BR Fernsehen - Gesundheit!


6

Entwicklungsstörung bei Kindern ADHS – von ersten Symptomen bis zur richtigen Diagnose

Wenn Kinder zappelig sind und sich schlecht konzentrieren können, ist schnell von ADHS die Rede – häufig zu schnell. Drei Symptome liefern Eltern und Experten Hinweise auf eine Entwicklungsstörung. Für eine Diagnose müssen Mediziner dann aber ganz genau hinsehen und auch hinhören.

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 21.10.2019

Früher gab es in jeder Schulklasse mindestens einen unruhigen Geist namens Zappelphilipp. Heute gibt es für die Rastlosigkeit von Kindern und Jugendlichen eine Diagnose: ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.

ADHS – Entwicklungsstörung mit drei Kernsymptomen

ADHS ist keine Krankheit, sondern eine Entwicklungsstörung, die mit einer ganzen Reihe von Auffälligkeiten einhergeht. Dazu gehören drei Kernsymptome: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.

Diesen drei Kernsymptomen wird eine ganze Reihe von konkreten Auffälligkeiten zugeordnet. Bei der Unaufmerksamkeit sind dies unter anderem eine erhöhte Ablenkbarkeit und eine eingeschränkte Daueraufmerksamkeit. Die Hyperaktivität zeigt sich in übermäßiger Aktivität, beispielsweise durch Herumrennen und Zappeln. Unter die Impulsivität fallen etwa unüberlegtes Handeln und schlechte Kontrolle emotionaler Impulse.

Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung

Die Diagnosestellung basiert in Deutschland auf dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erlassenen Kriterienkatalog ICD-10, der in allen Ländern außer den USA angewandt wird. Demnach müssen mindestens 6 von 9 Symptomen der Unaufmerksamkeit, mindestens 3 von 5 Kriterien der Hyperaktivität und mindestens eines von 4 Symptomen der Impulsivität erfüllt sein, damit die Diagnose ADHS gerechtfertigt ist.

ADHS-Diagnosen werden Deutschland lokal sehr unterschiedlich getroffen. Kinder im ländlichen Raum werden häufiger mit ADHS in Verbindung gebracht als im städtischen Umfeld. Das hat auch damit zu tun, dass bei der Diagnose-Stellung eher subjektiv als objektiv bewertet wird.

Studie: Viele Fehldiagnosen, vor allem bei Jungen

Prof. Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum hat eine Studie durchgeführt, um diesem Problem auf den Grund zu gehen. In den jährlichen Krankenkassenberichten war immer wieder zu lesen, dass die Zahl der Fälle von ADHS-Diagnosen signifikant ansteige. Auch in der Literatur gab immer wieder Hinweise, dass ADHS zu häufig diagnostiziert wurde. Richtig wissenschaftlich überprüft wurde das aber bislang nie – das sollte sich durch Prof. Schneiders Studie nun ändern.

Das Wissenschaftlerteam bat Experten wie Kinder- und Jugendpsychiater sowie Kinder- und Jugendpsychologen darum, anhand konstruierter Fallgeschichten eine Diagnose-Entscheidung zu treffen. Die fiktiven Fälle waren so aufgebaut, dass sie die für eine Diagnose-Stellung notwendigen Kriterien der WHO enthielten. Dann wandelten die Wissenschaftler die beschriebenen Fälle ab und ließen einige Kriterien heraus. Bei den abgewandelten Fällen hätte bei korrekter Anwendung der zugrunde liegenden Kriterien keine ADHS-Diagnose gestellt werden dürfen. Trotzdem wurden in 16,7 Prozent der Fälle ADHS-Diagnosen gestellt. Im Umkehrschluss wurden 7 Prozent der Fälle nicht als ADHS diagnostiziert, obwohl die notwendigen Kriterien erfüllt waren und eine eindeutige Diagnose hätte gestellt werden müssen. Außerdem wurden bei Jungen häufiger Fehldiagnosen gestellt als bei Mädchen.

"Wir müssen vermuten, dass sich Experten mehr auf ihr Bauchgefühl verlassen, dass sie Hinweise auf ADHS vorschnell nutzen, um daraus zu schließen, dass es eine ADHS-Diagnose ist, anstatt sich anhand von Fakten alle Kriterien auflisten zu lassen, genau hinzuhören und genau diese abzuprüfen. Das führt dann dazu, dass die Diagnose ADHS häufiger gegeben wird, als es eigentlich der Fall ist."

Prof. Dr. Silvia Schneider, Klinische Kinder- und Jugendpsychologie, Direktorin Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit an der Ruhr-Universität Bochum

Vergleich mit gleichaltrigen Kindern wichtig

Prof. Schneider fordert, dass die Symptome und Verhaltensauffälligkeiten immer im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern beurteilt werden müssen. Wenn Kinder eingeschult werden, die gerade sechs Jahre alt geworden sind und mit Kindern zusammen lernen, die schon sieben Jahre alt sind, dann liegt zwischen diesen Kindern fast ein ganzes Jahr. Das kann in diesem jungen Lebensalter einen erheblichen Unterschied im Entwicklungsstand der Kinder ausmachen.

Schneider hat in ihren Erhebungen zudem herausgefunden, dass Lehrer, die bei der Beurteilung der Kinder als Grundlage einer Diagnosestellung einbezogen werden, jüngeren Kindern einer Klasse häufiger ADHS attestieren als älteren Kindern.

"Symptome wie Hibbeligkeit, motorische Unruhe oder dass sich Kinder leicht ablenken lassen und schusselig sind, treten in der normalen Entwicklung der Kinder auf. Das sind normale Phänomene bei Kindern, die entsprechend ihres Alters eingeordnet werden müssen. Das ist auch etwas, was vermutlich nicht genügend gemacht wird."

Prof. Silvia Schneider

Manchmal werden andere Probleme nicht erkannt

Auch Prof. Hanna Christiansen kennt das Phänomen der Fehldiagnose und fordert Experten dazu auf, genauer hinzuschauen – nicht zuletzt auch deshalb, weil andere Erkrankungen im Zuge von Fehldiagnosen nicht gesehen und nicht behandelt werden.

"Fehldiagnosen sind ein prinzipielles Problem. Wir haben in unserer Ambulanz schon Kinder gehabt, die seit frühestem Kindesalter medikamentös behandelt wurden, obwohl sie überhaupt kein ADHS hatten. Stattdessen litten sie unter einer Angststörung, die ganz anders therapiert werden muss."

Prof. Dr. Hanna Christiansen, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Psychologie

Verhalten in mehreren Lebensbereichen analysieren

Wichtig für eine korrekte Diagnostik ist auch, dass die Kinder in mindestens zwei Lebensbereichen Probleme haben, im familiären Bereich und in der Schule, und dass in beiden Bereichen ein entscheidender Leidensdruck besteht.

"Wenn die Kinder in der Schule gut zurecht kommen, aber zuhause renitent und vielleicht auch aggressiv sind, dann ist das keine ADHS. Dann haben wir Möglichkeiten, die häuslichen Probleme zu verbessern, etwa durch eine Verhaltenstherapie. Das heißt: Nicht jede ADHS-Symptomatik entspricht auch einer ADHS-Diagnose."

Prof. Hanna Christiansen

Auch Kinder selbst müssen gehört werden

Und noch ein Aspekt wird bei der Diagnostik häufig vernachlässigt: Kinder sollten in die Diagnosefindung einbezogen werden. Sie sollten ebenso zu ihrem Verhalten und auch zu ihrer Wahrnehmung problematischer Situationen befragt werden, betont Christiansen.

Therapie von ADHS: Ordnungsrahmen und Ruhepausen

Kinder mit ADHS sind leicht abzulenken sind und geraten schon bei kleinsten Geräuschen oder optischen Reizen aus dem Konzept. Deshalb empfiehlt Dr. Angelika Betz vom Josefinum in Nördlingen den Eltern, für die Kinder einen Ordnungsrahmen zu schaffen, in dem sich diese besser konzentrieren können und nicht zu vielen Reizen ausgesetzt sind. Kinder, die Reize nur schwer ausblenden können und auf alles und jeden in ihrem Umfeld reagieren, brauchen Ordnung. Das bedeutet auch, dass der Fernseher nicht permanent laufen darf – schon gar nicht während der Schulaufgaben. Lärm, ganz gleich in welcher Form, ist für Kinder mit ADHS Stress, der möglichst vermieden werden sollte.

Zum Ordnungsrahmen gehören auch feste Zeiten für das Lernen und für Erholung. Nach Phasen konzentrierter Arbeit brauchen die Kinder Pausen, in denen sie sich bewegen, sich austoben können. Es gibt ruhige Kinder und temperamentvollere Kinder, die einen ausgeprägteren Bewegungsdrang haben und ein gesteigertes Bedürfnis, sich mitzuteilen. Während einer Schulstunde müssen jedoch alle Kinder ruhig sitzen. Wer das nicht kann und den Unterricht stört, fällt auf und wird schneller diskreditiert. Bewegungspausen sind daher vor allem für diese Kinder ein wichtiger Ausgleich.

"Zunächst empfehlen wir den Eltern, ein reizarmes Lernumfeld für ihr Kind zu schaffen. Auch Ergotherapie und Psychotherapie können genutzt werden. Erst wenn wir merken, dass wir damit nicht hinkommen, empfehlen wir den Eltern noch Medikamente als eine weitere Möglichkeit, die dann dafür sorgen, dass sich die Kinder besser konzentrieren können, aufmerksamer sind, weniger impulsiv, weniger aggressiv reagieren und insgesamt besser durchs Leben kommen."

Dr. med. Angelika Voack-Betz, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Oberärztin am Josefinum Nördlingen

Vorübergehend Medikamente wie Ritalin

Auch Silvia Schneider hält den Einsatz von Medikamenten für vertretbar, wenn dies rein unterstützend und auch wirklich nur vorübergehend geschieht. Das Medikament wirke auf die Symptome, das Kind sei ruhiger und könne sich besser konzentrieren. Dadurch ergebe sich die Möglichkeit, dem Kind Schritt für Schritt neue Strategien für bestimmte Situationen beizubringen. Dann sei es auch möglich, nach und nach auf das Medikament zu verzichten.


6