Wiesnbesucher feiern im Hacker Festzelt auf dem Oktoberfest. (Archivfoto)
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Wiesnbesucher feiern im Hacker Festzelt auf dem Oktoberfest. (Archivfoto)

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Corona, Affenpocken, Grippe: Wie ansteckend wird die Wiesn?

Ende nächster Woche startet nach zwei Jahren Zwangspause die Wiesn. Die Stadt erwartet wieder Millionen Gäste auf der Theresienwiese - und mit ihnen auch diverse Krankheitserreger?

Millionen von Gäste aus der ganzen Welt, dicht gedrängt in Bierzelten - das Oktoberfest bietet ein leichtes Spiel für Krankheitserreger. Mit der ersten Wiesn nach Start der Corona-Pandemie schauen Ärzte und Gesundheitsexperten deswegen skeptisch auf das Volksfest. Denn schon in der Vergangenheit kränkelten die Münchner traditionell häufiger nach dem Start der Wiesn.

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Ärzte erwarten Wiesn-Welle

Eine Wiesn-Corona-Welle wird kommen, daran zweifeln Mediziner nicht. "Für diejenigen, die auf die Wiesn gehen: Die Übertragungswahrscheinlichkeit dort ist hoch", stellt Christoph Spinner, der Pandemie-Beauftragte des Klinikums rechts der Isar der TU München klar. Auch der Virologe Oliver T. Keppler von der Ludwig-Maximilians-Universität sagte kürzlich im BR24-Interview, man müsse als Besucher im Bierzelt von einem sehr hohen Risiko ausgehen, in Kontakt mit dem Virus zu kommen. "Auf einer Skala von 1 bis 10 liegt die Wahrscheinlichkeit einer SARS-CoV-2-Exposition nach mehreren Stunden im Zelt nach meiner Einschätzung bei 9 bis 10. Viel mehr geht also nicht."

Anstieg der Fallzahlen nach Volksfesten

In der Vergangenheit zeigte sich bereits mehrfach, dass nach Volksfesten die Infektionszahlen nach oben schnellten. Zuletzt stiegen die Inzidenzen nach dem Ende des Straubinger Gäubodenvolksfestes: Straubing wies am Montag - zwei Wochen nach Ende des Festes - laut Robert Koch-Institut (RKI) mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 667,9 bundesweit deutlich den höchsten Wert auf, an zweiter Stelle folgte der Landkreis Straubing-Bogen mit 650,6. Auch nach der Allgäuer Festwoche in Kempten stiegen die Infektionszahlen, wenn auch nicht so stark wie nach dem Gäubodenvolksfest.

"Erste Herbstgrippe holt man sich auf der Wiesn"

Trotzdem sehen auch Mediziner keinen Grund, das größte Volksfest der Welt abzusagen, das wegen seiner Internationalität noch eine größere Verbreitungswirkung haben könnte. "Wir brauchen wieder mehr Normalität", sagt Johannes Bogner, Leiter der Sektion Klinische Infektiologie am LMU-Klinikum der Universität München. Das Oktoberfest sei seit jeher Ausnahmezustand, allein wegen der Menschenmassen. "Wir wissen seit langem, dass die erste Welle der grippalen Erkrankungen im Herbst sehr stark mit der Wiesn zusammenhängt", so Bogner. Das Phänomen sei seit über 100 Jahren bekannt. "Die erste Herbstgrippe, die holt man sich auf dem Oktoberfest."

Ärzte registrieren folglich erhöhte Zahlen von grippalen Infekten - und zwar früher als in anderen Teilen des Landes. Für die Influenza ist das Volksfest hingegen fast zu früh, denn die "echte" Grippe grassiert meist erst nach dem Jahreswechsel bis in den März hinein.

Affenpockengefahr gering

Doch mittlerweile gibt es nicht nur Corona, auch die Affenpocken breiten sich weltweit aus. In Deutschland haben sich bisher laut RKI über 3.500 Menschen mit dem Virus infiziert, der Trend ist immerhin seit Anfang August leicht rückläufig. Die Gefahr, sich auf dem Oktoberfest mit den Affenpocken anzustecken, schätzen Experten aber als gering ein - wenn man sich nicht sehr nahe kommt. Denn die überwiegende Mehrheit aller Infektionen trat bisher nach sexuellen Kontakten auf.

Trotz dicht gedrängter Massen wurden jenseits der Wiesn-Grippe Infektionserreger bisher offenbar allgemein eher selten ausgetauscht. Magen-Darm-Erkrankungen, Herpes, Krätze, Läuse - all das spielte zumindest keine größere Rolle. Erbrechen ist zwar ein typisches Wiesn-Phänomen, aber meist als Folge übermäßigen Alkoholgenusses.

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Wiesn schon vor 170 Jahren wegen Pandemie abgesagt

Dass das Oktoberfest in den vergangenen zwei Jahren wegen einer Pandemie abgesagt werden musste, kam nicht zum ersten Mal vor. Schon vor 170 Jahren konnte die Wiesn wegen Cholera nicht stattfinden. Wenige Wochen vor Wiesnstart sollte in München die erste deutsche Industrie-Ausstellung starten. Um diese nicht zu gefährden, wurde die Gefahr eines Cholera-Ausbruchs als Gerücht dargestellt - obwohl die Pest weltweit wütete. Die Ausstellung wurde an einzelnen Tagen von mehr als 5.000 Menschen besucht. Gleich am ersten Tag brach die Krankheit aus - obwohl die Ansteckung in der Regel nicht von Mensch zu Mensch erfolgt, sondern über kontaminiertes Wasser und Nahrungsmittel.

Der Seuche fiel im Oktober 1854 auch die Frau Ludwigs I., Therese, zum Opfer, zu deren Hochzeit 44 Jahre zuvor die Wiesn zum ersten Mal stattfand und nach der die Theresienwiese benannt ist. 1873 wurde die Wiesn erneut wegen der Cholera abgesagt.

Mit Material der dpa.

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