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Eine Art Vermächtnis. Eine Bestätigung für den Weg globaler Solidarität. Ein Friedensdokument. Oder einfach "herausragend". Reaktionen auf Papst Franziskus' dritte Enzyklika "Fratelli tutti" sind überwiegend positiv. Für Diskussionen sorgt der Titel.

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Viel Lob und etwas Kritik für Enzyklika von Papst Franziskus

Art Vermächtnis, Bestätigung für den Weg globaler Solidarität, Friedensdokument – oder einfach "herausragend": Die Reaktionen auf Papst Franziskus' dritte Enzyklika "Fratelli tutti" sind überwiegend positiv. Für Diskussionen sorgt aber der Titel.

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Von
  • Veronika Wawatschek
  • Martin Jarde

Es sind Reaktionen über die sich jeder Autor freuen dürfte: Die Enzyklika "Fratelli tutti" von Papst Franziskus wird aus beinah allen Richtungen gefeiert. Für die einen ist es fast eine Art Vermächtnis, die anderen lesen daraus Bestätigung für ihren Weg der globalen Solidarität, dritte sehen es als Friedensdokument und wieder andere würdigen es als insgesamt herausragend.

Papst Franziskus sorgt sich um die Welt

In seiner dritten Enzyklika - so bezeichnet die katholische Kirche päpstliche Lehrschreiben - bringt Franziskus seine ernsthafte Sorge um die Welt zum Ausdruck. Für ihn ist die Corona-Pandemie so etwas wie die letzte Warnung: Der "harte und unerwartete Schlag dieser außer Kontrolle geratenen Pandemie" habe uns dazu gezwungen, wieder an "alle zu denken anstatt an den Nutzen einiger", schreibt der Papst.

Enzyklika greift gesellschaftliche Fragen auf

"Ich habe den Text sehr gerne gelesen, und glaube, dass er viele Anregungen für eine gerechtere Welt enthält", sagt Ursula Nothelle-Wildfeuer. Die katholische Theologieprofessorin beschäftigt sich an der Universität Freiburg mit christlicher Gesellschaftslehre. Die päpstliche Enzyklika "Fratelli tutti" befasse sich mit ganz grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen, fasst sie zusammen.

"Es scheint für ihn klar zu sein, dass das ein Scheidepunkt ist, an dem wir jetzt überlegen, in welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben." Ursula Nothelle-Wildfeuer, Theologieprofessorin

Titel "Fratelli tutti" sorgt für Diskussionen

Die drängenden Themen der Zeit, etwa Fragen von Kapitalismus oder Migration, würden in einen größeren Zusammenhang gesetzt. Ursula Nothelle-Wildfeuer gibt dem Text deshalb eine ganz klare Leseempfehlung – wenngleich sie auch einen Punkt moniert, der schon im Vorfeld für Diskussionen in Deutschland sorgte: der Titel "Fratelli tutti".

Weil er in der wörtlichen Übersetzung Frauen ausschließen würde und sich nur an "alle Brüder" wenden würde. Tatsächlich handelt es sich bei dem Titel um ein Zitat des Heiligen Franz von Assisi. In der deutschen Übersetzung ist nun von "Geschwisterlichkeit" die Rede. Der Katholische Frauenbund (KDFB) lobt das, kritisiert aber, dass die Enzyklika in ihren 288 Fußnoten keine einzige Frau zitiere.

"Eindringlich visionärer Appell für ein neues Handeln"

Auch die kirchenkritische Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" bedauert den "leider wortwörtlich von Franz von Assisi übernommenen Titel", lobt das Dokument insgesamt aber als "eindringlich visionären Appell für ein neues Handeln, das am Gemeinwohl der Menschheit ausgerichtet ist".

Dass es sich um ein ganz grundsätzliches Werk handelt, ist auch dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing, wichtig. Anders als vorab oft gesagt, handle es sich nicht um eine Corona-Enzyklika, sondern um eine Sozialenzyklika, die in diesem Sinn ein "eindringlicher Appell für weltweite Solidarität und internationale Zusammenarbeit" sei.

"Ich verstehe diese Enzyklika wirklich als ein dringliches Werben, dass die Würde jedes einzelnen Menschen doch zum Fundament sozialer wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Entwicklungen gemacht werden solle." Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der DBK

Kardinal Marx: "Kein weiter so, wie vorher"

Es könne kein "weiter so, wie vorher geben" – das analysiert der Papst nach den Worten des Münchner Erzbischofs Kardinal Reinhard Marx ganz klar. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet lobt die Enzyklopädie als das "richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt".

Umwelt, Klima, Wirtschaft, Migration und Frieden in einem Dokument

Franziskus bringe Umwelt, Klima, Wirtschaft, Entwicklung und Migration ebenso wie Frieden und Menschenrechte in einen Zusammenhang. Und das in einer Zeit, in der die Gesellschaft immer egoistischer und aggressiver werde, so Laschet. Als großen Wurf, als Friedensenzyklika bezeichnet auch der Münchner Sozialethiker Professor Markus Vogt das Dokument.

Konservative Katholiken kritisieren Enzyklika

Dass Franziskus – anders als etwa sein Vor-Vorgänger Johannes Paul II. – sagt, Krieg sei "niemals" zu rechtfertigen, stößt manchen Katholiken sauer auf. Auf gloria.tv etwa reiben sich konservative Katholiken an dem Dokument und finden, Politik solle aus einer Enzyklika herausgehalten werden. Enttäuscht äußert sich auch der Präsident des Münchner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Als größte Schwäche des Papiers sieht er das "Wettern gegen Märkte und angeblichen Neoliberalismus".

Hier würden Vorurteile vorgetragen, die tatsächliche Entwicklung der Welt werde ignoriert. In keinem Land der Welt existiere ungeregelte Marktwirtschaft ohne staatliche Einflüsse. Umgekehrt würden nirgendwo Wohlstand, Naturschutz und Humanität ohne Marktwirtschaft gedeihen. Der Text strotze vor anti-marktwirtschaftlicher Ideologie.

"Papst deckt Probleme schonungslos auf"

Die Katholische Landjugendbewegung (KLJB) in Bayern indes sieht sich durch die Enzyklika in ihren Forderungen für globale Solidarität bestärkt: "In vielen Projekten beschäftigt sich kirchliche Jugendarbeit immer wieder, ich glaube, seit sie’s gibt, mit Themen wie globaler Gerechtigkeit, mit Entwicklungspolitik, mit fairem Handel, mit Nachhaltigkeit", sagt KLJB-Landesgeschäftsführerin Maria Stöckl.

Es sei ein Dokument, das viele Themen vereint, ganz grundsätzlich diskutiert und politische Forderungen aufstellt, wie der Präsident der Münchner Hochschule für Philosophie Johannes Wallacher zusammenfasst: Franziskus schreibe im Kontext der Zeit und decke Probleme schonungslos auf.

Erste Reise nach Assisi nach Corona-Lockdown

Das Oberhaupt der katholischen Kirche unterzeichnete die Enzyklika "Fratelli tutti" in Assisi, der Geburtsstadt des Heiligen, nach dem sich Franziskus benannt hat. Es war der erste Besuch des Papstes außerhalb Roms seit dem Lockdown in Italien.

Eine Enzyklika zeigt die Haltungen eines Papsts zu wichtigen Themen. Sie gestaltet in der Regel die katholische Kirchenlehre in den kommenden Jahren. Franziskus hatte bereits 2013 und 2015 Enzykliken veröffentlicht.

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