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Betrug im Gesundheitswesen: Bayern setzt auf Spezialisten

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Betrug im Gesundheitswesen: Bayern setzt auf Spezialisten

Betrug im Gesundheitswesen: Bayern setzt auf Spezialisten

Kriminelle Machenschaften bei so manchen Ärzten und Apothekern: Immer wieder gibt es Fälle von falschen Abrechnungen. Um Betrug aufzudecken, ermitteln in Bayern seit zwei Jahren Spezialisten. Etwa 570 Verfahren sind seitdem eingeleitet worden.

Sechs Jahre lang war es für einen Arzt aus München relativ einfach zu betrügen. Sein Trick: Er scannte die Krankenversicherungskarte seiner Patienten selbst ein und manipulierte die Daten. So rechnete er Leistungen nicht nur für ein Quartal, sondern für mehrere ab, obwohl der Patient gar nicht mehr bei ihm in Behandlung war. Es entstand ein Schaden von über drei Millionen Euro. Auch eine Apothekerin aus dem Allgäu fehlte es nicht an krimineller Energie: Sie fälschte Rezepte und reichte die bei der Krankenversicherung ein. Der Schaden: 500.000 Euro.

Etwa 570 Verfahren seit Zentralstellen-Gründung eingeleitet

Dass diese zwei Fälle und andere jetzt vor Gericht gehen, ist auch einer vor zwei Jahren extra eingerichteten Stelle in Bayern zu verdanken, der "Bayerischen Zentralstelle zur Bekämpfung von Betrug und Korruption im Gesundheitswesen" in Nürnberg. Die sei laut bayerischem Justizminister Georg Eisenreich (CSU) mittlerweile sehr erfolgreich: Etwa 570 Verfahren seien seit Gründung der Stelle bis Ende Oktober 2022 eingeleitet worden. Die meisten Abrechnungs-Betrügereien, 36 Prozent, fanden sich aber nicht bei Ärzten oder Apothekern, sondern bei Teststationen für Corona-Schnelltests.

Gesundheitsbereich für Kriminelle lukrativ

Für den Leiter der bayerischen Zentralstelle, Oberstaatsanwalt Richard Findl, ist klar, warum kriminelle Energie auch vor Ärzten und Apothekern nicht Halt macht: "Es sind über 460 Milliarden Euro, die im letzten Jahr wahrscheinlich im Gesundheitsbereich ausgegeben worden sind. So eine hohe Summe schafft natürlich auch viele Gelegenheiten, falsch abzurechnen. Deshalb gibt es natürlich hier, wie in jedem Bereich, auch schwarze Schafe."

Spezialisten helfen beim Aufdecken von Betrug

Um diesen schwarzen Schafen auf die Schliche zu kommen, arbeiten in der Zentralstelle nicht nur 14 Staatsanwälte, sondern auch spezialisierte Köpfe: IT-Forensiker und medizinische Abrechnungsfachkräfte. Laut Eisenreich ist das ein besseres Modell, als noch vor zwei Jahren, als es die Zentralstelle noch nicht gab: "Wir hatten in der Vergangenheit schon Schwerpunktstaatsanwaltschaften, die sich mit dem Thema Betrug und Korruption im Gesundheitswesen auseinandergesetzt haben. Wir haben aber gesehen, wenn wir die zu einer Zentraleinheit zusammenfassen, können wir unsere Arbeit noch weiter optimieren."

Auch Privatpersonen können online Hinweise abgeben

Das Ziel der Stelle: Das Geld der Betrüger für die Krankenkassen wieder zurückholen und vor allem auch verhindern, dass Patienten zu Schaden kommen. Um noch mehr Betrügern auf die Spur zu kommen, können seit einem Jahr auch Privatpersonen anonym Hinweise geben. Dafür hat die Zentralstelle ein Online-System eingerichtet. Obwohl es noch ein Pilotprojekt ist, sei es schon vielversprechend, sagt Eisenreich: Über 200 Hinweise seien dort schon angekommen, rund 150 Verfahren deshalb eingeleitet worden.

Dunkelfeldstudie soll Dimension des Betrugs klarer machen

Trotz all der Hinweise, denen die Stelle nachgeht - das Dunkelfeld bleibt groß. Um belastbarere Zahlen über den Betrug im medizinischen Bereich zu kriegen, setzt sich Eisenreich für eine bundesweit angelegte Dunkelfeldstudie im Gesundheitssektor ein.

AOK Bayern: Auch bei der Polizei braucht es mehr Spezialisierung

Für diese Dunkelfeldstudie macht sich auch die AOK Bayern stark. Denn so wie andere Krankenkassen auch kostet sie der Betrug viel Geld: Allein in den Jahren 2020 und 2021 belief sich der Gesamtschaden bei der der AOK Bayern auf fast 28 Millionen Euro. Verbesserungsbedarf sieht die Krankenkasse vor allem noch bei der Polizeiarbeit. Es sei wünschenswert, wenn es nicht nur eine Spezialisierung bei der Justiz gebe, sondern auch bei der Kriminalpolizei. Hier sei aktuell noch das "Nadelöhr", das laufende Ermittlungen oft lange verzögere, teilt die AOK Bayern auf BR-Anfrage mit.

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