Sterblichkeit in Deutschland falsch, wie Correctiv berichtete, und ließ es irreführenderweise so aussehen, als würden trotz Corona nicht mehr Menschen sterben als in normalen Jahren.

Am 29. Dezember veröffentlichte er ein ähnliches Video. Dieses Mal verglich er die Sterblichkeitsraten sämtlicher EU-Länder und stützte sich auf Zahlen von Eurostat zur wöchentlichen Mortalität in den einzelnen Ländern sowie auf Zahlen des Statistischen Bundesamts. Das schon vorneweg: Er interpretiert sie falsch.

Was ist Übersterblichkeit?

Um die Gründe für seine Fehlinterpretation zu verstehen, muss man zuerst den Begriff der Übersterblichkeit verstehen. Grundsätzlich wird "Übersterblichkeit" dazu genutzt, über einen bestimmten Zeitverlauf eine erhöhte Sterblichkeit in einem Gebiet zu identifizieren - so definiert auch das Robert-Koch-Institut (RKI) den Begriff. Die Übersterblichkeit ist ein wichtiges Konzept, um etwa während einer Epidemie oder Pandemie den Überblick über das Ausmaß zu behalten.

Damit das möglich ist, wird eine sogenannte Basismortalität ermittelt, also die erwartete Anzahl an Toten in Deutschland in einem Jahr. Beim Statistischen Bundesamt wird sie anhand der Sterbefallzahlen der letzten Jahre berechnet, es gibt aber auch komplexere wissenschaftliche Berechnungen - zum Beispiel bei EUROMOMO, einem Projekt, das die Mortalitätsraten europäischer Länder überwacht.

Weichen die Todeszahlen etwa während einer Grippewelle stark von der Basismortalität, also der vorher ermittelten Norm ab, bezeichnet man das als Übersterblichkeit. Sie ist ein Hinweis darauf, wie viele Menschen tatsächlich während der Grippewelle gestorben sind - selbst wenn nicht allen von ihnen offiziell beim RKI als Grippe-Tote gemeldet sind.

Auch während der Covid-19-Pandemie ist sie ein wichtiges Mittel dafür, die Intensität der Pandemie zu überwachen. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht dazu wöchentlich eine Sonderauswertung der absoluten Sterbefallzahlen. Grundlage für den Vergleich sind dabei immer die Sterbefallzahlen seit 2016.

Welchen Anteil hat die Überalterung an der Sterberate?

Laut Statistischem Bundesamt muss man bei der Einordnung der Sterbefallzahlen berücksichtigen, dass sie von der Größe und der Altersstruktur der Bevölkerung beeinflusst werden. Konkret heißt das: Gibt es mehr Ältere, muss man auch mit mehr Sterbefällen rechnen. 2020 waren laut Max-Planck-Institut für demografische Forschung 6,83 Prozent der Bevölkerung über 80. 2016 waren es noch 5,75 Prozent. Das ist ein Wachstum von 20 Prozent. Zum Vergleich: Die Altersgruppe der 35-59 Jährigen ist seit 2016 um rund 2 Prozent geschrumpft. "Auch ohne Covid-19 würde es höhere Todeszahlen geben", sagt Göran Kauermann. Er ist Statistiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

Bei der älteren Bevölkerung setzt Samuel Eckert in seinem Video an: Er impliziert fälschlicherweise, die zusätzlichen Todesfälle 2020 seien ausschließlich durch diese Zunahme an Menschen über 80 in der Bevölkerung zu erklären. Weil die ohnehin eine höhere Wahrscheinlichkeit hätten, zu sterben, seien die höheren Zahlen nicht verwunderlich. Dazu erreichte uns die Mail einer Leserin. Sie fragt: "Wie ist die Schlussfolgerung zu bewerten, dass der Anstieg der Sterbefallzahlen durch den demografischen Wandel erklärbar ist (...)?"

Um die Sterblichkeit der vergangenen Jahre miteinander vergleichen zu können, müssen die Todeszahlen ins Verhältnis mit der Altersverteilung innerhalb der Bevölkerung gesetzt werden.

Statistiker Kauermann von der LMU hat das mit seinem Team getan. Mit dem Ergebnis: Ja, es gibt mehr ältere Menschen. Dennoch sind die höheren Todeszahlen angesichts der Basismortalität nicht allein durch diesen Anstieg zu erklären. "Wir haben vor allem im Dezember eine massive Problematik bei den über 80-Jährigen", sagt Kauermann. In einer Grafik der LMU München ist das deutlich zu erkennen.

Die folgende Grafik zeigt, wie hoch die Todeszahlen pro Kalenderwoche in den vergangenen Jahren waren. Anhand der roten Linie erkennt man gut, wie die Todeszahlen 2020 vor allem in den letzten Wochen des Jahres stark angestiegen sind. Dass diese Sterbefälle auf den starken Anstieg der Covid-19-Toten zurückzuführen ist, zeigt die blaue Linie. Sie steht für die Todesfälle 2020 ohne Corona-Tote und ist vom Mittelwert der Todesfälle von 2016-2019 (hier die grüne Kurve) kaum zu unterscheiden. Wären mehr ältere Menschen in Deutschland tatsächlich der Grund für die hohen Todeszahlen im letzten Jahr, müsste das in der blauen Kurve sichtbar sein. Das ist es nicht.

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Bei den über 80-Jährigen ist die Mortalitätsrate zum Jahresende 2020 stärker angestiegen als in den Vorjahren

Eckerts Behauptung, die erhöhte Zahl der Todesfälle sei durch die demographische Veränderung zu erklären, ist demnach falsch. Die Älteren in der Bevölkerung sind allerdings stark von Corona betroffen - bei den Jüngeren gibt es deutlich weniger Todesfälle - auch bedingt durch die positiven Auswirkungen der Corona-Maßnahmen.

Gab es 2020 eine Übersterblichkeit?

Um diese Frage zu beantworten ist es wichtig, sich die aktuellen Sterbefallzahlen der gesamten Bevölkerung anzusehen (Stand: 15.01.2021). Für die Beurteilung der Jahresübersterblichkeit sind nicht nur die Covid-19-Toten relevant, sondern auch die relativ milde Grippewelle im Frühjahr 2020. Übrigens: Der Ausschlag Mitte August ist laut Statistischem Bundesamt auf die gestiegenen Todeszahlen aufgrund der starken Hitzewelle zurückzuführen.

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2020 sind zum Jahresende mehr Menschen gestorben, als im Schnitt der Jahre 2016 bis 2019

Statistiker Kauermann sieht eine Übersterblichkeit vor allem im Dezember. "Aktuell haben wir in Deutschland eine Übersterblichkeit. In Bezug auf die Jahresübersterblichkeit wird sich aber herausstellen, dass 2020 kein herausstechendes Jahr ist." Das liege auch daran, dass in der ersten Corona-Welle im Frühling keine ausgeprägte Übersterblichkeit stattgefunden hat. Ein weiterer Faktor: Bei der jüngeren Bevölkerung haben die Corona-Maßnahmen sogar einen positiven Effekt. Dazu später mehr.

Dmitri Jdanov vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung sieht das anders. "Wir können 2020 durchaus eine Übersterblichkeit beobachten", sagt er im Interview mit dem #Faktenfuchs. Es sei nicht richtig, das Jahr 2020 mit den Jahren 2017 und 2018 zu vergleichen, weil damals durch die heftigen Grippewellen ungewöhnlich viele Menschen gestorben seien. "Das sind keine normalen Werte." Lege man ein Jahr wie 2019 als Vergleichswert fest, wo die Grippewelle nicht so extrem ausgefallen sei, werde deutlich, dass 2020 ungewöhnlich viele Menschen in Deutschland gestorben seien. “Das ist ein Anstieg von um die 7 Prozent”, sagt Jdanov.

Göran Kauermann, der Statistiker von der LMU, betont aber auch, dass in manchen Bundesländern derzeit durchaus eine aktuelle Übersterblichkeit zu beobachten sei - etwa in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen. In Sachsen liege die Übersterblichkeit in den letzten Wochen des Jahres sogar bei 70 Prozent - maßgeblich getrieben durch das Infektionsgeschehen dort.

Laut Felix zur Nieden, Experte für die Sterbefall-Statistik beim Statistischen Bundesamt, ergibt das Konzept der Übersterblichkeit zum aktuellen Zeitpunkt vor allem zur Beschreibung von Saisonverläufen Sinn: "Wir haben sowohl im April, im August und seit Mitte Oktober deutlich erhöhte Werte gesehen", antwortet er auf eine Mail-Anfrage des #Faktenfuchs. "Um die Sterblichkeit des Gesamtjahres adäquat beurteilen zu können benötigen wir weitere Daten, die erst Mitte des Jahres vorliegen werden."

Was bedeutet das für die Gefährlichkeit der Corona-Pandemie?

Die Sterbefallzahlen in Deutschland im Jahr 2020 sind kein Indiz dafür, dass die Corona-Pandemie weniger gefährlich ist als von Experten angenommen. Das bestätigt auch ein Blick auf die Sterbefallzahlen in Europa, die um ein vielfaches höher sind als in den letzten Jahren.

Außerdem müsse man die Sterbefallzahlen immer nur im Kontext der Maßnahmen sehen, sagt Felix zur Nieden vom Statistischen Bundesamt. "Wir können nicht sagen, was ohne die Maßnahmen passiert wäre."

In Deutschland sieht man bei den jüngeren Bevölkerungsgruppen teilweise sogar eine geringere Sterblichkeit als in den Jahren davor. Eckert nahm das in seinem Video zum Anlass, um vom "besten Jahr seit fünf Jahren für diese Bevölkerungsgruppen" zu sprechen. Auch das ist aber im Kontext der Corona-Maßnahmen zu sehen: Durch die Einschränkungen im letzten Jahr reduzierte sich laut Statistischem Bundesamt zum Beispiel die Zahl der Verkehrsunfälle. Außerdem führten die Corona-Maßnahmen und eine milde Grippewelle laut Statistischem Bundesamt zu weniger Grippe-Toten.

Fazit: 2020 sind nicht weniger Menschen gestorben, als in den Jahren davor. Der Youtuber und Querdenker Samuel Eckert interpretiert die Daten falsch. Zwar gibt es anteilig an der Gesamtbevölkerung mehr über-80-Jährige als 2016, dies allein ist aber nicht der Grund für die gestiegenen Todeszahlen. Besonders bei der älteren Bevölkerung zeigt sich laut Berechnungen des Statistischen Instituts an der LMU ganz klar ein Corona-Effekt. Gleichzeitig spielen die Corona-Maßnahmen eine Rolle, die bei jüngeren Bevölkerungsgruppen für weniger Tote gesorgt haben.

Dennoch lässt sich die Frage nicht eindeutig beantworten; Experten und Statistiker sind sich einig darin, dass zumindest saisonal eine Übersterblichkeit zu beobachten war. Eine definitive Antwort auf die Frage der Jahresübersterblichkeit kann es aber erst Mitte 2021 geben, wenn alle Daten ausgewertet wurden. Dass Experten z.T. unterschiedliche Sichtweisen auf die Übersterblichkeit haben, hat mit der Definition der Basismortalität zu tun und damit, dass in den Jahren 2017 und 2018 ungewöhnlich viele Menschen an der Grippe gestorben sind.

Die Sterbefallzahlen sind außerdem immer im Kontext der getroffenen Corona-Maßnahmen zu betrachten - man weiß nicht, wie viele Tote es ohne die Maßnahmen gegeben hätte. Samuel Eckert spielt in seinem Video die Gefährlichkeit der Corona-Pandemie herunter. Die Zahl der Toten 2020 gibt jedoch keinen Anlass dafür.

*Anmerkungen der Redaktion: Die Lesermails wurde bezüglich der Rechtschreibung und Grammatik angepasst.

15.02.2021, 15 Uhr: Die Grafik mit Zahlen des statistischen Bundesamtes zu den wöchentlichen Sterbefallzahlen im Jahr 2020 wurde um die Kalenderwochen 52 und 53 ergänzt. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels waren diese Zahlen noch nicht verfügbar.

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  • Jana Heigl
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