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Depressionen und Angststörungen Menschen leiden psychisch unter Corona

Angesichts der Corona-Pandemie und des Lockdowns zeichnet sich ab, dass viele Menschen über alle Altersklassen hinweg psychische Probleme entwickeln – oder sich bereits bestehende psychische Erkrankungen verstärken. Psychotherapeuten und Psychologen sind deswegen beunruhigt.

Von: Veronika Scheidl und Sina-Felicitas Wende

Stand: 28.03.2021

Anna M. (Name geändert) war 22 Jahre alt, als ein Unfall ihr Leben komplett veränderte: Sie rutschte unglücklich auf einer Treppe aus, zog sich einen sehr komplizierten Bruch im rechten Sprunggelenk zu. Auch drei Jahre später plagen die junge Frau chronische Schmerzen im Fuß. Und auch psychisch leidet Anna M. unter dem Schmerz. Sie hat eine Schmerzstörung entwickelt, die zu einer Depression geführt hat. Mit der Corona-Krise wurde diese Depression noch schlimmer, erzählt sie.

"Ich tendiere dazu, mich einzuigeln und völlig zurückzuziehen. Und das war die perfekte Gelegenheit, als Corona kam. Ich habe mich fast erleichtert gefühlt, weil ich mir gedacht habe, 'Gott sei Dank macht keiner irgendetwas Produktives. Dann muss ich mich nicht schuldig fühlen, dass ich nichts Produktives mache.'"

Anna M.

Sie habe sich in einen Strudel runterziehen lassen, fast nichts mehr getan als im Bett zu liegen, zu schlafen und im Kopf ständig die Gedanken kreisen zu lassen.

Corona-Krise trifft Menschen mit psychischen Erkrankungen

Seit Ende Januar ist Anna M. wegen ihrer Depression in psychotherapeutischer Behandlung in der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee. Dort sind Psychologen wie Prof. Ulrich Voderholzer beunruhigt. Er stellt fest, dass die Corona-Krise sich besonders bei denen auswirkt, die psychisch vorbelastet sind.

"Sie haben meist schon weniger Kontakte zu anderen Menschen und sind oft zurückgezogen. Und wenn dann die Kontakte, die sie hatten, noch weggebrochen sind, haben sie besonders gelitten."

Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor Schön Klinik Roseneck, Prien am Chiemsee

Die Einsamkeit habe sich in der Corona-Pandemie verstärkt. Zudem habe es oftmals einen schlechteren Zugang zur Therapie gegeben, weil Patienten etwa ambulante Therapien nicht mehr wahrnehmen konnten und es so zu Therapieabbrüchen gekommen sei. 

Angst vor dem Coronavirus

Der 62-jährige Klaus, der seinen vollen Namen nicht nennen möchte, wird seit Anfang März in der Klinik Roseneck behandelt. Zum einen leidet auch er an einer Depression – außerdem an einer Angststörung. Klaus hat große Angst davor, sich mit dem Coronavirus zu infizieren – denn er ist wegen einer Herzerkrankung vorbelastet.

"Wenn ich rausgehe und es kommt mir jemand entgegen, ist es für mich immer eine Bedrohung. Und wenn der vielleicht keine Maske aufhat, dann ist es mehr schon ein Angriff."

Klaus

Wegen Corona schottete sich Klaus frustriert zu Hause ab, stürzte tiefer in die Depression. In die Klinik Roseneck traute er sich nur, weil er mit AstraZeneca geimpft wurde. Doch die Angst sei weiterhin da, erklärt Klaus

"Wissenschaftler sagen, selbst Geimpfte können sich infizieren. Sie werden geschützt vor einem schweren Verlauf. Jetzt durch meine Krankheit ist auch ein leichter Verlauf für mich sehr, sehr gefährlich und kann langfristig Auswirkungen haben."

Klaus

Telefonseelsorge mit großer Nachfrage

Die Corona-Pandemie kann selbst bei Menschen, die bislang psychisch stabil und gesund waren, eine Krise auslösen. Denn feste Strukturen und Rhythmen, Stabilität und Sicherheit – das alles ist bei vielen weggebrochen. Das zeigt sich auch bei Hilfsangeboten wie der Telefonseelsorge. 

Diese bietet anonyme Beratungen und Gespräche per Telefon, Mail und Chat an. Die Telefonseelsorge hat 2020 im Vergleich zum Vorjahr fünf Prozent mehr Anrufe verzeichnet. Bei den Chats lag das Plus bei satten 70 Prozent.

Die Hauptanliegen der Menschen: Depressive Stimmung, Ängste, Einsamkeit – und Corona hat all das verstärkt, wie Matthias Fischhold feststellt.

"Mein Bild war immer, das ist wie ein Katalysator. Jemand, der einsam ist, wird noch einsamer dadurch. Jemand, der depressiv ist, rutscht oft noch mehr in die Depression rein. Jemand, der psychotisch ist, wird psychotischer."

Matthias Fischhold, Dipl.-Theologe, Leiter der Telefonseelsorge in der Erzdiözese München und Freising

Alarmierend sei, dass das Thema "Suizid" bei jungen Menschen zunehmend eine größere Rolle spielt. Diese seien oft nicht so gefestigt im Leben, erklärt Fischhold. Gerade dann, wenn es darum gehe, "einen neuen Schritt zu machen, also von zu Hause auszuziehen, in die neue Stadt, in den Beruf, in ein Studium. Und das alles misslingt geradezu und so wichtige Lebensaufgaben, die eigentlich jetzt anstehen, sind nicht möglich."

Corona-Krise wirkt sich stark auf Kinder und Jugendliche aus

Der Lockdown trifft Kinder und Jugendliche besonders hart – denn sie sind mitten im Entwicklungsprozess, sagt Prof. Ulrich Voderholzer von der Schön Klinik Roseneck. Dort wird die Warteliste für Heranwachsende mit psychischen Erkrankungen immer länger.

"Bei den Jugendlichen haben wir sehr viele mit Essstörungen, aber auch sehr viele mit Depression. Die auch emotional instabil sind und Stimmungseinbrüche haben."

Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer, Chefarzt Psychosomatik und Psychotherapie, Schönklinik Roseneck, Prien am Chiemsee

Sie kämen nicht mit der Isolation zurecht und seien stärker verunsichert.

Krisenchat.de will jungen Menschen helfen

Doch Kinder und Jugendliche trauen sich seltener, über ihre Probleme zu reden und sich professionelle Hilfe zu suchen. Das gemeinnützige Portal "Krisenchat.de" will das ändern. Dort beraten Psychologen, Psychotherapeuten und Sozialpädagogen via Whatsapp-Chat – kostenlos, anonym und rund um die Uhr.

Krisenchat.de wurde im Mai 2020 von drei 18-Jährigen in Berlin gegründet. Als Reaktion auf die Corona-Krise, um jungen Menschen die niederschwellige Möglichkeit zu bieten, über ihre Probleme zu sprechen – sei es Schulstress oder Liebeskummer oder gar häusliche Gewalt. Das Angebot ist für unter 25-Jährige gedacht. Die Nachfrage ist enorm, berichtet Psychologin Filiz Horler, die für Krisenchat.de arbeitet.

"Wir merken zum Beispiel, dass oft Chatter und Chatterinnen sagen, sie trauen sich nicht, bei einer Beratungsstelle anzurufen, weil sie Telefonangst haben, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Und das Ganze fällt weg im Chat. Und das macht es einfacher, das Anliegen zu kommunizieren"

Filiz Horler, Psychologin (M.Sc.), Mitarbeiterin Krisenchat.de

Kinder und Jugendliche, die sich bei Krisenchat.de melden, reden über eine ganze Bandbreite an Themen. Auch Corona und der damit verbundene Lockdown spielen eine Rolle. In diesem Zuge hat der Krisenchat festgestellt, dass es seit Januar vermehrt zu extremeren Fällen gekommen sei:

"Kindeswohlgefährdung, selbstverletzendes Verhalten und Suizidgedanken, auch depressive Symptome. Und da merkt man auf jeden Fall, dass das jetzt präsenter ist als noch zu Beginn der Krise."

Filiz Horler, Psychologin (M.Sc.), Mitarbeiterin Krisenchat.de

Selbstfürsorge in Corona-Zeiten

Krisenchat ist auch auf Instagram und TikTok – eben jenen Social-Media-Plattformen, die junge Menschen intensiv nutzen. Hier will Krisenchat über die psychische Gesundheit aufklären und Tipps geben.

Psychologin Filiz Horler rät zur Selbstfürsorge und dazu, möglichst wieder feste Strukturen und einen geregelten Tagesablauf zu finden. Denn das gibt Sicherheit.

"Gerade in Zeiten von Corona sich Zeit zu nehmen, rauszugehen, was Schönes zu machen, sich versuchen auf das Positive zu fokussieren, auch wenn das sehr plump klingt. Aber oftmals ist das ein Kernelement, was die Kinder und Jugendlichen nicht betreiben."

Filiz Horler, Psychologin (M.Sc.), Mitarbeiterin Krisenchat.de


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