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Eine neue Studie belegt: Die Chemikalie namens 6PPD, die Reifen vor Ozon schützen soll, ist für Fische tödlich.

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    Reifenabrieb giftig für Silberlachse

    Jahrzehntelang rätselten Wissenschaftler über das Massensterben von Silberlachsen, die zum Laichen vom Westpazifik in Flüsse wandern. Jetzt haben sie eine Chemikalie in Autoreifen als Ursache gefunden. Auch Wasserorganismen bei uns sind gefährdet.

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    Von
    • Sylvaine von Liebe

    Silberlachse werden in Süßwasserflüssen geboren. Dort verbringen sie das erste Jahr ihres Lebens, bevor sie ihre weite Reise ins Meer antreten. In küstennahen Gebieten verbringen die Tiere dann den größten Teil ihres Erwachsenenlebens in Ozeanen, bevor sie zum Laichen wieder in die Gewässer zurückkehren, in denen sie geboren wurden.

    Im Puget Sound, einer Meeresbucht im Nordwesten des US-Bundesstaates Washington, beobachteten Forscher ein eigenartiges Phänomen: Dorthin zurückkehrende Silberlachse starben, noch bevor sie laichen konnten. Mit einer Studie, die jetzt im Fachmagazin "Science" veröffentlicht wurde, machte sich das Team um Zhenyu Tian, einem Wissenschaftler am Center for Urban Waters der University of Washington, auf die Suche nach dem "Silberlachs-Killer" Und sie wurden tatsächlich fündig: Es ist eine Chemikalie, die sich in Autoreifen befindet, die für die Fische zur tödlichen Gefahr wird.

    Autoreifen und Fischsterben: Wie das zusammenhängt

    Auf der Suche nach der für die Fische tödliche Ursache konnten die Wissenschaftler um Tian zunächst einige Faktoren ausschließen: "Wir hatten festgestellt, dass dies nicht durch hohe Temperaturen, geringen Sauerstoffgehalt oder bekannte Verunreinigungen wie hohe Zinkwerte erklärt werden kann", sagt Jenifer McIntyre, Co-Autorin der Studie, über ihre Vorgehensweise.

    Auffallend war jedoch: Die Silberlachse starben vor allem nach starkem Regen. Also untersuchten die Forscher die Gewässer mit dem Regenwasser und kamen zu dem Ergebnis: Alle Gewässerproben enthielten eine toxische Substanz, die für die Verwendung von Reifengummi bekannt ist. "Wir wussten, dass die Chemikalie, die wir für giftig hielten, 18 Kohlenstoffe, 22 Wasserstoffatome, zwei Stickstoffatome und zwei Sauerstoffatome enthielt. Und wir versuchten immer wieder herauszufinden, was es war ", sagt dazu Hauptautor Zhenyu Tian,

    6PPD in Reifen: Warum die Chemikalie eingesetzt wird

    Nach der Durchsuchung der Liste von Chemikalien, die zu dem gesuchten Stoff passte, fand Tian schließlich den Stoff namens 6PPD.

    Über den Stoff 6PPD sagt Tian:

    "Es ist wie ein Konservierungsmittel für Reifen. Ähnlich wie Lebensmittelkonservierungsmittel verhindern, dass Lebensmittel zu schnell verderben, schützt 6PPD die Reifen vor Halt, indem es sie vor bodennahem Ozon schützt." Tian, Hauptautor der Studie, in einer Veröffentlichung der University of Washington.

    Reagiert die Chemikalie 6PPD mit Ozon, zerfällt sie unter anderem in 6PPD-Chinon, das für den Tod der Lachse verantwortlich ist.

    Gefährliche Chemikalie vermutlich weltweit verbreitet

    Die für die Lachse so gefährliche Chemikalie ist aber nicht nur auf die Region um die Meeresbucht Puget Sound beschränkt. Die Forscher haben auch Gewässer in Los Angeles und in der Nähe von San Francisco untersucht und konnten 6PPD-Chinon auch dort nachweisen. Dieser Befund sei nicht überraschend, sagen die Forscher in einer Veröffentlichung der University of Washington. Da 6PPD anscheinend in allen Reifen verwendet werde, befänden sich Reifenverschleißpartikel wahrscheinlich weltweit in allen Gewässern neben stark befahrenen Straßen.

    Chemikalien in Autoreifen: Welche Wasserorganismen sind bedroht?

    Warum ausgerechnet der Silberlachs so empfindlich auf die Chemikalie reagiert, ist nicht klar. Julia Mußbach, Expertin für Gewässerschutz beim Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU),hält allerdings 6PPD generell für Wasserorganismen für gefährlich - auch für solche, die in unseren Gewässern verbreitet sind.

    "Vor allem sogenannte wasserfiltrierende Organismen wie Wasserflöhe, Muscheln und andere Planktonarten sind durch Mikroplastikteile und die damit verbundenen Chemikalien gefährdet." Julia Mußbach vom NABU auf BR-Anfrage

    Ideen der Chemiker sind gefragt

    Wie die Forschung mit dem Problem der toxischen Rückstände von Reifen umgeht, wird sich zeigen. Das Regenwasser behandeln oder die Zusammensetzung der Autoreifen ändern, könnten Auswege aus der derzeitigen Situation sein. Das grundsätzliche Dilemma ist allerdings: Reifen brauchen eine Zusammensetzung, die sie vor Ozon schützt. Noch ist nicht klar, welche Chemikalie dafür verträglicher für Wasserorgaanismen wäre. "Wir sind uns nicht sicher, welche alternative Chemikalie wir empfehlen würden, aber wir wissen, dass Chemiker wirklich klug sind und viele Werkzeuge in ihren Werkzeugkästen haben, um eine sicherere chemische Alternative zu finden", sagt dazu Edward Kolodziej, einer der Studien-Autoren.

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