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Warum Vereinssportler nicht aufs Joggen umsteigen

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Warum Vereinssportler nicht aufs Joggen umsteigen

Fitnessstudios und Sporthallen sind geschlossen, doch viele Menschen haben jetzt mehr Zeit, neue Sportarten auszuprobieren. Wie hat sich das Sportverhalten in der Pandemie verändert? Eine aktuelle Studie dazu kommt zu überraschenden Ergebnissen.

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Von
  • Sandra Demmelhuber

Anton Kirmeier tanzt in einer Showtanzgruppe. Mit seinem Verein aus Dorfen im Landkreis Erding ist er in ganz Bayern unterwegs - eigentlich, denn getanzt haben er und seine Gruppe zuletzt im Oktober 2020.

Auch die Monate zuvor waren für den Tanzverein nicht einfach: Der Trainingsstart für die neue Saison wurde nach dem ersten Lockdown immer weiter nach hinten verschoben, dann musste ein umfassendes Hygienekonzept erarbeitet werden, dennoch wurden viele Auftritte abgesagt.

Nun tanzt die Showtanzgruppe seit etwa drei Monaten wieder gar nicht mehr. Und niemand weiß, wann und wie es wieder geht.

"Das gemeinsame Training fehlt sehr stark"

"Das Schöne an einem Gruppensport ist ja, dass man zusammen kommt. Da entwickeln sich ja auch Freundschaften. Das gemeinsame Training nach einem stressigen Tag an der Uni, den Kopf frei zu machen, das fehlt aktuell sehr, sehr stark." Anton Kirmeier, Tänzer und Student

Der 27-Jährige hat versucht, sich nach dem zweiten Lockdown einen anderen Ausgleich zum Alltag zu suchen, denn zuvor hat er zwei bis dreimal pro Woche im Tanzverein trainiert. Erst probierte er es mit Joggen. Vor Kurzem hat er mit Yoga angefangen, "um wenigstens ein bisschen fit und gelenkig zu bleiben".

Einzelsport, so sagt der Lehramtsstudent, mache für ihn aber wenig Sinn. Denn er als Tänzer wisse nicht, wie er trainieren kann, um die spezifischen Muskeln und die Kraft für die Hebefiguren zu erhalten. Er sei auch einfach daran gewöhnt, gemeinsam mit seiner Tanzgruppe zu trainieren.

"An sich mache ich jetzt viel weniger Sport. Ich hoffe, dass ich bald wieder tanzen kann." Anton Kirmeier

Studie: Einzelsportler treiben im Lockdown mehr Sport, Vereinssportler deutlich weniger

Anton Kirmeier ist kein Einzelfall. Laut einer aktuellen Studie der Hochschule für angewandtes Management in Ismaning (Landkreis München) treiben Vereinssportler mittlerweile weitaus weniger Sport als zuvor. Menschen, die ihren Sport jedoch selbstorganisiert und individuell betreiben, also beispielsweise alleine Joggen gehen, Radfahren oder Workouts absolvieren, machen während der Lockdown-Phasen wesentlich mehr Sport als früher.

Für die Studie haben Studienleiterin Prof. Katharina Schöttl und ihr Team insgesamt 2.027 Sportlerinnen und Sportler aller Altersklassen und Sportarten befragt. Es zeigte sich dabei auch: Individualsportler sind eher bereit, digitale Möglichkeiten zur Trainingsunterstützung zu nutzen, also etwa Laufapps oder Fitnessuhren. Mitglieder von Fitnessstudios, die es ohnehin gewohnt sind, alleine zu trainieren, greifen verstärkt auf das Angebot von Online-Kursen zurück.

"Die Bereitschaft, in Lockdown-Phasen neue Sportarten auszuprobieren, wurde in der Studie vor allem bei den Vereinssportlern als sehr gering angegeben. Die selbstorganisierten Sportler haben hingegen die Lockdown-Phasen genutzt, um mal neue Sportarten auszuprobieren." Prof. Katharina Schöttl, Hochschule für angewandtes Management

Unterschiedliche Sportmotivation

Ein weiterer wichtiger Grund, warum Einzelsportler jetzt im Lockdown wesentlich mehr Sport treiben als Mitglieder eines Sportvereins, sind auch die Sportmotive, so Prof. Schöttl.

"Bei den Vereinssportlern stellen Motive wie soziale, gesellige Integration, aber auch die Wettkämpfe, die dominierenden Gründe dar, warum Sport getrieben wird. Bei Sportlern, die ihren Sport seit jeher selbstorganisiert betreiben, stehen eher Motive wie gesundheitliche Aspekte oder ganz persönliche Ziele wie Muskelaufbau oder Gewichtsreduktion im Vordergrund." Prof. Katharina Schöttl, Hochschule für angewandtes Management

Aus diesen Gründen haben laut Studienleiterin Prof. Schöttl mehr selbstorganisierte Sportler ihre (durch verschiedene Lockdown-Maßnahmen) hinzugewonnene Zeit genutzt, um das Training zu erhöhen. Diese Gruppe sei insgesamt auch offener für das zunehmende digitale Sportangebot.

Hinzu komme, dass in Zeiten der Pandemie "Sport und Bewegung an der frischen Luft unter Beachtung der Kontaktbeschränkung" einer der "triftigen" Gründe ist, das Haus zu verlassen. Die Vermutung liege nahe, so Prof. Schöttl, dass auch deshalb mehr Sport getrieben wird. Hinzu kämen noch die vielen entfallenen Alternativen der Freizeitgestaltung, keine Urlaubsreisen oder zum Teil keine Arbeitswege mehr durch Homeoffice.

Müssen Sportvereine um Mitglieder fürchten?

Das Ergebnis der Studie bestätigt somit die Befürchtungen vieler Sportvereine nicht, dass viele Mitglieder den Vereinssport durch selbstorganisierten Sport über Handyapps, Fitnessuhren oder Onlinekurse ersetzen und deshalb ihre Mitgliedschaft kündigen.

Jörg Ammon, der Präsident des bayerischen Landessportverbandes, sieht das kritisch. Zum Jahresende 2020 seien rund 4,5 Millionen Sportlerinnen und Sportler in den bayerischen Sportvereinen gemeldet gewesen. Das seien rund zwei Prozent, beziehungsweise etwa 100.000 Mitglieder weniger als im Vorjahr.

"Wir stellen fest: Je jünger die Menschen sind, je höher sind die Mitgliederrückgänge. Diese negative Entwicklung macht uns bei den Kindern und Jugendlichen sehr große Sorgen. Weil teilweise ganz Jahrgänge wegbrechen und der fortschreitende Bewegungsmangel dadurch noch verstärkt wird." Jörg Ammon, Präsident des bayerischen Landessportverbandes

Kinder und Jugendliche am stärksten betroffen

Auch Prof. Katharina Schöttl zeigt sich besorgt über die derzeitige Situation für Kinder und Jugendliche. Für sie stellten Vereine neben der Sport- und Bewegungsförderung auch einen geschützten Ort der sozialen Integration sowie der Betreuung dar.

Alleine im Bayerischen Landessportverband machten die unter 18-Jährigen knapp ein Drittel aller Mitgliedschaften aus. Hinzu komme, dass Kinder und Jugendliche beim Sporttreiben stärker auf Trainer und Übungsleiter angewiesen seien. Speziell den Jüngsten sei es ohne Betreuung durch Eltern nahezu unmöglich, alleine Sport zu treiben.

Selbstorganisierter Sport finde im Kindesalter daher, wenn überhaupt, vor allem in Form von Gruppen- und Mannschaftssportarten statt, so die Sportwissenschaftlerin. Doch das ist aufgrund der Kontaktbeschränkungen derzeit nicht möglich. Und auch der Schul- und Pausenhofsport entfällt derzeit komplett.

"Die Einschränkungen im Sport sind damit speziell für Kinder und Jugendliche und deren Familien ein zusätzlicher Belastungsfaktor neben Distanzunterricht und Kontaktbeschränkungen. Der Sport hat häufig die Aufgabe erfüllt, die Kinder von digitalen Endgeräten wegzuholen, um die Freizeit gesund und bewegt zu gestalten. " Prof. Katharina Schöttl, Hochschule für angewandtes Management

Aus gesundheitlicher Sicht sei somit das Ergebnis der Studie, wie sich das Sportverhalten in der Pandemie verändert hat, auch besorgniserregend. Laut Professor Schöttl gibt es dafür zwei wesentliche Gründe: Einerseits, weil die Vereinssportler während der Lockdown-Phasen deutlich weniger Sport treiben als zuvor. Und auf der anderen Seite, weil insbesondere Kinder und Jugendliche stark davon betroffen sind.

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