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Corona: Fake-Erzählung über Feiernde auf Mallorca? | BR24

© picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa

10.07.2020, Spanien, Palma de Mallorca: Dichtes Gedränge herrscht an der "Bierstraße".

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    Corona: Fake-Erzählung über Feiernde auf Mallorca?

    Eine aktuell beliebte Corona-Verschwörungserzählung lautet: Bilder von Feiernden auf Mallorca seien gefälscht, Medien berichteten bewusst falsch und die Situation auf der Insel sei nie angespannt gewesen. Ein #Faktenfuchs zu den Behauptungen.

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    In den Verschwörungsmythen rund um die Corona-Pandemie entwickelt sich aktuell eine neue Erzählung. Sie greift die Debatte um feiernde Touristen auf Mallorca auf. Personen aus dem Umfeld der Corona-Relativierer versehen die Geschehnisse in Mallorca mit eigenen Interpretationen und unterfüttern sie nur scheinbar mit Belegen.

    Viele dieser Falschbehauptungen tauchen dann in Kommentaren auf, die aktuell auf den Social-Media-Kanälen sowie der BR24-Homepage gepostet werden. Nutzerinnen und Nutzer sprechen davon, dass die Bilder von Feiernden Anfang Juli "Fake" seien. Davon, dass "Lügenbilder vom Ballermann" verbreitet würden, um bewusst Angst vor einer zweiten Welle zu schüren. Häufig wird auf aktuelle Bilder von "leeren Stränden" verwiesen, die beweisen sollen, dass es auf Mallorca keinen Grund zur Beunruhigung gebe.

    © BR24 Grafik/ Screenshots

    Kommentare auf der BR24-Facebookseite

    Eine Recherche auf der Messenger-Plattform Telegram zeigt, dass es mehrere Falschbehauptungen zu den Feiernden auf Mallorca gibt. Wo diese Behauptungen ihren Ursprung haben, ist nicht nachzuvollziehen. Klar jedoch ist, dass sie sich von Telegram aus verbreiteten und eine signifikante Reichweite erreichten.

    Zusammengefasst gibt es drei Behauptungen zu den Geschehnissen auf den Feiermeilen Mallorcas: Erstens, seien die Bilder der Partynacht gefälscht oder zeigten nur wenige Ausschnitte eines ansonsten ruhigen Straßenzuges, zweitens seien die Strände auf Mallorca leer, was ein Zeichen dafür sei, dass es keine feiernden Touristen gab und drittens verwendeten Medien in der Berichterstattung veraltete Bilder und machten dies nicht deutlich.

    Tourismus auf Mallorca - seit 21. Juni wieder erlaubt

    Mallorca ist bislang vor einer signifikanten Verbreitung des Coronavirus verschont geblieben. Ganz im Gegensatz zum spanischen Festland. Die Corona-Pandemie nahm dort eine der weltweit schlimmsten Verläufe. Festlandspanien gehört zu den am stärksten betroffenen Ländern - sowohl gesundheitlich wie auch wirtschaftlich.

    Als Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez am 20. Juni das Ende des coronabedingten Ausnahmezustandes bekanntgab, betonte er, dass sich jeder Einzelne "streng" (Quelle) an die geltenden Hygieneregeln zu halten habe. Unter diesen Voraussetzungen durften ab dem 21. Juni wieder Touristen nach Spanien einreisen.

    Behauptungen: Auf Mallorca "keine Menschenseele"

    Weite Verbreitung findet aktuell ein anonymes, schriftliches Statement einer Frau, die von ihrem angeblichen Aufenthalt auf Mallorca berichtet. Darin schreibt sie, dass die als Partybereiche bekannten Straßen leer gewesen seien, dass "keine Menschenseele" dort zu sehen gewesen wäre.

    Das Problem an dem Statement: Sollte die Frau tatsächlich auf Mallorca gewesen sein, ist sie vor der besagten Nacht abgereist: Am Freitagabend, 10. Juli kam es zu den berichteten Überschreitungen der Hygiene-Regeln auf Mallorca. In ihrem Statement schreibt die Frau, dass sie zu diesem Zeitpunkt wieder in Deutschland gewesen sei.

    Das Statement verbreitete auch der Mediziner, Corona-Leugner und Mitbegründer der umstrittenen Gruppierung "Widerstand 2020", Bodo Schiffmann (nach eigenen Angaben ist Schiffmann aus der Gruppierung wieder ausgetreten).

    In einem aktuellen YouTube-Video spricht Schiffmann über Mallorca und spielt dazu Bilder einer Live-Webcam ein, die Strände auf der Baleareninsel zeigen. Diese Bilder sollen belegen, dass es auf Mallorca ruhig zugehe, wenig los sei und sich von "rücksichtslosen Deutschen in Feierlaune" keine Spur finde.

    Wörtlich sagt Schiffmann: "Wir werden komplett belogen" und "es wird vorgetäuscht, wir hätten eine gefährliche Situation, die wir nicht haben". Zu Videos und Bildern, die Feiernde am 10. Juli zeigten, sagt Schiffmann nichts. Sein Video zu dem Thema hat mehr als 200.000 Abrufe. (Stand 22. Juli)

    51 Einsätze an besagtem Wochenende

    Was ist nun dran an den Behauptungen zu Mallorca? Im Grunde geht es um das Wochenende vom 10. bis zum 12. Juli, genauer: um Freitag, den 10. Juli. In dieser Nacht kam es zu zahlreichen Verstößen gegen die Hygieneregeln, die die spanische Zentralregierung und die balearische Provinzregierung erlassen hatten. Zahlreiche Belege für entsprechende Verstöße sind öffentlich. So spricht die Regionalregierung in einer Pressemitteilung von insgesamt 51 Einsätzen der Ordnungskräfte an jenem Wochenende. Besonders viele davon (19 Einsätze) fanden in Palma und Playa de Palma statt, den beliebten Touristengebieten mit Bier- und Schinkenstraße. Des Weiteren wurden private Partys bei den Behörden gemeldet.

    Dem ARD-Hörfunkkorrespondenten berichteten Anwohner und Wirte unabhängig voneinander, dass es an dem Freitagabend ziemlich laut war und kräftig gefeiert wurde. Laut Hygieneverordnung durfte man beispielsweise zu jenem Zeitpunkt im Restaurant die Maske nur abnehmen, wenn man am Tisch saß, der Mindestabstand war einzuhalten. Videos auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Twitter zeigen, dass sich Menschen nicht an die Regeln der Lokalregierung hielten. Darüber hinaus ist zu erkennen, dass Menschen gemeinsam aus jeweils einer Flasche oder einem Glas tranken. Hinweise darauf, dass diese Bilder und Videos gefälscht sind, gibt es nicht.

    Mit den Partys aus Zeiten vor Corona war der 10. Juli nicht zu vergleichen, das zumindest legen die Bilder aus der Zeit vor der Pandemie nahe. Dass es jedoch zu Verstößen gegen die Corona-Regeln kam, belegen Posts in Sozialen Netzwerken, die Feiernde zeigen, Berichte des ARD-Korrespondenten und Mitteilungen der Provinzregierung.

    Kritik an den Folgen der Feiernacht

    Umstrittener ist, ob die Maßnahmen, die die Regierung der Balearen im Nachgang der Feiernacht erließ, verhältnismäßig waren. Am 15. Juli verschärfte die Regierung die Corona-Regeln (Quelle), führte eine ausgeweitete Maskenpflicht ein und ordnete die Schließung der Restaurants und Lokale in Bezirken (wie etwa Magaluf, Bier- und Schinkenstraße) an, die bei deutschen und britischen Feier-Touristen besonders beliebt sind. Betroffene Restaurantbetreiber und Beobachter halten die Maßnahmen für teilweise überzogen.

    Bilder von leeren Stränden

    Aktuell verbreiten vor allem Corona-Leugner und Verschwörungsideologen Bilder kaum besuchter Strände auf Mallorca. Häufig versehen sie diese Bilder mit Andeutungen, dass es auf Mallorca völlig ruhig sei. Tatsächlich kam es an Stränden nach Angaben der Lokalregierung nicht zu derartigen Verstößen wie in den Restaurants. Vielmehr dienen die leeren Strände der Stimmungsmache gegen die Entscheidungen der balearischen Lokalregierung und - zum Teil - der Äußerungen deutscher Politiker.

    Am 13. Juli, also drei Tage nachdem zahlreiche Touristen auf Mallorca gefeiert hatten, sprach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) davon, dass der Ballermann kein "zweites Ischgl" werden dürfe. In einem Interview mit dem ZDF (Quelle) erläuterte er, dass "im Moment mit diesem Virus, in dieser Pandemie, nicht die richtige Zeit [ist], um ausgelassen zu feiern".

    Medien - Archivbilder nicht immer kenntlich gemacht

    In diversen Gruppen von Corona-Relativierern werden darüber hinaus Bilder verbreitet, die deutsche Nachrichtenportale in ihrer Berichterstattung über die Feiernden vom 10. Juli als Symbolbilder verwendeten, also nicht als aktuelle Fotos von Mallorca. Der Vorwurf lautet, dass "die Medien" in Bezug auf Mallorca Lügen verbreiteten. Angegriffen wird unter anderem tagesschau.de dafür, ein veraltetes Bild verwendet zu haben. Tatsächlich macht die Tagesschau allerdings in den Bildinformationen transparent, dass die Redaktion auf ein Archivbild von 2016 zurückgriff. Auch zeigt das Bild keine größeren Gruppen an Feiernden, sondern einzelne Menschen in einer Bar, die von hinten fotografiert wurden.

    © BR24

    Screenshot von Tagesschau-Homepage

    Ein anderes Nachrichtenportal zeigte ein Archivbild, ohne das in Bildunterschrift oder Text deutlich zu machen. Dafür, dass dies bewusst geschah, wie Verschwörungsideologen nahelegen, gibt es keine Beweise. Auch liefern diese die Verschwörungsideologen oder Kommentierenden auf der BR24-Seite nicht.

    Fazit

    Bei den meisten Behauptungen rund um das Geschehen auf Mallorca Anfang Juli handelt es sich um unpräzise oder falsche Behauptungen. So ist unbestritten, dass es am Freitag, den 10. Juli, zu Überschreitungen der Hygieneregeln kam. Ebenfalls ist klar, dass es an Stränden nicht zu vergleichbaren Verstößen gegen die Hygieneregeln kam wie in den Restaurants und Lokalen in den Feierbezirken der Insel.

    In einem Fall machte ein deutsches Onlineportal nicht klar, dass es ein Archivbild verwendete. Dafür, dass dies bewusst geschah, gibt es keine Hinweise, auch liefern Kommentierende und Verschwörungsideologen keine Beweise für diese Unterstellung.

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