Die Zeichnung einer Karte der USA.
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Die US-Staaten South Dakota und North Dakota gingen in der Pandemie teilweise unterschiedliche Wege.

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USA: Corona-Vergleich von North und South Dakota irreführend

Die US-Staaten South Dakota und North Dakota gingen in der Pandemie unterschiedliche Wege: Staatliche Maskenpflicht im einen Staat, keine im anderen - in den sozialen Netzwerken wird Bilanz gezogen. Ist der Vergleich aussagekräftig? Ein #Faktenfuchs.

South Dakota und North Dakota sind zwei ländliche, benachbarte Bundesstaaten im Norden der USA. Die beiden Staaten haben zusammen etwa so viele Einwohner wie die Stadt München - auf einer gemeinsamen Fläche, die etwas größer ist als Deutschland. Trotzdem wurden beide relativ schwer vom Coronavirus getroffen - zeitweise hatten sie die höchsten Inzidenzwerte der Vereinigten Staaten. Aufgrund der teilweise unterschiedlichen Corona-Maßnahmen der beiden Dakotas tauchen seit einigen Monaten immer wieder Vergleiche in deutschsprachigen sozialen Netzwerken auf.

Die Behauptung: Corona-Maßnahmen zeigten keine Wirkung

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Auf Twitter wird vor allem eine Grafik geteilt, auf der die Corona-Inzidenzen der beiden Dakotas dargestellt sind. Sie ist irreführend.

Auf Twitter wird vor allem eine Grafik geteilt, auf der die Corona-Inzidenzen der beiden Dakotas als Kurven dargestellt sind. Dabei wird hervorgehoben, dass South Dakota keine Maskenpflicht und keine wirtschaftlichen Einschränkungen verhängt habe, North Dakota hingegen schon.

Trotzdem habe North Dakota ähnliche - beziehungsweise teilweise sogar etwas höhere - Inzidenzwerte gehabt. Die Interpretation im Netz: Der Staat ohne Maßnahmen - South Dakota - sei in der Pandemie mit seiner liberalen Strategie "besser gefahren", die Maßnahmen in North Dakota hätten keine Wirkung gezeigt.

Auch in deutschsprachigen Blogartikeln wurde der Vergleich aufgegriffen: So verbreitete sich die Behauptung unter anderem über den Artikel eines Twitterusers, der sich selbst als Hobbyvirologe bezeichnet. Der Dakota-Vergleich in dessen Artikel wurde später auch von Wissenschaftlern zitiert und erschien zudem als Gastbeitrag auf der Seite des umstrittenen Bloggers Boris Reitschuster.

Auch ein AfD-Politiker wurde auf die Dakotas aufmerksam: Anlässlich des Unabhängigkeitstags der USA Anfang Juli argumentierte er im Allgäu bei einer öffentlichen Veranstaltung mit einem Vergleich der beiden US-Staaten. Dabei wird der Vergleich der beiden Dakotas vor allem als vermeintliches Argument gegen die Wirksamkeit von Maskenpflicht und Lockdowns instrumentalisiert. Der #Faktenfuchs hat die konkreten Corona-Maßnahmen der beiden Staaten genauer unter die Lupe genommen und Inzidenzen, Hospitalisierungsraten und Sterberaten verglichen – und festgestellt: Der Vergleich der beiden Dakotas hinkt.

Vergleich von South Dakota und North Dakota

Die beiden Dakotas sind Nachbarn, haben ähnlich viele Einwohner und sind ähnlich groß – ein Vergleich liegt also nahe. Eine Visualisierung der Sieben-Tage-Inzidenzen der beiden Staaten (siehe Grafik) von März 2020 bis Sommer 2021 zeigt: Die Verlaufskurven der beiden Staaten ähneln sich. Der Vergleich habe auch regional für Gesprächsstoff gesorgt, erzählt Paul Carson von der North Dakota State University.

Dass sich allerdings im weit entfernten Deutschland Menschen für die ländlichen US-Bundesstaaten interessieren, das wundere ihn. Carson ist der Meinung, dass bei dem Vergleich wichtige Details vergessen würden, denn trotz aller Ähnlichkeiten habe es durchaus Unterschiede in den beiden Staaten gegeben. Er bezeichnet die Schlussfolgerung in den deutschen sozialen Medien, dass Maskenpflicht und Lockdowns in North Dakota nichts bewirkt hätten, als "Misinformation".

Maßnahmen in North und South Dakota im Vergleich

Am 13. März 2020 rief der damalige US-Präsident Donald Trump aufgrund der Corona-Pandemie den nationalen Notstand in den Vereinigten Staaten aus. In den beiden republikanisch geführten Bundesstaaten South Dakota und North Dakota hatte das teilweise ähnliche, teilweise aber auch unterschiedliche Auswirkungen.

Schulschließungen: Sowohl South Dakotas Gouverneurin Kristi Noem, als auch North Dakotas Gouverneur Doug Burgum wiesen Mitte März 2020 an, die Schulen zu schließen. In beiden Bundesstaaten blieben diese bis Schuljahresende geschlossen.

Schließung von Restaurants und Unternehmen: Auch Restaurants und Geschäfte mussten zu Pandemiebeginn in North Dakota schließen. Ab dem 1. Mai 2020 durften diese wieder öffnen, zunächst noch mit Auflagen für eine geringere Auslastung, ab dem 22. Mai waren diese Auflagen jedoch nicht mehr verpflichtend. Nach einem knappen halben Jahr ohne Einschränkungen wurde aufgrund hoher Infektionszahlen im November erneut die Kapazität in Restaurants und Bars begrenzt: auf 50 Prozent. Ab 22 Uhr durfte zudem niemand mehr im Innenbereich eines Restaurants bedient werden. Großveranstaltungen durften mit einer reduzierten Auslastung von 25 Prozent weiterhin stattfinden. Diese Regelungen galten in North Dakota bis Mitte Januar. Es gab also zumindest zeitweise Einschränkungen der Wirtschaft, wie auf der Twitter-Grafik behauptet.

In South Dakota gab es in diesem Bereich keine Einschränkungen: Restaurants, Läden, Kinos, Fitnessstudios oder Büros - alle durften weitermachen wie bisher. Dennoch schlossen einige Betriebe auf freiwilliger Basis.

Ausgangssperre: Zu keinem Zeitpunkt gab es in den Staaten South Dakota oder North Dakota die Anweisung, zu Hause zu bleiben. In 43 US-Bundesstaaten gab es zeitweise "stay-at-home orders", also die Anweisung zu Hause zu bleiben - die beiden Dakotas gehören zu den wenigen US-Bundesstaaten, die davon absahen.

Auch Großevents waren kein Problem: Im August fand in South Dakota ein zehntägiges Motorradtreffen statt, die Sturgis Motorcycle Rally. 460.000 Personen nahmen teil - zum Großteil ohne Masken. Danach traten in South Dakota und acht weiteren US-Staaten - darunter North Dakota - Corona-Fälle auf, die auf das Großevent zurückgeführt werden konnten.

Maskenpflicht: Entgegen der Information auf der verbreiteten Twitter-Grafik gab es lange Zeit weder in North Dakota noch in South Dakota eine Maskenpflicht. Die beiden Staaten zählen laut US-Medien zu den Orten in den USA, in denen am wenigsten Maske getragen wurde.

South Dakotas republikanische Gouverneurin Kristi Noem verteidigte die Entscheidung gegen eine staatliche Maskenpflicht. Sie sagte, keine Maske tragen zu wollen sei eine persönliche Entscheidung, die respektiert werden müsse. Dass es allerdings gar keine Maskenpflicht in South Dakota gab, wie die Twitter-Grafik suggeriert, ist falsch. Ein paar Städte führten auf lokaler Ebene eine Maskenpflicht ein. Die Stadt Brookings war im September Vorreiter, weitere Städte, darunter auch South Dakotas größte Stadt Sioux Falls, folgten im November 2020.

Auch in North Dakota gab es lange Zeit keine staatliche Maskenpflicht. Im November kamen die Krankenhäuser in North Dakota an ihr Limit. Der Gouverneur Doug Burgum kündigte deshalb an, dass positiv getestetes Personal im Gesundheitswesen weiter arbeiten dürfe, sofern dieses asymptomatisch sei. Wegen der hohen Infektionszahlen im Herbst 2020 und aufgrund des überlasteten Gesundheitssystems änderte der Staat aber den bis dahin liberalen Corona-Kurs.

Ab dem 14. November 2020 wurde eine staatliche Maskenpflicht eingeführt. Bis 18. Januar 2021 musste beispielsweise in öffentlichen Gebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln Maske getragen werden. Die Aussage zur Maskenpflicht in North Dakota auf der Twitter-Grafik ist zwar nicht falsch, aber unvollständig – in North Dakota gab es nämlich erst sehr spät und auch nur für zwei Monate eine staatliche Maskenpflicht.

Zwischenfazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beide Dakotas im Vergleich zu Deutschland sehr wenige Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus eingeführt haben. Zwar hat North Dakota zeitweise etwas strengere Maßnahmen ergriffen, dennoch sind die Unterschiede zwischen den Staaten insgesamt relativ gering.

Der Vergleich der Maßnahmen ist aus einem weiteren Grund kompliziert: In South Dakota gab es zwar keine staatliche Maskenpflicht, aber durchaus lokale Anordnungen zur Maskenpflicht in einigen Städten. Zudem trugen in beiden Staaten viele Einwohner auch freiwillig Maske.

Auch einer der Blogger, der den Dakota-Vergleich in einem Artikel beschrieb, hat den entsprechenden Absatz inzwischen gelöscht. Auf Anfrage erklärt er dem #Faktenfuchs, dass die "Gemengelage" aufgrund der lokalen Regelungen "schwierig" und "unübersichtlich" sei.

Mehr Corona-Tests in North Dakota

Auch die Epidemiologin Bonny L. Specker von der South Dakota State University findet den Vergleich der beiden Staaten schwierig, wie sie dem #Faktenfuchs schriftlich mitteilt. Neben den doch recht ähnlichen Maßnahmen sei die unterschiedliche Teststrategie der Staaten ein Grund dafür, dass ein direkter Vergleich der Inzidenzwerte kompliziert ist.

Dies bestätigt auch Carson, Professor und Experte für Infektionskrankheiten an der North Dakota State University, im #Faktenfuchs-Interview. Dass die Inzidenzwerte der beiden Staaten beinahe identisch waren, zeige sofort, dass die tatsächlichen Fälle nicht identisch waren. Denn North Dakota habe konsequent viel aggressiver getestet als South Dakota. Zum Höhepunkt der Fallzahlen Mitte November wurde in North Dakota drei Mal mehr getestet als im Nachbarstaat. Zeitweise waren es sogar sechs Mal so viele Tests pro 100.000 Einwohner in North Dakota. Doch die Anzahl der Tests alleine lässt noch keine Rückschlüsse zu den tatsächlichen Fällen, und somit der Dunkelziffer an Corona-Infektionen, zu.

Höhere Positivenquote in South Dakota

Um die Zahlen besser vergleichen zu können, kann man sich die sogenannte Positivenrate oder Positivenquote anschauen. Diese gibt an, wie hoch der Anteil der positiven Ergebnisse unter allen Test ist. Wenn die Positivenrate einer Gruppe hoch ist, deutet das darauf hin, dass vor allem Erkrankte getestet werden und womöglich mildere oder asymptomatische Fälle übersehen werden, erläutert die Johns Hopkins University auf ihrer Webseite. Eine niedrige Positivenquote bedeute hingegen, dass auch mildere und asymptomatische Fälle entdeckt werden.

Die Positivenquote war in South Dakota konstant wesentlich höher als in North Dakota. In South Dakota lag sie meist über zehn Prozent – mehr als zehn Prozent der durchgeführten Tests waren also positiv. Zwischenzeitlich lag die Positivenquote South Dakotas über 20 Prozent und teilweise sogar über 30 Prozent. Die Zahl ist ein Hinweis darauf, dass in South Dakota durch die geringe Anzahl der Tests möglicherweise mildere und asymptomatische Corona-Fälle nicht entdeckt wurden und es eine höhere Dunkelziffer gab als im Nachbarstaat. In North Dakota lag die Positivenquote bis Oktober meist unter 10 Prozent, stieg zwischenzeitlich aber ebenfalls an und erreichte ihren Höhepunkt bei 18,5 Prozent am 10. November.

Krankenhausaufenthalte

Carson von der North Dakota State University argumentiert im #Faktenfuchs-Interview, dass andere Maße, wie Krankenhausaufenthalte und Sterberaten objektiver seien, um die tatsächliche Virusaktivität der Dakotas zu beurteilen.

South Dakota habe die meiste Zeit der Pandemie mehr Krankenhausaufenthalte pro Einwohner verzeichnet als North Dakota. Es gebe einen statistisch signifikanten Unterschied der Hospitalisierungsraten, so Carson. Über den Sommer sei die Hospitalisierungsrate ähnlich gewesen, im Herbst dann in South Dakota schneller angestiegen: "Sie [South Dakota] waren erheblich schlechter als wir [North Dakota] bei den Krankenhausaufenthalten." Dabei waren, wie erwähnt, auch die Krankenhäuser in North Dakota phasenweise überlastet.

Carson sieht dabei auch einen Zusammenhang zwischen der Einführung der staatlichen Maskenpflicht in North Dakota und der Hospitalisierungsrate: "North Dakota hat die Maskenpflicht sehr spät implementiert. Es ist also kein glänzendes Beispiel dafür, das die Maskenpflicht leisten kann. Es ist ein Beispiel dafür, was eine sehr späte Maskenpflicht bewirkt hat." Nach Einführung der Maskenpflicht sei die Hospitalisierungsrate in North Dakota schneller gesunken als in South Dakota.

Sterberate

North Dakota habe - so Paul Carson - insgesamt weniger Todesfälle pro 100.000 Einwohner zu verzeichnen als South Dakota. Zum 25. Juli 2021 verzeichnete South Dakota insgesamt 230,7 Tote pro 100.000 Einwohner während es in North Dakota 201,8 Tote pro 100.000 Einwohner waren.

Der eingangs erwähnte AfD-Politiker hatte bei einer öffentlichen Veranstaltung im Allgäu die beiden Dakotas verglichen und gesagt, dass die Sterberaten in North Dakota trotz Lockdowns und Maskenpflicht zeitweise höher gewesen seien.

Während die Sterberate für North Dakota insgesamt unter der von South Dakota liegt, ist es tatsächlich zutreffend, dass North Dakota zeitweise höhere Sterberaten verzeichnete.

Allerdings wurden Maskenpflicht und Beschränkungen der Kapazität in Restaurants erst Mitte November 2020 in North Dakota eingeführt. Mögliche Auswirkungen auf Sterberaten können daraufhin nur verzögert sichtbar werden. Ab Januar 2021 liegt North Dakotas Sterberate monatelang unter der von South Dakota. Der Schluss des AfD-Politikers, dass Lockdown und Maskenpflicht nichts bewirkt hätten, ist am Beispiel der beiden Dakotas also nicht nachweisbar.

Fazit

Das Coronavirus hat die beiden Staaten South Dakota und North Dakota im Norden der USA relativ stark getroffen. Beide Staaten verfolgten eine ähnliche, vergleichsweise liberale Corona-Politik.

Über Monate hinweg gab es in keinem der beiden Staaten verpflichtende Corona-Maßnahmen, Geschäfte und Restaurants waren ohne Einschränkungen geöffnet. Auch eine Ausgangssperre gab es in den Dakotas zu keinem Zeitpunkt. Bis Mitte November 2020 gab es in den beiden Staaten auch keine staatliche Maskenpflicht. Zeitweise gab es jedoch Unterschiede. Zu Beginn der Pandemie wurden in North Dakota Restaurants und Läden bis Mai 2020 geschlossen, während es in South Dakota keine wirtschaftlichen Einschränkungen gab. Zudem gab es in North Dakota ab Mitte November 2020 eine staatliche Maskenpflicht und Kapazitätsbegrenzungen in Restaurants. In South Dakota gab es im Herbst in einigen Städten eine lokale Maskenpflicht.

Die Aussage in den sozialen Medien, dass es in North Dakota Maskenpflicht und strenge Einschränkungen der Wirtschaft gegeben hätte und in South Dakota nicht, ist deshalb nur eingeschränkt richtig. Zudem wurde die Maskenpflicht in North Dakota erst sehr spät, nämlich im November 2020, eingeführt. In der Phase, in der die Sieben-Tage-Inzidenz in beiden Staaten stark anstieg, hatten beide Staaten keine staatsweiten Maßnahmen verhängt.

Die Behauptung, dass strengere Maßnahmen wie Maskenpflicht und Einschränkungen der Wirtschaft keinen Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben, kann an dem Beispiel von South und North Dakota nicht belegt werden.

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