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Krankenhaus-Zahlen: Sind die Jahre 2020 und 2019 vergleichbar? | BR24

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Corona-Pandemie: Sprechen gesunkene Patientenzahlen für eine geringere Belastung der Krankenhäuser?

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    Krankenhaus-Zahlen: Sind die Jahre 2020 und 2019 vergleichbar?

    Im Netz verbreitet sich eine Statistik, die angeblich belegt, dass Krankenhäuser von der Pandemie kaum betroffen seien. Die Zahlen stimmen, aber über die tatsächliche Belastung der Krankenhäuser sagen sie wenig aus. Ein #Faktenfuchs.

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    Von
    • Max Gilbert

    Auf Twitter verbreitet sich ein Beitrag, der behauptet, es gebe keine Überlastung des Gesundheitssystems. Der Nutzer, der diese Behauptung reichweitenstark verbreitet, beschreibt sich auf seinem Twitter-Profil als Arzt. Als Beleg führt er Statistiken an, die zeigen, dass die Patientenzahl, die Zahl der Behandelten mit schweren Atemwegsinfekten sowie der Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt oder beatmet wurden, im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr gesunken sei. Der #Faktenfuchs zeigt, warum der Vergleich der Krankenhaus-Zahlen von 2019 und 2020 problematisch ist und wieso die Betrachtung der absoluten Zahlen einen falschen Eindruck erwecken kann.

    Korrekte Daten: Die absolute Patientenzahl ist gesunken

    Die Zahlen, die in dem Tweet als Beleg angeführt werden, stammen vom Verein Initiative Qualitätsmedizin (IQM), bei dem etwa 500 Krankenhäuser Mitglied sind. Die IQM hat dem #Faktenfuchs bestätigt, dass die Patientenzahlen von 2020 und 2019 stimmen.

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    Die Zahlen der IQM-Krankenhäuser aus den Jahren 2019 und 2020.

    Die absolute Anzahl an Patienten in den Krankenhäusern der IQM-Mitglieder ist 2020 gesunken. Im Vorjahr 2019 waren es noch rund 14 Prozent mehr. Auch die Zahl der SARI-Patienten, also der Patienten mit schweren Atemwegserkrankungen (serious acute respiratory infections), ist demnach um etwa zehn Prozent zurückgegangen. Ebenso war Zahl der Intensiv- und der beatmeten Patienten in den IQM-Krankenhäusern geringer als im Vorjahr.

    Die Daten werden laut IQM nach Paragraf 21 des Krankenhausentgeltgesetzes erhoben. Dabei wird die Patientenzahl aus der Zahl der Krankenhausfälle abgeleitet. Ist ein Mensch in einem Jahr zweimal im Krankenhaus gewesen, dann taucht er demnach auch doppelt in der Statistik auf.

    Laut IQM sind die Zahlen für die deutschen Krankenhäuser repräsentativ, sie basieren auf etwa sechs Millionen Fallzahlen. Für einen Vergleich hat der #Faktenfuchs die Zahlen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) für 2019 und 2020 angefragt. Da die Zahlen des letzten Quartals von 2020 noch nicht verfügbar sind, lassen sich hier nur die Zahlen der ersten drei Quartale vergleichen. Die Daten der DKG bestätigen die IQM-Zahlen, lediglich zu beatmeten Patienten liegen der DKG keine Daten vor.

    Unterschiedliche Gründe für gesunkene Zahlen: Kaum Grippe-Infektionen

    Dass die Gesamtzahl der Patienten im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr gesunken ist, hat mehrere Gründe. Zum einen wurden in den Hochphasen der Pandemie nicht notwendige Behandlungen verschoben. Dass 2020 weniger leicht erkrankte und mehr schwer erkrankte Patienten in die Krankenhäuser aufgenommen wurden, vermutet auch das IQM, wie eine Sprecherin dem #Faktenfuchs sagte. Dafür spräche, dass trotz geringerer Patientenzahlen im Vergleich zu 2019, mehr Menschen in den Krankenhäusern gestorben sind. Die IQM betont jedoch, dass hierzu noch weitere Studien notwendig seien.

    Dass die Zahl der Patienten mit schweren akuten Atemwegsinfekten gesunken ist, ist laut IQM-Sprecherin auf die Hygienemaßnahmen zurückzuführen: "Die Maßnahmen der Hygieneregeln (AHA) (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske; Anm. d. Red.), die Isolation und Lockdown-Phasen haben selbstverständlich nicht allein Auswirkung auf die Covid-19-Infektion, sondern verhindern alle Infektionen, die einen ähnlichen Übertragungsweg haben."

    Das bestätigt auch der aktuelle Influenza-Wochenbericht (Stand: KW07) des Robert Koch-Instituts (RKI). Demnach befindet sich die Zahl an schweren Atemwegserkrankungen im Vergleich zur Vorsaison auf einem "extrem niedrigen Niveau".

    Die Sprecherin der IQM verweist auch auf den Anstieg derer, die an schweren akuten Atemwegserkrankung gestorben sind. In der zweiten Welle machten Covid-19-Fälle demnach 55% aller SARI-Fälle aus. Obwohl es also im Vergleich zu 2019 zehn Prozent weniger SARI-Fälle gab, ist die Zahl der daran Verstorbenen um 12 Prozent gestiegen. Nach Angaben der Sprecherin sei die Sterblichkeit des SARI im Jahr 2020 mit 15,3% signifikant höher gewesen, als mit 12,2% im Jahr 2019.

    Statistische Details: Absolute Zahlen gesunken, relativer Anteil gestiegen

    Dass die Zahl der intensiv behandelten und beatmeten Patienten gesunken ist, sei nur bei Betrachtung der absoluten Zahlen im Jahresvergleich der Fall. Denn "gemessen an den verminderten Krankenhausfällen ist der relative Anteil gestiegen", erklärt die Sprecherin der IQM. 2020 war der Anteil der Patienten, die intensiv oder durch Beatmung behandelt wurden, also größer.

    Die IQM-Sprecherin verweist außerdem auf die geringere Anzahl an planmäßigen Operationen: "Viele Patienten, die im Rahmen von komplexen Operationen oder Interventionen normalerweise auf der Intensivstation überwacht werden, waren in diesem Jahr nicht zu finden, eben weil die Fallzahlen so abnahmen." Außerdem wurden 2020 vermehrt Patienten, die eigentlich auf eine Intensivstation kämen, auf normale Stationen verlegt.

    Bedeuten geringere Patientenzahlen auch eine geringere Belastung für die Krankenhäuser?

    In dem erwähnten Tweet werden die Zahlen der IQM als Beleg dafür angeführt, dass es keine Überlastung des Gesundheitssystems infolge der Corona-Pandemie gebe. Dies könne man allein aus den Zahlen nicht schlussfolgern, schreibt die Sprecherin der Initiative Qualitätsmedizin dem #Faktenfuchs: "Durch die weitreichenden Covid-19-Maßnahmen, die quasi jeden Bereich der Krankenhäuser betreffen, sind alle Prozesse von der Aufnahme bis zur Entlassung mit einem deutlich höheren Aufwand verbunden."

    Teilweise hätten ganze Bereiche von Krankenhäusern dafür umorganisiert werden müssen. Die Sprecherin gibt außerdem zu bedenken, dass sich auch viele Krankenhausangestellte mit SARS-Cov-2 infiziert hätten, was die Krankenhäuser zusätzlich belastet habe. Laut Lagebericht des Robert Koch-Instituts haben sich über 70.000 Menschen, die in Krankenhäusern, Praxen oder anderen medizinischen Berufen arbeiten, mit Corona infiziert (Stand: 1. März 2021).

    Krankenhäuser 2020: Situation mit anderen Jahren nicht vergleichbar

    Unter dem Strich ließen sich die Zahlen von 2019 und 2020 nicht vergleichen, betonen IQM und DKG. Die DKG verweist im Hinblick auf gesunkene Patientenzahlen auch darauf, dass die Behandlung eines Covid-Erkrankten nicht mit der eines normalen Patienten vergleichbar sei. Allein das Einhalten der Hygienemaßnahmen erfordere einen größeren Aufwand. Außerdem werde in den Zahlen nicht berücksichtigt, wie lange eine Person im Krankenhaus behandelt wurde. Ein Patient, der eine Nacht lang beobachtet wird, werde genauso gezählt wie jemand, der mehrere Wochen auf einer Intensivstation liegt.

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    Die Zahlen der IQM werden in diesem Tweet irreführend interpretiert.

    Die Behauptung, die Zahlen der IQM würden eine Überlastung der Krankenhäuser widerlegen, ist falsch. Dass Krankenhausstatistiken ohne Kontext herangezogen werden und sich die Daten von 2020 nicht mit denen anderer Jahre vergleichen lassen, zeigt auch dieser Faktencheck von Correctiv. Die Zahlen der IQM wurden indes nicht zum ersten Mal in einem irreführenden oder falschen Zusammenhang verwendet. Dazu hat die IQM hier (unter dem Reiter Statement) eine Stellungnahme veröffentlicht.

    Beispiel Nürnberg: Belastung von Schwerpunkt-Klinik weiterhin hoch

    Die Belastungen für Krankenhäuser durch die Corona-Pandemie kennt auch Joachim Ficker. Er ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie am Klinikum Nürnberg. Auf seinen Stationen werden unter anderem Covid-Schwerstkranke versorgt. Obwohl die Zahl in letzter Zeit leicht rückläufig sei, bleibe die Lage angespannt, schreibt er dem #Faktenfuchs auf eine Mail-Anfrage: "In unserer Rolle als überregionaler Maximalversorger und Covid-Schwerpunkt-Krankenhaus bekommen wir jedoch weiterhin auch schwer kranke und schwerstkranke Corona-Patienten aus anderen Kliniken zuverlegt. Entsprechend sind die internistischen Intensivstationen weiterhin sehr stark mit der Versorgung von Corona-Patienten belastet."

    Das ist kein Beleg für eine grundsätzliche Überlastung des Gesundheitssystems, die Situation eines Schwerpunkt-Krankenhauses wie in Nürnberg lässt sich nicht pauschal mit anderen Krankenhäusern vergleichen. Die Beschreibungen von Joachim Ficker zeigen aber beispielhaft, wie sich die Lage in deutschen Kliniken zuspitzen konnte und dass sich aus gesunkenen Gesamt-Zahlen nicht ableiten lässt, dass die Pandemie keine Belastung für Krankenhäuser darstellen würde.

    Klinikum Nürnberg im Dezember 2020 an der Belastungsgrenze

    Während 2019 "geregelter Betrieb" geherrscht habe, sei die Lage im Jahr 2020 eine andere gewesen. Bereits während der ersten, vor allem aber während der zweiten Welle musste die Menge an nicht zwingend erforderlichen Eingriffen eingeschränkt werden:

    "Zeitweise musste auch die Diagnostik und Therapie von Patienten mit schweren Krankheitsbildern (auch Krebserkrankungen) aus Personalmangel auf der Grundlage staatlicher Vorgaben verschoben werden. Insbesondere im Dezember 2020 bestand eine durch den hohen Anfall schwerstkranker Corona-Patienten und eine Verschärfung des Personalmangels durch Krankheitsausfälle und Quarantänemaßnahmen kritische Situation, sodass das Klinikum Nürnberg den internen Pandemie-Alarmfall ausrufen musste." Prof. Dr. Joachim Ficker, Klinikum Nürnberg

    Das Klinikum Nürnberg war nach eigener Aussage an seine Belastungsgrenze gekommen.

    "Wir waren trotz Ausschöpfung aller strukturellen und personellen Reserven zum Beispiel im Dezember 2020 zeitweise nicht in der Lage, alle Patienten aufzunehmen, die uns zum Teil mit dringenden Krankheitsbildern zur Aufnahme/Übernahme angeboten wurden", sagt Joachim Ficker, der auch als Professor lehrt, unter anderem an der Universität Erlangen-Nürnberg.

    "Jetzt, wo die Zahl der Corona-Patienten auf den Normalstationen langsam abnimmt (die Intensivstationen sind immer noch gut belastet), können wir zunehmend wieder unsere teils schwerkranken Nicht-Corona-Patienten versorgen und sehen dabei regelmäßig Situationen, in denen wir uns als Ärzte wünschen, wir hätten diesem Patienten schon einige Wochen oder Monate früher helfen können, weil das Krankheitsbild in der Zwischenzeit einfach fortgeschritten ist."

    Fazit

    Die Zahlen der Initiative Qualitätsmedizin stimmen. Ihre Aussagekraft zur tatsächlichen Belastung der Krankenhäuser ist aber stark eingeschränkt. Die Krankenhaus-Zahlen von 2020 lassen sich aufgrund mehrerer Faktoren nicht ohne Weiteres mit denen von 2019 oder anderen Vorjahren vergleichen. Eine angeblich nicht vorhandene Überlastung lässt sich aus ihnen nicht ableiten.

    So sagt sowohl die absolute Zahl der Patienten, als auch der Fälle auf Intensivstationen wenig über die tatsächliche Arbeitsbelastung aus. Bei den Fällen wird etwa nicht nach Dauer des Aufenthalts unterschieden. Auch haben sich während der Corona-Pandemie viele Abläufe in den Krankenhäusern verändert, die Behandlung von Patienten ist aufwendiger geworden. Die angesprochene Darstellung der IQM-Zahlen in dem Tweet ist irreführend und die Schlussfolgerung, es habe keine Überlastung des Gesundheitssystems gegeben, nicht belegt.

    4. März 2021, 9:00 Uhr: In einer früheren Version hieß es, in der IQM hätten sich 15 Krankenhausträger zusammengeschlossen. Die IQM hat den #Faktenfuchs darauf hingewiesen, dass es mittlerweile mehr als 15 Krankenhausträger sind. Wir haben die Angabe durch die Anzahl der Mitgliedskrankenhäuser, etwa 500, ersetzt.

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