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#Faktenfuchs: Wie in der DDR mit dem Holocaust umgegangen wurde | BR24

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"Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss"

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    #Faktenfuchs: Wie in der DDR mit dem Holocaust umgegangen wurde

    Das BR-Fernsehen sendet gut 40 Jahre nach der deutschen Erstausstrahlung die Serie "Holocaust". Im Netz sorgt das aktuell für Diskussionen – auch darüber, ob in Ostdeutschland nicht genug über den Genozid aufgeklärt wurde. Ein #Faktenfuchs.

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    Die Serie Holocaust wurde 1979 zum ersten Mal im (west-)deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Begleitet wurde die Ausstrahlung von Kontroversen – es gab Anschläge auf ARD-Sendemasten, Presseberichte, die teilweise die Schuld der Deutschen relativierten und eine umfassende gesellschaftliche Diskussion über den Völkermord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten. Auch 40 Jahre später sorgt die Serie erneut für Diskussionen – darüber, ob die neuen Bundesländer in der Aufarbeitung der Nazi-Herrschaft Defizite haben.

    Eine Nutzerin schreibt auf BR24-Facebook unter einem Sendehinweise auf die Holocaust-Serie:

    "Vor allem die Schulkinder in der ehemaligen DDR sind total außen vor, da dieses Thema nirgendwo im Unterrichtsstoff vorkam und es auch sonst keine Aufarbeitung der deutschen Geschichte 1914-1945 gab. Leider merkt man das nur allzu sehr, wenn man mit ehemaligen DDR-Bürgern diskutieren muss oder möchte..." BR24 Nutzerin auf Facebook
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    BR24 Nutzerin auf Facebook

    Dass diese Aussagen in dieser Form verkürzt und teilweise unzutreffend sind, zeigen Erkenntnisse der Schulbuchforschung und ein Blick auf die Geschichte der DDR.

    Alles nur nicht Westdeutsch – die Doktrin des Antifaschismus

    Die DDR verstand sich als Gegenentwurf zur westdeutschen BRD. Entsprechend war der Antifaschismus ostdeutsche Staatsdoktrin. Alles politische Handeln folgte dieser Prämisse, auch die Bereiche Kultur und Bildung.

    Die Aufarbeitung des Holocaust spielte laut "Bundesstiftung Aufarbeitung" in der DDR "eine untergeordnete Rolle". Wenn die Judenvernichtung thematisiert wurde, dann mit der Tendenz, die Verantwortung für die Verbrechen zu externalisieren, also entweder den verurteilten Kriegsverbrechern oder dem Westen zu überantworten.

    Schulbücher: der Osten als Vorreiter

    Der Historiker Bodo von Borries hat sich in vergleichbaren Studien mit der Aufarbeitung der Nazi-Zeit in ost-, west- und gesamtdeutschen Schulbüchern wissenschaftlich befasst. Er stellt fest, dass gerade in den ersten Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges die DDR dem Nationalsozialismus deutlich mehr Raum in den Büchern einräumt (rund 50 Seiten in der DDR, rund 20 in der BRD). In der DDR wurde von Anfang an der Vernichtungskrieg der Nazis thematisiert. Der Schwerpunkt lag jedoch nicht auf der Verfolgung der Juden, sondern der Verfolgung von Sozialisten.

    Zugleich finde sich in der ostdeutschen Literatur eine Tendenz, die auch im Westen weit verbreitet war: Hauptverantwortlich für die Verbrechen seien ranghohe Nazis gewesen. Die Bevölkerung, vor allem die einfachen Soldaten, wurden dagegen als schuldfrei dargestellt.

    "Als hätte es den Völkermord an den Juden Europas nicht gegeben"

    Mit diesen politisch gefärbten und historisch ungenauen Äußerungen waren die DDR-Schulbücher denen im West dennoch weit voraus. Noch in den späten 1950er Jahren wurde die Judenvernichtung in westlichen Schulbüchern nicht oder kaum thematisiert. So schreibt Borries über die Schulbücher aus dem Jahr 1957/58, dass weder die Rassengesetze noch die Reichspogromnacht oder die "Endlösung" beschrieben wurden. "Der Holocaust wird übersprungen", so Borries. Es werde so getan, als hätte es "den Völkermord an den Juden Europas nicht gegeben."

    Erst mit den politischen Umbrüchen 1968 änderte sich das Curriculum an westdeutschen Schulen allmählich. Der Völkermord an den Juden und die Schuld der gesamtdeutschen Bevölkerung an diesen Verbrechen wird erst ab den 1980er Jahren in einigen Schulbüchern thematisiert. In der DDR veränderte sich, so Historiker übereinstimmend, das übermittelte Bild in den 40 Jahren seit der Staatsgründung kaum.

    In keinem der beiden deutschen Staaten waren etwa die Tagebücher der Anne Frank verpflichtende Schullektüre. In der DDR waren allerdings Besuche der Konzentrationslager obligatorisch. Diese Pflicht, Konzentrations- und Vernichtungslagern zu besuchen wird aktuell von der CDU-Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer gefordert.

    Konzentrationslager – Gedenkstätten zuerst im Osten

    Ein weiterer Aspekt des Erinnerns an die Verbrechen der Deutschen ist der Aufbau von Gedenkstätten. In beiden deutschen Staaten gab es direkt nach Kriegsende erste Erinnerungstafeln, vor allem an jüdischen Friedhöfen.

    Die Konzentrationslager auf den Gebieten der beiden deutschen Staaten wurden jedoch erst ab Ende der 1950er Jahre zu Gedenkstätten umgebaut. Dabei war die DDR Vorreiter. Ab 1958 wurde beispielsweise das KZ Buchenwald bei Weimar zu einer Gedenkstätte umgebaut.

    In Dachau sollte es bis 1965 dauern. Das KZ in Oberbayern wurde erst auf Druck ehemaliger Häftlinge und Überlebender zu einer Gedenkstätte. In der DDR hatte die politische Doktrin des Antifaschismus jedoch zur Folge, dass es "weniger Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit als vielmehr Selbstverpflichtung auf den SED-Staat" war, wie die Gedenkstätte Buchenwald heute selbstkritisch anmerkt. Sprich: Die Indoktrination und das Aufrechterhalten der BRD als faschistischer Bedrohung war wichtiger als das Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus.

    Völkermord als Filmthema auch in der DDR

    Während es in West-Deutschland bis 1979 dauerte und es schlussendlich eine amerikanische Produktion brauchte, um den Völkermord filmisch aufzuarbeiten, wurde in der DDR bereits 1974 der Film "Jakob der Lügner" veröffentlicht. Er nahm die Geschichte der jüdischen Europäer in den Fokus – von der ersten sozialen Isolation durch die Rassegesetze über die Ghettoisierung, bis hin zum industriellen Mord.

    Der Film erhielt internationale Auszeichnungen und wurde für den Oscar nominiert. Dass es aber auch in der antifaschistischen DDR eines langen Kampfes bedurfte, um die Förderung für den Film zu erhalten, zeigt erneut: Sensibilität für die Geschichte der ermordeten Juden und dem in der DDR ebenfalls verbreiteten Antisemitismus war kaum vorhanden.

    Fazit: Gesellschaftliche Umbrüche haben in der DDR gefehlt

    Verpflichtende Besuche in KZ-Gedenkstätten, Schulbücher, die früh den Völkermord thematisieren und Filme wie "Jakob der Lügner": Der Völkermord an den europäischen Juden wurde in der DDR als Teil der politischen Doktrin des Antifaschismus verstanden und behandelt – zum Teil früher, als in der BRD.

    Im Westen jedoch lösten die Umbrüche der 68er einen gesellschaftlichen Wandel aus, der in der DDR nie angestoßen wurde. Dort blieb das Gedenken immer an die Funktion, Feindbilder zu etablieren und aufrecht zu erhalten, gebunden.

    Eine selbstkritische Haltung innerhalb der DDR gegenüber neueren Entwicklungen, wie dem Aufbau einer neonazistischen Szene in den letzten Jahren der DDR, sehen Historiker als kaum gegeben. Die Existenz einer Neonazi-Szene wurde schlicht abgestritten, junge Männer mit entsprechender Gesinnung laut der Stasi-Unterlagenbehörde als "Rowdies" verharmlost.