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Rund um die Corona-Impfung für Kinder kursieren bereits wieder einige Falschbehauptungen (Symbolbild).

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    #Faktenfuchs: Behauptungen zur Kinderimpfung im Faktencheck

    Seit Kurzem dürfen auch Kinder zwischen fünf und elf Jahren gegen Covid-19 geimpft werden. Der #Faktenfuchs hat die häufigsten Behauptungen und Fragen zur Impfung für die Kleinen überprüft.

    Von
    Fabian DilgerFabian Dilger
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    Auf diese Empfehlung haben viele Eltern und Kinder gewartet: Am 9. Dezember verkündete die Ständige Impfkommission (Stiko), dass auch in Deutschland Kinder ab fünf Jahren mit dem Corona-Impfstoff von BioNTech/Pfizer namens "Comirnaty" geimpft werden können. Die Stiko empfiehlt die Impfung zwar nicht generell für alle Kinder. Doch falls Eltern und Kinder dies möchten, können Fünf- bis Elfjährige jetzt von Ärzten und im Impfzentrum geimpft werden.

    Wie schon bei den Erwachsenen und Jugendlichen kursieren auch rund um die Kinder-Impfung Gerüchte, Falschbehauptungen, Fragen und Diskussionen. Der #Faktenfuchs hat sich die häufigsten angeschaut.

    Die Impfung ist kein Versuch und ordnungsgemäß zugelassen

    Eine Behauptung hält sich weiterhin und wird auch mit der Zeit nicht weniger falsch: Schon seit der Zulassung für Erwachsene behaupten Impfgegner, dass die Corona-Impfstoffe gar nicht wirklich als Impfung konzipiert und nicht ausreichend getestet und erprobt seien. Im Falle der Kinder-Impfung werden diese Mythen einfach übernommen.

    In einem Telegram-Kanal hat der #Faktenfuchs zum Beispiel folgende Nachricht gefunden: Eltern sollten ihre Kinder nicht mit einem "nur notfallzugelassenen, nicht erprobten Stoff" impfen lassen, es handele sich um "Versuche, die an Kindern stattfinden".

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    Eine Falschbehauptung zum Zulassungsprozedere des Kinder-Impfstoffes in einem Telegram-Kanal.

    Das Wort "Notfallzulassung" unterstellt, dass die zugelassenen Impfstoffe nicht gründlich überprüft worden seien. Hier muss man die Begrifflichkeiten genau sortieren. Eine "Notfallzulassung" der Covid-Impfstoffe gibt es in der Europäischen Union (EU) nicht. Die Europäische Arzneimittel-Agentur und die Europäische Kommission haben für den Impfstoff von Biontech/Pfizer namens "Comirnaty" vor gut einem Jahr eine sogenannte "bedingte Zulassung" für Personen ab 16 Jahren erteilt.

    "Bedingte Zulassungen sind das wichtigste Instrument der EU, um die Zulassung von Arzneimitteln in einem Notfall zu beschleunigen. Sie beinhalten alle entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen, Kontrollen und Verpflichtungen für die Inhaber", hat die EMA zum Beispiel gegenüber dem MDR erklärt.

    Diese bedingte Zulassung galt zunächst für ein Jahr. "Während der jährlichen Erneuerung überprüft unser Humanarzneimittelausschuss, dass die Inhaber die Verpflichtungen erfüllen und dass der Nutzen des Arzneimittels die Risiken weiterhin überwiegt", so die EMA. Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca haben bereits eine Verlängerung beantragt und bekommen.

    Für die Verwendung von Biontech/Pfizer bei Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren und später für Kinder ab fünf Jahren hatten die beiden Unternehmen wiederum jeweils eine sogenannte Zulassungserweiterung beantragt. Bei dieser Erweiterung muss nicht mehr das komplette Verfahren durchlaufen werden, weil die Zulassung nur auf bestimmte Personengruppen ausgeweitet wird. Die EMA befürwortete die Erweiterung für die Kinder Ende November, und die Europäische Kommission erweiterte daraufhin die Zulassung.

    Die EMA hat diese Entscheidungen nicht einfach aus dem Bauch heraus getroffen oder anhand der Erfahrungen mit Erwachsenen. Die Wirksamkeit und die Risiken von Comirnaty für Kinder ab fünf Jahren wurden zuvor in einer medizinischen Studie beobachtet. In dieser wurde der Einsatz von Comirnaty bei Kindern von sechs Monaten bis elf Jahren untersucht, sie wurde Anfang November im renommierten "New England Journal of Medicine" veröffentlicht.

    Für die Altersgruppe der fünf- bis elfjährigen Kinder wurden 2.268 Kinder zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe wurde zwei mal mit Comirnaty geimpft (1.517 Kinder), die andere Gruppe erhielt ein Placebo (751 Kinder). In der geimpften Gruppe traten nach der Zweitimpfung drei Fälle von Covid-19 auf, in der Placebo-Gruppe waren es 16 Fälle. Daraus errechnet sich eine Impfstoff-Wirksamkeit von 90,7 Prozent. Bei den Impfungen fielen keine ernsthaften Nebenwirkungen auf.

    Zwischenfazit: Die Zulassung des Comirnaty-Impfstoffes für Kinder lief nach den üblichen Verfahren ab. Eine Studie hatte die Wirksamkeit für Kinder zuvor bestätigt.

    Kinder sind nicht stark gefährdet durch Impf-Nebenwirkungen

    Impfreaktionen und Nebenwirkungen werden seit Beginn der Impfungen ständig in Falschbehauptungen thematisiert. Die angebliche hohe Gefahr wird in vielen Variationen durchgespielt, bewahrheitet hat sich davon bisher nichts. Es gibt zwar häufig Impfreaktionen wie Müdigkeit, Fieber oder Armschmerzen, schwere Nebenwirkungen mit ernsthaften Erkrankungen sind aber sehr selten.

    Auf einem Flyer einer Querdenker-Gruppe finden sich zum Beispiel folgende Aussagen zur Kinder-Impfung: "Kinder werden durch die Impfung stark gefährdet." Außerdem wird geschrieben: "Die Impfung kann schwerste bis tödliche Nebenwirkungen (...) haben. Geimpfte Kinder aller Altersgruppen sind im Vergleich zu Erwachsenen besonders häufig von schweren Nebenwirkungen betroffen."

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    Eine Falschbehauptung zu Impf-Nebenwirkungen für Kinder auf einem Flyer einer Querdenken-Gruppe.

    Diese pauschalen Aussagen sind nach aktuellem Stand (23.12.2021) falsch. In der schon erwähnten Zulassungsstudie wurden die Impfreaktionen erfasst. Bei den geimpften Kindern traten regelmäßig typische, aber harmlose Reaktionen wie Schmerzen im geimpften Arm, Rötungen am Arm, Schwellungen, Kopfweh oder Müdigkeit auf.

    "Die berichteten Reaktionen und Vorfälle waren generell mild bis moderat und dauerten ein bis zwei Tage", fassen die Studienautoren zusammen. Bei allen Kindern in der Studie traten nur drei ernsthafte medizinische Vorfälle in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung auf. Nur einer davon in der Geimpften-Gruppe: Es war ein gebrochener Arm.

    Allerdings weisen die Autoren in der Zulassungsstudie selbst darauf hin, dass die Anzahl der untersuchten Kinder zu klein sei, um seltene Nebenwirkungen verlässlich herauszufinden. Verlässlichere Zahlen können mittlerweile aber die beiden Länder außerhalb Europas liefern, die schon länger Kinder ab fünf Jahren gegen Covid-19 impfen. In den USA dürfen Kinder in großem Umfang seit Anfang November geimpft werden, bis zum 21. Dezember wurden laut der US-Gesundheitsbehörde CDC 3,7 Millionen Kinder vollständig geimpft, weitere 2,5 Millionen Kinder haben bereits eine Dosis erhalten.

    "Die Covid-19-Impfungen werden mit dem umfassendsten und intensivsten Programm in der US-Geschichte überwacht. Das CDC überwacht die Sicherheit aller Covid-19-Impfstoffe, nachdem diese für den Gebrauch zugelassen wurden, inklusive des Risikos einer Myokarditis bei Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren", schreibt das CDC.

    Der Kinder- und Jugendarzt Michael Hubmann ist Mitglied im bayerischen Landesvorstand des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Ihm sei aus den US-Daten bisher keine schwerwiegende Nebenwirkung im zeitlichen Zusammenhang bekannt, so Hubmann.

    Auch ein Kollege von Hubmann bewertet die Erfahrungen aus den Staaten als ermutigend. "Diese Daten aus den USA - da sind über fünf Millionen Kinder inzwischen geimpft worden - die sind sehr, sehr positiv. Man hat da bisher keine Probleme dabei gesehen", sagte der Infektiologe und Kinderarzt Johannes Hübner von der Haunerschen Kinderklinik in München in einem BR24-Live zur Kinderimpfung vom 15. Dezember.

    Die Zahlen aus einem anderen Land sind hinsichtlich der Nebenwirkung bisher ebenfalls unauffällig. In Israel läuft die Impf-Kampagne für Kinder seit dem 22. November. Zehn Tage später seien bei den ersten 60.000 Impfungen keine schweren Nebenwirkungen aufgetreten, berichtete die Zeitung The Times of Israel, die bei den nationalen Gesundheitsbehörden nachgefragt hatte.

    Generell funktioniere das Überwachungssystem für Impfungen sowieso, sagt Hubmann. Das zeige das Beispiel der schnell erkannten, seltenen Nebenwirkungen beim Impfstoff von Astrazeneca. "Das System funktioniert, weil wir die typischen Nebenwirkungen durch das Gesetz der großen Zahl rasch erkannt haben und dann auch die entsprechenden Konsequenzen ziehen konnten", sagt Hubmann.

    Zwischenfazit: Es gibt bisher keine Hinweise auf schwerwiegende Nebenwirkungen für Kinder nach einer Impfung mit Comirnaty. Die vorliegenden Daten aus den USA und Israel deuten auf eine sehr gute Verträglichkeit hin.

    Herzmuskelentzündungen können auftreten, verlaufen aber meist mild

    Besonders eine Erkrankung wird bei den möglichen Nebenwirkungen oft thematisiert: Die Herzmuskelentzündung, eine sogenannte Myokarditis. Wieder ein Zitat auf einem Flyer zur Kinder-Impfung, in Umlauf gebracht von einer bekannten Querdenker-Gruppe: "Die mRNA-Impfungen von BioNTech/Pfizer und Moderna können tödliche Nebenwirkungen haben. Insbesondere Entzündungen der Herzmuskulatur gehören dazu. Besonders davon betroffen: männliche Geimpfte jüngeren Alters."

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    Herzmuskelentzündungen stehen oft im Fokus von Falschbehauptungen zur Impfung, zum Beispiel auf Flyern von Querdenker-Gruppen.

    Es stimmt, dass Herzmuskelentzündungen und Herzbeutelentzündungen (Perikarditis) als Nebenwirkungen bei mRNA-Impfstoffen aufgetreten sind. In Deutschland überwacht das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) solche Nebenwirkungen. In seinem aktuellsten Sicherheitsbericht vom 26. Oktober schreibt das PEI, dass bis 30. September "insgesamt 1.243 Verdachtsmeldungen einer Myo-/Perikarditis unabhängig vom Kausalzusammenhang mit der jeweiligen Impfung berichtet worden" seien. "In der Mehrzahl der Meldungen war der Ausgang der Reaktionen zum Zeitpunkt der Meldung noch nicht abschließend beurteilbar", schreibt das PEI zum Verlauf der Krankheit.

    Besonders bei Jungen und jungen Männern zwischen zwölf und 30 Jahren sei die Melderate erhöht, so das PEI. Insgesamt hat das PEI neun Todesfälle in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung und einer Myo-/Perikarditis erfasst. Allerdings sei bei vier dieser Fälle noch keine abschließende Bewertung wegen fehlender Informationen möglich, die anderen fünf Fälle hatten ein Alter zwischen 58 und 84 Jahren, schreibt das PEI. Zum Vergleich: Bis zum 30. September wurden laut PEI 92 Millionen mRNA-Impfdosen insgesamt verimpft.

    Diese Impf-Nebenwirkung tritt also selten auf. Und nach bisherigem Stand ist der Verlauf einer solchen Myo-/Perikarditis gut behandelbar und heilt in der Regel vollständig aus. Der Präsident des PEI, Klaus Cichutek, sagte dem BR zum Thema Herzmuskelentzündungen bei Kindern nach einer Impfung gegen Covid-19: "Und es verläuft, so wie wir das bisher mitgeteilt bekommen haben, blande – wie wir medizinisch sagen. Das heißt gutartig und heilt aus."

    Das wird gestützt von einer US-amerikanischen Studie, die gerade im Dezember erschien und bestätigte und wahrscheinliche Myokarditis-Fälle aus 26 pädiatrischen Kliniken in Nordamerika untersucht hatte. Von 140 Fällen, Alter zwischen zwölf und 20 Jahren und zu 90 Prozent männlich, wurden knapp 19 Prozent intensivmedizinisch behandelt. Todesfälle gab es keine. Die meisten Patienten wurden für zwei bis drei Tage im Krankenhaus behandelt. Bei allen 25 Patienten, die zu einer Folgeuntersuchung kamen, war die Herzfunktion hinterher wieder normal hergestellt.

    Herzmuskelerkrankungen als Argument gegen eine Impfung anzuführen, ist außerdem statistisch unlogisch. Denn mittlerweile ist bekannt, dass eine Covid-19-Erkrankung ein erhöhtes Risiko dieser Erkrankung mit sich bringt. Das belegt zum Beispiel eine israelische Studie aus dem August 2021, die im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde.

    Dabei wurden die Daten von jeweils knapp 900.000 erwachsenen Comirnaty-Geimpften und von 900.000 Covid-19-Erkrankten untersucht. 42 Tage nach der Impfung traten bei den Geimpften durchschnittlich 2,7 Herzmuskelentzündungen pro 100.000 Personen auf. Bei den Covid-19-Kranken waren es 11 Herzmuskelentzündungen pro 100.000 Personen. Das Risiko, an einer Herzmuskelentzündung zu erkranken, ist bei einer Infektion also deutlich höher als bei einer Impfung.

    Zwischenfazit: Eine Myo-/Perikarditis kann durch einen mRNA-Impfstoff ausgelöst werden. Allerdings treten diese Fälle nur selten auf und verheilen überwiegend sehr gut. Das Risiko einer Myo-/Perikarditis ist nach einer Covid-19-Erkrankung deutlich höher als nach einer Impfung.

    Hat eine Corona-Impfung überhaupt einen Nutzen für Kinder?

    Von Gegnern der Impfung wird oft argumentiert, dass eine Impfung keinen wirklichen Nutzen für Kinder hätte. "Kinder und Jugendliche haben keinen schweren oder gar tödlichen Verlauf bei einer Covid-19-Infektion zu befürchten. Das Risiko schwerer Nebenwirkungen ist zu hoch und ein Nutzen nicht vorhanden, denn die Impfung schützt nicht vor einer Infektion oder einer Weitergabe", steht auf einem Flyer einer Querdenker-Gruppe.

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    Häufig wird der generelle Nutzen von Kinder-Impfungen angezweifelt, zum Beispiel auf Flyern von Querdenker-Gruppen.

    Es ist korrekt, dass Kinder und Jugendliche fast nie schwer an Covid-19 erkranken. "Weniger als eines von 100 Kindern mit einer SARS-CoV-2 Infektion muss ins Krankenhaus aufgenommen werden, 5 Prozent aller im Krankenhaus behandelten Kinder mit SARS-CoV-2-Nachweis benötigen eine Intensivtherapie und 3 bis 4 von 1.000 dieser stationär behandelten Kinder versterben mit oder an Covid-19", schrieben die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) im September in einer gemeinsamen Stellungnahme.

    Eine Infektion mit SARS-Cov-2 hat für sie also nicht dieselben Risiken wie für Erwachsene. Michael Hubmann sagt, auch wenn die Zahlen gering seien, könnten Impfungen die wenigen Fälle effektiv weiter verringern: "Das sind in Relation geringe Zahlen, wenn man die Fallzahlen in der Altersgruppe anführt. Aber es sind schlimme Einzelschicksale."

    Es gäbe noch weitere gute Gründe, sein Kind trotzdem impfen zu lassen, sagte Kinder-Infektiologe Johannes Hübner im BR24-Live: "Wichtiger Grund ist aber natürlich die familiäre Situation". Das bedeute, durch eine Kinder-Impfung könnten andere Personen im Umfeld geschützt werden, die ein hohes Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs haben - die Großmutter, der Onkel mit Vorerkrankung oder die Freunde mit einem geschwächten Immunsystem.

    "Der häufige Übertragungsweg ist, dass Kinder von Erwachsenen infiziert werden", sagt Michael Hubmann. Aber "grundsätzlich kann auch ein Kind infektiös sein und dann andere anstecken, keine Frage".

    "Wenn ich Kinder hätte, die in der Altersgruppe wären, ein achtjähriges Kind zum Beispiel, ich würde es impfen lassen", schlussfolgerte Hübner deswegen. Dieser Argumentation schließt sich auch Hubmann voll und ganz an: "Ich bin selten so sicher wie bei Corona, dass ich mit Fug und Recht sagen kann: Ja, ich würde mein Kind impfen. Genau aus diesem Grund zum Beispiel."

    Neben einem sehr unwahrscheinlichen lebensbedrohlichen Verlauf gibt es aber mögliche Langzeitfolgen von Covid-19 bei Kindern. Bekannt ist das Long-Covid-Syndrom. Auch hier scheint die Faustregel zu gelten: Je jünger, desto geringer die Gefahr. Eine Studie aus dem Vereinigten Königreich beobachtete gut 1.700 Kinder mit einer Corona-Infektion zwischen September 2020 und Januar 2021. 4,4 Prozent der Infizierten hatten auch vier Wochen nach ihrem Test Beschwerden wie Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Störungen des Geruchssinns. Nach zwei Monaten war der Prozentsatz auf 1,8 gesunken.

    Eine ähnliche Datenlage wertete ein Forscherteam unter Führung der kanadischen Epidemiologin Anna Funk aus: In 41 Notfallambulanzen in zehn Ländern wurden zwischen März 2020 und Januar 2021 knapp 1900 Kinder vorstellig, die positiv auf Covid-19 getestet wurden. Funk und ihr Team beobachteten die Datensätze dieser Kinder bis zu drei Monate nach der Erkrankung. Ihr Fazit: Knapp sechs Prozent der Kinder litten auch nach Ablauf der drei Monate noch an Covid-19-Symptomen wie Fieber, Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Geschmacksverlust.

    "Die seriösen Daten gehen von ein bis drei bis fünf Prozent aus", sagt auch Michael Hubmann. Aber, so der Kinder- und Jugendarzt weiter: "Das sind, wenn wir jetzt an die Infektiosität von Omikron und die großen Fallzahlen denken, dann doch in relativ kurzer Zeit hohe Fallzahlen." Hubmann weist darauf hin, dass die Stiko schon bei der Delta-Variante davon ausging, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit bis zum Ende des Winters jedes Kind geimpft oder erkrankt sein würde.

    De facto können also niedrige relative Zahlen trotzdem hohe absolute Zahlen nach sich ziehen. Ein Rechenbeispiel: Bei einer Million erkrankten Kindern und nur zwei Prozent Long-Covid-Fälle wären dies 20.000 Fälle.

    Zwischenfazit: Das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung ist für Kinder gering. Mit einer Impfung kann dieses aber noch weiter reduziert werden. Zudem kann eine Impfung das Risiko einer Weitergabe des Virus durch Kinder verringern. Obwohl wahrscheinlich nur wenige erkrankte Kinder hinterher an Long-Covid leiden, können die hohen Infektionszahlen für viele Long-Covid-Fälle sorgen. Auch hier reduziert die Impfung das Risiko noch einmal.

    Tromethamin wirkt in Comirnaty als unbedenklicher Stabilisator

    Orange für Kinder statt Lila wie bei Erwachsenen - Biontech/Pfizer haben die Farbe der Flaschenkäppchen beim Comirnaty-Impfstoff für Kinder geändert. Neben dieser Änderung zur besseren Unterscheidung ist auch bei der Rezeptur etwas neu. Und zwar ist der Stoff "Tromethamin", auch "Trometamol" oder "Tris" genannt, neu hinzugekommen.

    Diese Änderung führen Querdenker als Beleg für eine Schädlichkeit des Impfstoffes an. Es wird unterstellt, dass Tromethamin dem Kinder-Impfstoff beigemischt werden, um Nebenwirkungen vorzubeugen, damit nicht so viele Kinder nach der Impfung sterben würden. In einem Video eines rechtsradikalen Radiomoderators aus den USA wird wiederum behauptet, dass genau Tromethamin eine lange Liste an Nebenwirkungen aufweise und in Impfstoffen nie getestet worden sei. "Wir sind im Krieg und die Attacke auf euch führt Pfizer", so der Moderator martialisch.

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    Der neue Inhaltsstoff Tromethamin wird von Verschwörungsgläubigen aufgegriffen und instrumentalisiert (Screenshots Twitter).

    Das ist falsch. Tromethamin ist nach Auskunft von Hersteller Pfizer an die Nachrichtenagentur Reuters ein gebräuchliches Puffermittel, das in Medikamenten und Impfstoffen benutzt wird, um die Haltbarkeit des Stoffes zu verbessern.

    Auf #Faktenfuchs-Anfrage erklärt auch die Arnzeimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK): "Trometamol (...) (synonym Tromethamin oder auch Tris(hydroxymethyl)aminomethan, kurz TRIS oder THAM) ist ein sehr breit angewendeter Hilfsstoff in Arzneimitteln." Der Stoff habe ein großes Anwendungsspektrum, so die AMK: "Eingesetzt wird es als ein Puffersystem zur Stabilisierung des pH-Werts in flüssigen oder halbfesten (wässrigen) Arzneiformen. Einsatz findet der Stoff in Augentropfen, Gelen, Cremes und Injektions-/Infusionslösungen aller Couleur."

    Mit den Veränderungen in der Rezeptur von Comirnaty bleibe der Kinder-Impfstoff bei normalen Kühlschrank-Temperaturen länger stabil, erklärte Dr. Sandra Fryhofer von der American Medical Association (AMA). Die AMA ist ein großer Berufsverband für Ärzte und Medizinstudenten in den USA. "Die Injektionsfläschchen mit der Kinder-Version können so ungeöffnet bis zu zehn Wochen in normalen Kühlschränken gelagert werden", erklärte Fryhofer.

    Es gebe derzeit keinen Verdacht auf irgendwelche Nebenwirkungen, schreibt die AMK dem #Faktenfuchs: "Unerwünschte Wirkungen sind grundsätzlich zu jedem Arzneimittel möglich und nicht auszuschließen. Der AMK liegen derzeit jedoch keine Hinweise vor, dass der Hilfsstoff Trometamol ursächlich für bestimmte Nebenwirkungen bei entsprechenden Arzneimitteln ist oder ein spezifisches Risiko im genannten Einsatzgebiet vorliegt." Die US-Arzneimittelbehörde FDA, zuständig für die Zulassung, kam ebenfalls zum Schluss, zur Verwendung von Tromethamin bei Comirnaty gebe es keine "Sicherheits- oder Effektivitäts-Bedenken".

    Fazit

    Die Impfung für Kinder mit dem neuen Impfstoff von Pfizer/Biontech, Comirnaty, ist nach bisherigem Kenntnisstand effektiv, sicher und frei von schwerwiegenden Nebenwirkungen. Obwohl Kinder ein geringes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben, empfehlen Experten trotzdem eine Impfung: Damit können die Risiken für eine Weitergabe des Virus an das Umfeld, schlimme Verläufe und Folgeerkrankungen wie Long-Covid noch weiter reduziert werden. Der neue Inhaltsstoff Tromethamin in Comirnaty dient lediglich dazu, den Impfstoff haltbarer zu machen.

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