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Eine Intensivpflegerin versorgt auf der Intensivstation am Klinikum Braunschweig einen an Covid-19 erkrankten Patienten.

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    Dritte Welle: Besonders viele Migranten auf Intensivstationen?

    In der dritten Welle der Corona-Pandemie berichten einzelne Mediziner und Politiker von auffällig vielen Menschen mit Migrationshintergrund auf den Intensivstationen. Sind diese Berichte statistisch belegbar? Ein #Faktenfuchs.

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    Von
    • Jana Heigl

    Die verfügbare Intensivbetten-Kapazität gilt als ein wichtiger Faktor in der Debatte um strengere Corona-Regeln. Werden die verfügbaren Intensivbetten knapp, wird über weitere Einschränkungen diskutiert. Zuletzt waren die Zahlen zwar leicht zurückgegangen, aber die Situation in deutschen Kliniken ist immer noch sehr angespannt.

    Bei der vielen Aufmerksamkeit für die Intensivbetten, liegt es nahe, zu fragen: Wer liegt in diesen Betten? Begünstigt die Zugehörigkeit zu wirtschaftlich schwächeren Schichten einen schweren Krankheitsverlauf? Hat das vielleicht sogar etwas mit einem Migrationshintergrund zu tun? Genau diese Frage erreichte das BR24-#Faktenfuchs-Team - auch wegen der aktuellen Berichterstattung um Migranten und Migrantinnen auf Intensivstationen bzw. deren Impfbereitschaft.

    Mehr Migranten auf Intensivstationen?

    In den Medien kamen in den vergangenen Wochen immer wieder Intensivmediziner zu Wort, die auffällig viele Menschen mit Migrationshintergrund auf den Intensivstationen beobachteten. Die "Bild"-Zeitung zitierte den Chef des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler mit der Aussage, dass auf den Intensivstationen deutlich mehr als 50 Prozent Migranten liegen würden. Daraufhin stellte Wieler klar, dass es sich bei dieser Äußerung um Überlegungen, aber "keine abschließenden Feststellungen" gehandelt habe. Dennoch griff die AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag die von der "Bild" zitierte Aussage Wielers in einer Pressemitteilung auf und fragte, ob die "gescheiterte Integration" am Lockdown Schuld sei.

    Klinik-Daten zum Migrationshintergrund fehlen

    Tatsächlich ist es abseits dieser einzelnen Berichte schwierig, einen Anstieg von Migranten auf deutschen Intensivstationen zu belegen. Das liegt daran, dass Daten zu Migrationshintergrund und Muttersprache in deutschen Krankenhäusern nicht erhoben werden.

    Aus anderen Ländern kommen widersprüchliche Befunde: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD, berichtete von Studien in Mitgliedsländern, die zeigten, "dass Zugewanderte ein mindestens doppelt so hohes Infektionsrisiko wie im Inland Geborene haben". In Österreich lagen dagegen laut diesem Faktencheck einer österreichischen Zeitung Ausländer weniger häufig wegen Corona auf Intensivstationen als österreichische Staatsbürger. Allerdings: Migrationshintergrund ist hier unterschiedlich definiert, das erschwert eine Vergleichbarkeit.

    Annäherung über den sozioökonomischen Status

    Es gibt aber die Möglichkeit, sich dem Thema auf andere Weise anzunähern: Indem man den Fokus nicht auf einen möglichen Migrationshintergrund, sondern auf den sozioökonomischen Status der Intensivpatienten legt. Der sozioökonomische Status wird über Faktoren wie Einkommen, Bildung und Beschäftigungsverhältnisse ermittelt, sagt Laura Scholaske, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) dem #Faktenfuchs. Diese Faktoren hätten wiederum einen Einfluss auf die Gesundheit.

    Laut einer Studie des DeZIM arbeiten Migranten, die im Ausland geboren wurden, besonders oft für Niedriglöhne. Unter Reinigungskräften, Pflegepersonal oder Paketzustellern - alles systemrelevante Berufe - sind Menschen mit Migrationshintergrund laut der DeZIM-Studie überproportional oft vertreten. In all diesen Berufen haben sie nicht die Möglichkeit, aus dem Homeoffice zu arbeiten, sie setzen sich also schon am Arbeitsplatz einem gewissen Infektionsrisiko aus.

    Niedriges Einkommen gleich höheres Infektionsrisiko

    Der sozioökonomische Status bedinge neben Schutzmöglichkeiten im beruflichen Kontext auch Wohnverhältnisse oder die eigenen finanziellen Möglichkeiten, um sich Schutzmittel wie FFP2-Masken anzuschaffen, sagt Scholaske.

    Wer wenig verdient, kann sich auch keine weitläufigen Wohnungen leisten. Sobald mehr Menschen auf weniger Quadratmetern wohnen, gibt es unter Umständen keine Möglichkeit, sich zu isolieren, wenn sich ein Haushaltsmitglied mit Corona infiziert. Hinzu kommt, dass bei niedrigerem Einkommen der Weg zur Arbeit eher mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt wird als mit dem eigenen Auto. Dort müssen sich die Menschen also erneut einem erhöhten Infektionsrisiko aussetzen.

    Doch es geht nicht nur um ein höheres Risiko, sich mit Corona anzustecken. "Menschen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status haben häufiger bestimmte Vorerkrankungen, wie Diabetes, Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen", sagt Scholaske. "Von diesen ist bekannt, dass sie das Risiko für einen schweren Verlauf bei einer Corona-Infektion erhöhen."

    Zusammenhang in amerikanischen und britischen Studien belegt

    Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Schwere der Corona-Infektion wurde in Studien aus den USA und Großbritannien mehrfach belegt. Bei diesen Studien wurden die Individualdaten von Covid-19-Erkrankten analysiert. Amerikanische Forscher fanden heraus, dass das Risiko, aufgrund von Covid-19 im Krankenhaus behandelt zu werden, bei Afroamerikanern und Hispanics knapp dreimal so hoch war wie für die weiße Bevölkerung. Diese Bevölkerungsgruppen haben im Schnitt einen geringeren sozioökonomischen Status als die weiße Bevölkerungsgruppe. Auch in Großbritannien belegte eine Studie: Verglichen mit der weißen Bevölkerung hatte die südasiatische und schwarze Bevölkerung ein erhöhtes Risiko, sich mit Corona zu infizieren bzw. deshalb im Krankenhaus behandelt zu werden.

    Keine vergleichbaren Analysen für Deutschland

    Für Deutschland gibt es vergleichbare Analysen solcher sogenannter "Individualdaten" zum sozioökonomischen Hintergrund nicht. Die Krankenkassen erheben diese Individualdaten ihrer Versicherten zwar, analysieren sie aber nicht. Eine Ausnahme bildet das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO), das für die erste Welle ein erhöhtes Risiko für Langzeitarbeitslose feststellte, wegen einer Corona-Erkrankung im Krankenhaus behandelt zu werden. Darüber hinaus gibt es nach Recherchen des #Faktenfuchs keine weiteren Auswertungen von Individualdaten deutscher Corona-Erkrankter.

    Vorhanden sind aber sogenannte ökologische Studien, zum Beispiel vom RKI zum Zusammenhang von sozioökonomischem Status und Infektionsrisiko. Dabei wurden Daten von laborbestätigten Corona-Infizierten zu Alter, Geschlecht und Landkreis während der zweiten Corona-Welle ausgewertet. Es handelte sich um aggregierte Daten - das heißt, die Informationen wurden aus verschiedenen Quellen zusammengetragen. Es gab zum Beispiel keine Informationen dazu, wie viel die einzelnen Corona-Infizierten verdienten, dafür aber, wie viel innerhalb eines Landkreises durchschnittlich verdient wurde.

    Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass zu Beginn der zweiten Welle vor allem Menschen aus Landkreisen, in denen wirtschaftlich privilegierte Haushalte überwiegen, ein erhöhtes Ansteckungsrisiko hatten. Das könnte an einer höheren Mobilität liegen, zum Beispiel an Urlaubsreisen. Im Verlauf der zweiten Welle kehrte sich dieses Muster um, sodass Menschen aus sozioökonomisch benachteiligten Regionen ein höheres Risiko hatten, sich mit Corona zu infizieren. Das wiederum könnte auf die oben genannten Gründe zurückführen sein.

    In Berliner Bezirken wurde zudem in einer Auswertung der Berliner Gesundheitsverwaltung ein Zusammenhang zwischen dicht besiedelten Bezirken, weniger Frei- und Erholungsflächen sowie höherem Anteil von Einwohnern mit Migrationshintergrund und der Corona-Inzidenz gezogen. Solche Ergebnisse sind jedoch nur bedingt aussagekräftig.

    Gefahr des ökologischen Fehlschlusses

    Das Problem bei solchen ökologischen Studien: Es werden nur aggregierte Daten für Landkreise untersucht - und diese Landkreise sind teilweise auch noch relativ groß, sagt Sozialwissenschaftler Christian König vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung dem #Faktenfuchs. Es könne dadurch einen "ökologischen Fehlschluss" geben: "Selbst wenn ich einen Landkreis habe, der überwiegend von Haushalten mit niedrigen Einkommen bewohnt wird und zugleich auch eine hohe Inzidenz aufweist, ist theoretisch nicht ausgeschlossen, dass innerhalb des Landkreises vor allem Haushalte mit hohen Einkommen diejenigen sind, die sich infiziert haben," sagt König. Obwohl ökologische Studien einen kausalen Zusammenhang glaubhaft nahelegen, müsse man diese Erkenntnisse, wenn möglich, mit individuellen Daten - etwa denen der gesetzlichen Krankenkassen - untermauern.

    Impfbereitschaft von Migranten

    Übrigens: Eng damit verbunden ist die Debatte über eine angeblich mangelnde Impfbereitschaft von Menschen mit Migrationshintergrund. Statistische Belege dafür gibt es nicht, aber unter anderem Berichte von Medizinern. Im B5 Thema des Tages teilte Stefan John, Leiter der Intensivmedizin am Klinikum Nürnberg, die Beobachtung, dass gerade aus nicht-deutschsprachigen Communities viele Menschen nicht zur Impfung gingen. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte Ende April, er sehe darin eine "große Herausforderung". In verschiedenen Medien wurde berichtet, in migrantischen Communities kursiere die Falschbehauptung, die Impfung führe angeblich zu Unfruchtbarkeit. Das stimmt nicht, wie dieser #Faktenfuchs erläutert. Auch die Sprachbarriere wird häufig als Faktor genannt. BR24 veröffentlicht auch deshalb Nachrichten und Informationen rund um Corona in verschiedenen Sprachen.

    Laura Scholaske vom DeZIM betont: Wichtig bei der Debatte um eine mangelnde Impfbereitschaft unter Migranten sei die Tatsache, dass es auch dazu keine Daten gebe.

    Eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 2017 zeigte, dass die Impfbereitschaft bei Menschen mit Migrationshintergrund im Allgemeinen hoch war. Kinder von Migranten, die in Deutschland geboren sind, unterschieden sich zum Beispiel kaum von Kindern ohne Migrationshintergrund.

    Laut einer Auswertung des sozioökonomischen Panels (SOEP) vom Sommer 2020, bei der die Corona-Impfbereitschaft abgefragt wurde, sind es allerdings eher diejenigen mit Hochschulabschluss und höherem Einkommen, die eine Impfung befürworten. Laut Scholaske haben Menschen mit Migrationshintergrund im Schnitt einen geringeren sozioökonomischen Status als Menschen ohne Migrationshintergrund, was möglicherweise zu einer geringeren Impfbereitschaft beitragen könnte.

    Fazit

    Daten dazu, ob mehr Menschen mit Migrationshintergrund auf deutschen Intensivstationen liegen, gibt es nicht. Die Herkunft wird dort nicht abgefragt. Eine Annäherung ist über den sozioökonomischen Status möglich, der bei Migranten und Migrantinnen im Schnitt niedriger ist.

    Studien aus den USA und Großbritannien legen einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlich benachteiligten Menschen und einem schwereren Verlauf von Corona nahe. Gründe dafür sind zum Beispiel Vorerkrankungen wie Diabetes, Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein erhöhtes Infektionsrisiko. Menschen mit geringerem Einkommen und weniger Bildung wohnen in kleineren Wohnungen, in denen sie sich nicht isolieren können und arbeiten häufiger in Berufen, die kein Homeoffice ermöglichen. Vergleichbare Studien in Deutschland gibt es nicht.

    *06.05.2021, 10:35 Im Absatz zur Debatte um eine mangelnde Impfbereitschaft von Menschen mit Migrationshintergrund wurden der Hinweis auf die Einschätzung von Stefan John ergänzt und Jens Spahns Zitat korrigiert. Er sprach nicht von einem "Problem", sondern von einer "Herausforderung".

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