Kommentar zur neuen Enzyklika "Fratelli tutti": Die Corona-Lektion des Papstes

Die Kirche soll sich nicht in die Politik einmischen, sagen Menschen, die von einem Papst keine politischen Ratschläge wollen. Papst Franziskus sieht das anders – und bringt dies in seiner neuen Enzyklika deutlich zum Ausdruck.

Von: Tilmann Kleinjung

Stand: 05.10.2020

Papst Franziskus in Assisi | Bild: picture alliance / abaca

Papst Franziskus unterschrieb diese Enzyklika am Grab seines heiligen Namenspatrons in Assisi. Eine Geste von großer Symbolkraft: Franz von Assisi, der Apostel der Armen, der Pionier des Interreligiösen Dialogs. Man könnte den kurzen Wochenendtripp des Papstes nach Umbrien aber auch anders interpretieren: "Der Papst flieht vor den Skandalen, um eine Enzyklika zu unterzeichnen", so titelt die italienische Tageszeitung La Repubblica. Dieser Zusammenhang ist natürlich ein bisschen konstruiert: Dass Franziskus den Text nicht in Rom zu Ende schreibt, stand schon lange fest. Lange bevor der Vatikan (mal wieder) von einem Finanzskandal erschüttert wurde. Und dennoch stimmt: Der Vatikan ist gerade nicht der geeignetste Ort, von dem aus kluge Ratschläge in die Welt getragen werden sollen.

Papst analysiert mit drastischen Worten

Papst Franziskus hat schon an der Enzyklika geschrieben, bevor die Corona-Krise zu einer Art Zeitenwende wurde: vorher, nachher. Die Ursachen und vor allem die Folgen der Pandemie dürften ihn darin bestärkt haben, dass diese Welt – wie es im Untertitel heißt – mehr "Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft" braucht. Franziskus analysiert mit teilweise drastischen Worten, woran unsere Weltgemeinschaft krankt: Nationalismus, Egoismus, Geschichtsvergessenheit. Er träumt von einer offenen Welt und macht auch ganz konkrete Vorschläge, wie diese zu realisieren ist. Beispielsweise indem man Flüchtlinge mit offenen Armen empfängt und sie nicht abwimmelt.

"Der Papst mischt sich in die Politik ein", würden Menschen sagen, die von einem Religionsvertreter keine politischen Ratschläge entgegennehmen wollen. Aber Franziskus sieht das anders, vermutlich auch anders als sein Vorgänger, Benedikt XVI. Für ihn sind Glauben und Politik keine Gegensätze. Ein guter Christ steht mitten in dieser Welt und muss auch den Anspruch haben, sie mitzugestalten. Stark ist die Enzyklika dort, wo Franziskus die Verächtlichmachung von Politik, Hatespeech und andere Formen der politischen Diskursverweigerung beklagt. 

Muslim als Co-Autor einer Enzyklika

Er macht das nicht aus der exklusiven Warte des katholischen Oberlehrers. An zentralen Stellen des Dokuments beruft er sich auf eine gemeinsame Erklärung, die er mit dem Großimam der al-Azhar-Universität in Kairo verfasst hat. Dadurch wird ein muslimischer Gelehrter zum Co-Autor einer Enzyklika. Wann hat es das schon mal gegeben? Religionen begegnen sich auf Augenhöhe. Und noch mehr: Im Filmporträt, das Wim Wenders von Franziskus gemacht hat, sagt der Papst: "Gottes Liebe ist für jeden Menschen gleich, unabhängig von seiner Religion." Der Satz taucht in dem Lehrschreiben wieder auf und wird vor allem jene erzürnen, die dem Papst seit langem vorwerfen, die katholische Lehre zu verwässern und die exklusive Heilsbotschaft des Christentums zu verstecken.

Er meint es aber genau so: Alle sollen Geschwister sein. Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder Nationalität sind keine Kriterien, um Menschen auszuschließen. Das ist eine wichtige Botschaft in einer Zeit, in der "Gutmensch" ein Schimpfwort ist.

Ein Schwachpunkt: Die "Brüderlichkeit"

Einen Schwachpunkt hat der Text: Das, was der Papst aus der Kirche herausruft, könnte er genauso gut hineinrufen. Viele Katholiken, vor allem Frauen, vermissen in ihrer Kirche "Geschwisterlichkeit". Doch dafür fehlt dem Papst und seinen Mitarbeitern offenbar das Gespür, wie die ungeschickte Wahl des Titels zeigt: "Fratelli tutti", alle Brüder. Und wo bleiben die Schwestern? Die bleiben in der katholischen Kirche von vielen Ämtern ausgeschlossen – wenn es nach dem Willen einiger Bischöfe geht – dauerhaft. Das ist wenig geschwisterlich.