Blick ins Antiquariat Hofmann
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Münchner Kult-Antiquariat Gudrun Hofmann schließt nach 52 Jahren

Ein Ort zum Stöbern und Entdecken – das ist das Antiquariat Hofmann in München seit mehr als 50 Jahren. Und ein Ort der politischen Lektüre. Das passt zur Lebensgeschichte seiner Besitzerin. Wir haben sie vor der Schließung noch mal besucht.

Über dieses Thema berichtet: Die Welt am Morgen am .

Meterhohe braune Regale, Bücher, soweit das Auge reicht. Und schmeckt man da Schokolade und Kaffee in der Luft oder ist das die Kombination aus altem Papier und Zigarettenqualm? Wer das Antiquariat Gudrun Hofmann betritt, wird schlagartig zurückkatapultiert in eine Zeit, die es eigentlich nicht mehr gibt.

Linke Theorie? Im Antiquariat Hofmann wird man fündig!

Timo stört das nicht. Er hat einen Stapel Bücher unterm Arm, linke Lektüre. "Das ist sehr viel frühe Literatur beziehungsweise Texte über Kommunismus, Sozialismus und Anarchismus eben, vor und um Marx rum", erklärt er. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Antifascist Action". Freunde hätten ihm diese Texte empfohlen, sagt er. "Und mich interessiert schon länger, wie das auseinandergegangen ist, diese ganzen Strömungen von linker Theorie."

Timos Interesse ist also recht speziell – hier wird er trotzdem fündig. Fast 20.000 Bücher gibt es noch im Antiquariat Gudrun Hofmann. Darunter viel Politisches. Zum Beispiel Schriften von Marx und Engels, aber auch Bücher von Jürgen Kuczynski, ein Schriftsteller aus der DDR, der sein Unbehagen mit der Entwicklung des Staatssozialismus schildert und erklärt, wie es besser gehen müsste. Aber da sind auch feministische Werke, Psychologie, Soziologie, Physik, Reiseliteratur und viele Romane.

Seit 1972 betreibt Gudrun Hofmann ihr Antiquariat

52 Jahre lang hat die 86-jährige Gudrun Hofmann die Bücher gesammelt, restauriert. Zusammen mit ihrem Mann, der 2016 verstorben ist. Früher sei in den Räumlichkeiten ein Schreibwarenladen gewesen, sagt sie. "Den haben wir dann anfangs auch weitergeführt und haben das Antiquariat dann langsam aufgebaut, neben dem Schreibwarengeschäft."

Dass das Antiquariat Hofmann über die Jahre so viel politische Literatur gesammelt hat, könnte auch mit der politischen Lebensgeschichte der Betreiberin zu tun haben. Gudrun Hofmann ist die Tochter des Opernsängers Carl Aufhauser, der 1918 als Betriebsrat einer Munitionsfirma die Räterevolution in München erlebte. "Da sind die [Revolutionäre; A.d.R.] dann auch mal gekommen und wollten Waffen, wollten den Betriebsrat sprechen. Mein Vater hat ihnen aber nix gegeben, als sie gekommen sind auf ihrem Lastwagen, weil er gesagt hat: Es ist noch viel zu früh, ihr habt das Volk nicht hinter euch!"

Ihr Vater wurde von den Nazis verfolgt

Später kam Carl Aufhauser dann als Gegner der Nationalsozialisten ins Konzentrationslager in Dachau. Ihre Mutter habe alles versucht, um den Vater wieder freizubekommen, erzählt Hofmann. "Bis zum Himmler ist sie vorgedrungen. Aber dann hat man ihr gedroht, man schmeißt sie die Treppe runter, wenn sie nicht geht. Und meine Mutter antwortete impulsiv: Tun Sie, was Sie nicht lassen können!"

Am Ende überlebt Gudrun Hofmanns Vater auch wegen seines Gesangstalents. Eigentlich war er im Dachauer Steinbruch zum Tode verdammt, ein Auftritt auf einer Weihnachtsfeier der Nazis rettete ihn, erzählt Gudrun Hofmann. Ein sentimentales Weihnachtslied habe ihr Vater gesungen. "Das hat halt auf die Tränendrüsen gedrückt. Und es hat funktioniert. Die haben ihn dann in die Küche versetzt, vom Steinbruch weg. Das hat ihm das Leben gerettet."

Kunde: "So was wird sich nicht mehr finden lassen"

Jetzt schließt Gudrun Hofmann ihr Antiquariat, bietet die Bücher noch zum halben Preis an. Unterstützt wird sie dabei vom linkspolitischen Münchner Aktivisten Kerem Schamberger. Man traue sich gar nicht, die Bücher aus dem Regal zu nehmen, sagt er scherzhaft. Gudrun Hofmann merke schließlich, wenn etwas nicht mehr an seinem Platz stehe. "Dann sagt sie: Ah, jetzt ist das schon wieder umgestellt worden."

Für Kerem ist das Antiquariat einer der letzten Orte seiner Art in München. Ein Ort zum Stöbern, der nichts von einem will, noch nicht mal, dass man etwas kauft. "So was wird sich so nicht mehr finden lassen", meint er, "höchstens noch in einer Hipster-Version, wo man einen Kaffee-Latte für sieben Euro trinken und ein Selfie für Instagram machen kann."

Letzte Chance: Bis Mai ist das Antiquariat noch offen

Im Mai macht das Antiquariat zu, hinein kommt ein Obdachlosenheim für Männer. Bis dahin kann man noch hin, um den eigenen beschleunigten Lebensrhythmus auszubremsen und inmitten der vielen alten Bücher noch einen Schatz zu entdecken. Und tatsächlich, in einem Glasregal ganz oben, stehen noch fünf Bücher, die aussehen wie kleine Kunstwerke. Es sind Erstausgaben der Winnetou-Reihe von Karl May.

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