Drei Frauen sitzen in historisch anmutenden Kleidern auf einer Parkbank
Bildrechte: BR/Franziska Simon

Beim Flanieren verwirklichen sich Regine Gareis, Gabriella Melickian und Gaby Herrmannsdörfer ihren Kindheitstraum: einmal Prinzessin sein.

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Flanieren in Bayreuth: Ein Ausflug in die Vergangenheit

Drei Frauen aus Bayreuth gehen im Sommer jedes Wochenende auf Zeitreise. In teils selbst genähten Kleidern, mit Perücken und Hüten flanieren sie durch Schloss- und Hofgärten in Franken. So erfüllen sie sich ihren Mädchentraum: einmal Prinzessin sein.

Über dieses Thema berichtet: Frankenschau aktuell am .

Es ist ein sehr warmer Tag, als drei Damen in historisch wirkenden Kleidern aus ihren Autos steigen, mit geübten Handgriffen die Roben richten, um sich dann in aller Ruhe gegenseitig das Korsett zu schnüren. Sie tragen weite Röcke in Blau mit Gold, eines ist in Kupfertönen mit Muster gehalten, das andere lila-grün gestreift. Sofort richten sich alle Blicke in dem Park von Schloss Colmdorf in Bayreuth auf sie. Kein Problem für die drei: "Wir machen das als Hobby, uns macht das Spaß", sagt Gabriella Melickian, während sie ihre Perlenkette richtet.

Schon als kleine Mädchen wollten die Bayreutherinnen Regine Gareis, Gaby Herrmannsdörfer und Gabriella Melickian Prinzessinnen sein. Mit Anfang sechzig erfüllen sie sich nun ihren Kindheitstraum. Jedes Wochenende bei schönem Wetter treffen sie sich und flanieren als "Time Travelling Ladies - Les Flaneurs" durch Schlossparks und Hofgärten in Franken. Dabei sehen die drei aus, als seien sie einem anderen Jahrhundert entsprungen.

Mittelalter-Serie als Inspiration

Seit drei Jahren schlüpfen Gaby Herrmannsdörfer und Gabriella Melickian in ihre historisch anmutenden Kleider und flanieren darin durch Bayreuth. Während der Corona-Pandemie war ihnen die Idee gekommen: "Wir haben die Serie "Outlander" gesehen und da dachten wir uns, diese Kleider sind so schön, die wollen wir auch", sagt Gabriella Melickian. Gesagt, getan: Sie bestellen sich im Internet Mittelalterkleider und flanieren los. Was als kleine Flucht vor den Corona-Beschränkungen startet, wird schnell ein großes Hobby der beiden Frauen.

20 Kleider in jedem Schrank

Kurz darauf stößt Regine Gareis dazu und das Trio ist komplett. Nun sind sie bei ihren Flanierausflügen zu dritt und auch die Kleidersammlung wächst, denn es gehörte sich für Damen von Hofe nicht, jedes Wochenende das gleiche Kleid anzuziehen. Also gingen die Frauen wieder shoppen: Ein blaues Kleid, ein gelb-weiß-gestreiftes, ein rosafarbenes mit Blumenmuster, ein rot-kariertes für den Winter – mittlerweile hat jede der Frauen um die zwanzig Kleider im Flur oder auf dem Dachboden hängen. Dazu kommen mehrere Reifröcke in unterschiedlichen Größen und Formen, für jede Epoche einen passenden. "Wir suchen noch nach dem passenden Schloss, in das all unsere Kleider reinpassen", lächelt Gabriella Melickian. Das Besondere an ihren Kleidern: Einige davon sind selbst genäht. Ein Lieblingskleid habe sie nicht, sagt Regine Gareis, dafür seien alle für sich einfach zu schön.

Roben mit modernen Details

Während die drei Damen, die alle einen richtigen Adelstitel aus Schottland tragen, in ihren barocken und viktorianischen Kleidern durch den Colmdorfer Schlosspark flanieren, fällt ihren Beobachterinnen und Beobachtern ein Detail nicht auf: Ganz originalgetreu ist keines der Outfits. "Das ist jetzt ein Detail, das nicht original ist", sagt Gareis und zeigt auf den Reißverschluss unter ihrem Arm: "Aber ich bin ja Zeitreisende, ich darf das!".

Dass ihre Kleider, Perücken und auch die Schuhe – sie tragen nämlich lieber welche von heute, in denen man gut und vor allem lange laufen kann – nicht zu 100 Prozent in eine Epoche passen, ist auch ein Grund dafür, dass sie nicht Teil eines "richtigen" historischen Vereins sind. Es gehe ihnen mehr um den Spaß und dabei solle es bequem sein, so Regine Gareis.

"Wir sind Zeitreisende", sagt auch Gabriella Melickian, "wir nehmen aus jeder Zeit etwas mit, darum passen unsere Kleider auch nicht in genau eine Zeit." Immer wieder bleibt sie in ihrem kupferfarbenen Kleid kurz stehen und lächelt hoheitsvoll in Smartphone-Kameras von Passantinnen und Passanten. Manchmal passiert es den dreien auch, dass sie beim Flanieren plötzlich Teil einer Museumsführung werden. "Dann erklärt die Gruppenleitung an unseren Kleidern, was die Frauen früher so getragen haben", freut sich Gabriella Melickian.

Königliche Gesten

Eine kurze Schattenpause im Café vom Schloss Colmdorf mit Kaffee und Kuchen. Von allen Tischen kommen interessierte Blicke. Die drei Frauen sonnen sich darin: "Wir machen es, weil es uns Spaß macht und weil wir sehen, wie sich die Menschen freuen", sagt Gaby Herrmannsdörfer. Am Nebentisch sitzen zwei Kleinkinder und bestaunen die Kleider mit großen Augen. Regine Gareis zückt ihr Portemonnaie, holt zwei glänzende Goldtaler heraus, reicht sie Gaby, die näher an den Kindern sitzt. Gaby hält den Kindern die Münzen hin, die fangen an zu grinsen und schnappen sich begeistert die Geschenke aus einer anderen Zeit.

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