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"Islam in Bayern": Neue Studie gibt Tipps zum guten Miteinander | BR24

© BR / Foto: Sven Hoppe

"Islam in Bayern" - eine Studie

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"Islam in Bayern": Neue Studie gibt Tipps zum guten Miteinander

Ganz großes Talkshow-Thema: Der Islam in Theorie und Praxis. Eine Studie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hat nun den "Islam in Bayern" untersucht – ein unaufgeregtes Papier in einer aufgeregten Zeit. Von Marie Schoeß

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Es brauche eine Koalition der Gutwilligen – so heißt es an einer Stelle der Studie. Für den friedlichen Alltag mit verschiedenen Religionen, für Gesten, die Anerkennung und Interesse belegen, aber auch für die gezielte Ansprache drängender Probleme mit dem Islam brauche es eine Koalition der Gutwilligen. Dieser Begriff lässt die Ausrichtung der Studie erkennen: Es geht hier weniger um Zahlen, die sich klar beziffern lassen und Ordnung suggerieren. Zwischen 2015 und 2018 wurden vielmehr Hunderte Gespräche geführt – Experten konsultiert aus religiösen Organisationen beispielsweise, ebenso aus den Bereichen der Gesetzgebung und Verwaltung.

Muslimische Bestattung? In Bayern verboten

Das Ziel: konkrete Vorschläge in Richtung Politik, die das Zusammenleben verbessern könnten, unaufgeregte Empfehlungen, wie ein wenig guter Wille zu einem neuen Gefühl der Zugehörigkeit verhelfen könnte. Ein Beispiel: die traditionelle muslimische Bestattung, die neben Bayern nur noch Sachsen-Anhalt und Sachsen verbieten.

„13 Bundesländer haben ihre Gesetze so geändert, dass Muslime traditionelle Begräbnisse ausführen können. Das ist ein Stück Anerkennung im Sinne von: Ihr gehört dazu – und auch ein Begräbnis ist ja letztlich eine Form der Beheimatung. Es ist ja – denke ich – für uns gut zu sehen, dass sich Muslime heute hier bestatten lassen und nicht mehr in den Herkunftsländern. Weil das eigentlich auch ein Zeichen der Verbundenheit ist, und an der Stelle sollten wir ihnen das erleichtern, wenn es dazu rechtliche Möglichkeiten gibt – und die gibt es eben.“ (Mathias Rohe)

Mathias Rohe, Rechts- und Islamwissenschaftler, versammelt in der Studie solche Maßnahmen und Vorschläge – unscheinbar zunächst, aber mit großer Wirkung im Alltag, und das auch für die nichtmuslimische Gesellschaft: Der Bau einer Moschee zum Beispiel. Für die wachsende Anzahl praktizierender Muslime ist das wichtig, für einige Gemeinden in Bayern aber ein Streitpunkt.

Kern der Studie: Der Islam-Unterricht in Bayern

Eine moderne, wenig orientalisierende Architektur hat sich in der Vergangenheit bewährt, um Bedenken auszuräumen. Mit ein wenig Gespür für Ästhetik und deren Wirkung, das zeigt sich hier, können Konflikte immer wieder gelöst werden. Kernstück, auch Kernempfehlung dieser Studie ist aber etwas anderes: die Weiterführung des islamischen Religionsunterrichtes in bayerischen Schulen:

„Die meisten muslimischen Elternhäuser sind so wenig wie die christlichen in der Lage, tiefgreifende theologische Kenntnisse zu vermitteln. Das heißt, die Schule kann es eigentlich nur schaffen, die passenden Inhalte zu vermitteln, und das – das ist der zweite wichtige Punkt, in der Sprache, die die Kinder dann auch gesprächsfähig macht, mit ihrer nichtmuslimischen Umgebung. Das war einer der wichtigsten Punkte, weswegen man auch darauf beharrt hat, dass der islamische Unterricht in deutscher Sprache abgehalten wird. Zielrichtung ist: in Deutschland gesprächsfähig zu werden.“ (Mathias Rohe)

Bayern nahm hier einmal eine Vorreiterrolle ein: Modellversuche an Schulen wurden gestartet, eine Ausbildung von Lehrkräften parallel dazu. Mittlerweile stehen diese Bemühungen in Frage: Der aktuelle Modellversuch läuft schon im kommenden Jahr aus, die Zukunft – ungewiss.

Gute Lehrer verlassen Bayern

Die Folgen dieser Ungewissheit stehen schon jetzt fest. Das Lehrpersonal wandert in andere Bundesländer ab, wo die berufliche Zukunft gesichert ist und die Angebote attraktiver, Bayern verliert qualifizierte Pädagogen, die diesen Unterricht – wie die Studie ergeben hat – maßgeblich prägen. Und schon der Wechsel von der Ausbildung in die Praxis ist in Bayern erschwert, sagt Tarek Badawia, Professor für Islamisch-Religiöse Studien an der Universität Erlangen-Nürnberg.

„Das ist ein Sonderfall, denn wir können kein Referendariat anbieten. Das heißt, wir bemühen uns um ein Schulpraktikum, aber das war es dann auch. Du springst dann halt ins kalte Wasser. Und, allein zu sagen, wie in anderen Bundesländern: Man schafft Seminarleiterstellen, eine Brücke in die Praxis. Und: Thema Fachberater. Da brauchen wir auch hier und dort Leute, die unterwegs sind, und sowohl didaktisch als auch fachwissenschaftlich fit sind. Aus der Tradition kommen und das Schulsystem hier kennen.“ (Tarek Badawia)

Tarek Badawia ist spezialisiert auf Religionspädagogik. Der Unterricht, glaubt er und die Interviews der Studie bestätigen die Einschätzung, kann einiges bewirken: eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam, die Einsicht, dass Texte auslegungsbedürftig, mehrdeutig sind, ein Gefühl für die Mehrstimmigkeit der Religion. Und dieser Unterricht kann die deutsche Gesellschaft ganz allgemein zu einer reicheren Diskussion ermächtigen: Immer wieder, das zeigt die Studie, fehlen in öffentlichen Debatten Gesprächspartner, wenn es um Fragen des Islam geht. Auch weil sprachliche Kompetenzen fehlen. Genau diese Sprache könnte so ein Unterricht vermitteln:

„Wir arbeiten am richtigen Vokabular. Das Problem besteht darin, dass der Islam eine Migrationsgeschichte in diesem Land hat. Es gab zwar schon ein paar deutsche Muslime, aber die meisten sind eben als Migranten gekommen und haben in ihrer Herkunftssprache gesprochen. Allmählich erst haben wir es mit Generationen zu tun, die auch artikulationsfähig sind im Deutschen in Hinblick auf die Religion. Es hat aber zum Teil auch an den Begrifflichkeiten gefehlt. Und da ist man wirklich noch am Arbeiten – es gibt Diskussionen: Soll man Gott oder Allah sagen und vieles andere mehr.“ (Tarek Badawia)

Genau beziffern lässt sich der Gewinn eines solchen Unterrichts nicht, sicherlich. Nur, wenn sich das Schulsystem nicht um die Vermittlung des Islams und um die Integration des Islams in den bayerischen Alltag kümmert, dann fangen dieses Defizit andere auf. Das belegt dann ein anderes Kapitel dieser Studie, Stichwort: Extremismus.