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Warum sind Corona-Expertinnen in den Medien weniger präsent? | BR24

© picture alliance/Eventpress / Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf / Montage: BR

Biologin Prof. Melanie Brinkmann und Infektiologin Prof. Marylyn Addo

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    Warum sind Corona-Expertinnen in den Medien weniger präsent?

    Studien der MaLisa-Stiftung und eine Daten-Analyse des Spiegel belegen mit Zahlen, was wir täglich vor Augen geführt bekommen: In Zeitungen, Online-Medien und im TV kommen deutlich weniger Virologinnen als Virologen zu Wort. Was sind die Gründe?

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    In den MaLisa-Studien wurden getrennt TV-Formate von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 sowie die Onlineberichterstattung von Printmedien untersucht. Ergebnis: In den TV-Formaten war nur eine von fünf Expert*innen weiblich (22 Prozent). In der Online-Berichterstattung wurden Frauen nur zu rund 7 Prozent als Expertinnen erwähnt. Als Mediziner*innen kamen vor allem Männer zu Wort. Das ist erstaunlich, denn die Hälfte aller Ärzt*innen in Deutschland ist weiblich. Von den im TV befragten Ärzt*innen ohne Leitungsfunktion war nur eine von fünf weiblich. Insgesamt kamen sowohl im Fernsehen als auch in den Online-Berichten der Printmedien mit Corona-Bezug auf eine Frau zwei Männer.

    Die Ergebnisse der MaLisa-Studien decken sich mit einer Datenanalyse des Spiegel zur "Medienpräsenz von Virologen" vom 20. Mai 2020. Untersucht wurde, welcher Virologe in Deutschland am meisten zu Wort kommt, in Presseartikeln, auf Youtube und in Talkshows. Dabei zeigte sich, dass unter den meist erwähnten Virolog*innen in Presseartikeln (Print und online) seit 1.1.2020 nur zwei Virologinnen zu finden sind: Marylyn Addo und Melanie Brinkmann. Bei den Aufrufen der 100 meistgesehenen Videos (hochgeladen seit dem 1.1.2020) sind auf den ersten zwölf Plätzen drei Frauen zu finden: Susanne Herold, Marylyn Addo und Melanie Brinkmann.

    Wie viele Coronavirus-Expertinnen gibt es in Deutschland?

    Wie kann das sein? Gibt es weniger Virologinnen als Virologen in Deutschland? Laut MaLisa-Studien ist das nicht der Fall: 2018 waren 47 Prozent der Ärzte in Deutschland weiblich. Im Bereich der während der Corona-Krise besonders gefragten Berufssparten Virologie, Infektionsepidemiologie und Mikrobiologie ist der Frauenanteil ähnlich hoch und liegt bei 45 Prozent. Die MaLisa-Stiftung beruft sich dabei auf Zahlen vom Statistischen Bundesamt und der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE) 2018.

    "ProQuote Medien" erstellt #Coronaexpertin-Liste

    Um auf die Vielzahl von weiblichen Expertinnen hinzuweisen, die sich zum Pandemie-Geschehen äußern können, hat "ProQuote Medien" das Hashtag #Coronaexpertin ausgerufen und eine Liste mit weiblichen Virologinnen, Infektiologinnen, Epidemiologinnen und Intensivmedizinerinnen erstellt. Die Liste ist hier zu finden.

    Ungleiche Medienpräsenz - was Biologin Melanie Brinkmann dazu sagt

    Auf Nachfrage von BR Wissen hat als erste Professorin Melanie Brinkmann geantwortet. Sie hat den Eindruck, dass die ungleiche Medienpräsenz die Verteilung von männlichen und weiblichen Professoren und Wissenschaftlern widerspiegelt. "Man könnte mal in Erfahrung bringen, wie viele Professuren/Gruppenleiterpositionen in der Virologie mit Frauen besetzt sind. Das sind nicht allzu viele", sagt Brinkmann. Ein anderer Grund ist für die Virologin, "dass viele Frauen zurückhaltender sind als Männer, und sich oft weniger zutrauen und nicht im Rampenlicht stehen wollen. Frauen denken glaube ich oft: 'Es gibt doch bestimmt jemanden, der besser geeignet ist als ich.'" Bei ihr sei das am Anfang ähnlich gewesen, sagt Brinkmann.

    Die Virologin von der Technischen Universität Braunschweig weist darauf hin, dass in der heutigen Zeit eventuell auch eine Rolle spiele, dass viele Familien mit kleinen Kindern ein Zeitproblem haben durch die fehlende Kindergarten-/Schulbetreuung. "Ich hätte auch mehr Medienanfragen wahrgenommen, wenn ich keine Kinder hätte." Bei ihr seien die Anfragen nach jedem Interview/TV Auftritt gestiegen. "Das nahm nach kurzer Zeit so große Ausmaße an, dass ich bis heute viele Anfragen absagen muss, weil es zeitlich nicht mehr leistbar ist," so Melanie Brinkmann. Die Aktion #Coronaexpertin mit Expertinnen-Liste findet Brinkmann "sehr gut, weil man den Medien ja auch etwas unter die Arme greifen müsse - es sei gar nicht so einfach, Experten, egal welchen Geschlechts, zu finden. "Die melden sich ja oft nicht von alleine und schreien laut 'hier'."

    Ungleiche Medienpräsenz - was Infektiologin Marylyn Addo dazu sagt

    Professorin Marylyn Addo ist Infektiologin und Medizinerin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Die Ergebnisse der MaLisa-Studien überraschen sie nicht. Sie schätzt, dass der Anteil von Professorinnen an vielen medizinischen Fakultäten bei rund 20-29 Prozent liegt. Die Studien reflektieren die Realität von Frauen in Leitungspositionen in Deutschland, sagt Addo - und meint damit nicht nur die Lage von Virologinnen und Ärztinnen. "Das war vor Corona nicht anders, hat die Situation aber noch einmal vor Augen geführt." Die Frage, wie man mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern erreichen kann, sei eine Facette einer großen Herausforderung an die Gesellschaft. Die Heimarbeit habe sich nicht gleich verteilt. "Es waren mehr Frauen in Leitungspositionen weg." Addo stellt bedauernd fest, dass viele Frauen in Leitungspositionen keine Familie haben. "Es braucht Leute, die das vorgelebt haben," sagt die Mutter zweier Teenies.

    Um Familie, die Arbeit als Forscherin und als praktische Ärztin unter einen Hut zu bringen, muss Addo 90 Prozent der Presse-Anfragen absagen und den "Tag kreativ gestalten". Das kann auch heißen, die Familie versorgen und ab 22.00 Uhr weiterarbeiten. Für Addo gibt es mehrere Gründe, warum weniger Pandemie-Expertinnen in den Medien präsent sind als Männer: "Es sind weniger Frauen in Leitungspositionen da, sie müssen anders priorisieren und ihr Standort ist wichtig." Expertinnen in Großstädten sind für Journalisten und Journalistinnen besser erreichbar, als Fachleute in der Region. Aus diesem Grund findet Addo die #Coronaexpertin-Liste auch "eine gute Initiative". Dort ist nicht nur ein Großteil der Expertinnen zu finden, die bereits angefragt werden, sondern auch sehr gute lokale Expertinnen. Persönlich ist Marylyn Addo froh, dass sie die Medienpräsenz nicht unvorbereitet getroffen hat. Sie hat Ähnliches schon 2014 aufgrund ihrer Ebola-Forschung erlebt und ein Medientraining gemacht. Allerdings hat sie als schwarze Frau durch die mediale Aufmerksamkeit auch schon Fremdenfeindlichkeit zu spüren bekommen.

    Die ungleiche Medienpräsenz im TV und Online in Zahlen

    © BR

    MaLisa-Studie: Wo werden Frauen im TV-Bereich eingesetzt?

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    MaLisa-Studie: Zu welchen Themen werden Expertinnen im TV befragt?

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    MaLisa-Studie: Wie oft werden Frauen und Männer online erwähnt?