Ampulle mit Moderna-Impfstoff, Spritze, Hände in Gummihandschuhen

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Vierte Corona-Impfung: Warten auf die neuen Impfstoffe?

Vierte Corona-Impfung: Warten auf die neuen Impfstoffe?

Menschen über 70 und Vorerkrankte sollen sich vier Mal gegen das Coronavirus impfen lassen, rät die Stiko. Warum das nicht für Jüngere und Gesunde gilt, was trotzdem für eine Impfung spricht und ob es sich lohnt, auf neue Impfstoffe zu warten.

Eine Frage, viele Antworten: Wer soll eine vierte Impfung gegen das Coronavirus bekommen? Die europäische Arzneimittelagentur EMA und die EU-Gesundheitsbehörde ECDC empfehlen die vierte Impfung für alle ab 60 Jahren. Die Ständige Impfkommission (Stiko) rät nur über 70-Jährigen und Vorerkrankten zu einer vierten Dosis. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat dagegen angeregt, dass auch Unter-60-Jährige sich ein viertes Mal impfen lassen sollten.

Vierte Corona-Impfung für jeden?

Allerdings nicht alle. Die vierte Impfung könne lediglich in bestimmten Fällen sinnvoll sein, insbesondere wenn jemand "ganz viele Kontakte" hätte, sagte Lauterbach am 29. Juli 2022 im "Social Live"-Video der Tagesschau. Als Beispiele nannte Lauterbach Menschen, die in einer Bar oder in einer Werkhalle arbeiten. Diese sollten mit ihrem Hausarzt über einen möglichen zweiten Booster sprechen.

Ärzte sind jedoch nicht verpflichtet, jemanden ohne Stiko-Empfehlung gegen Covid-19 zu impfen. Sie tragen aber auch kein Haftungsrisiko, wenn sie dies tun. Die vierte Impfdosis ist übrigens wie auch die ersten drei Spritzen kostenlos: Die Corona-Impfungen finanziert weiterhin der Bund.

An Omikron angepasste Impfstoffe voraussichtlich im Oktober

Falls keine Unverträglichkeiten dagegensprechen, kommen bei der vierten Impfung die mRNA-Impfstoffe von Biontech oder Moderna zum Einsatz. Welcher von beiden, spielt keine Rolle: Wer ein oder mehrmals den mRNA-Impfstoff von Biontech bekommen hat, kann beim vierten Mal denjenigen von Moderna erhalten und umgekehrt.

Biontech bereitet sich auf die Markteinführung von gleich zwei angepassten Omikron-Impfstoffen vor. Die Auslieferung der Vakzine könnte, vorbehaltlich der behördlichen Genehmigungen, bereits ab Oktober 2022 beginnen, teilte das Pharmaunternehmen am 8. August mit. Für einen der beiden Booster ist der Zulassungsantrag bei der EMA abgeschlossen. Dieser Impfstoff richtet sich allerdings gegen die Untervariante BA.1, die Anfang des Jahres in Deutschland vorherrschte. Inzwischen dominiert die Untervariante BA.5. Im Labor zeigten die angepassten Impfstoffe beider Hersteller aber auch gegen BA.5 eine stärkere Wirkung als die derzeit verwendeten Vakzine.

In den USA konzentrieren sich die Unternehmen Biontech und Pfizer nach den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde FDA auf einen Booster, der sich neben dem Wildtyp des Virus gegen die vorherrschenden Varianten BA.4/5 richtet und mit dem eine klinische Studie im August beginnen soll. Auch von ihm könnten erste Dosen bereits ab Oktober ausgeliefert werden, eine Zulassung ist auch in der EU geplant.

In der zweiten Jahreshälfte soll es auch Kombinationen aus den bisherigen und neuen Impfwirkstoffen geben. Moderna arbeitet ebenfalls bereits an einem Impfstoff, der an die Untervarianten BA.4 und BA.5 angepasst ist. Einen Zeitplan für dessen Zulassung gibt es aber noch nicht.

Mit vierter Impfung auf die neuen Impfstoffe warten?

Ob es sich lohnt, für die vierte Impfdosis auf die angepassten Impfstoffe zu warten, lässt sich nicht pauschal beantworten. Wer wegen seines Alters und Immunsystems ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 hat, sollte sich lieber möglichst bald einen zweiten Booster geben lassen, falls die dritte Impfung schon längere Zeit her ist.

Auch die bisherigen Impfstoffe schützen einige Zeit vor Ansteckung, aber insbesondere vor einer Einweisung ins Krankenhaus oder Schlimmerem wegen Corona.

Drei Corona-Impfungen brauchen alle

Alle in Deutschland eingesetzten Corona-Impfstoffe wurden vor ihrer Zulassung darauf geprüft, ob und wie gut sie nach zwei Impfdosen oder nur einer Dosis (Impfstoff von Johnson & Johnson) vor einem schweren Verlauf von Covid-19 schützen. Das tun sie alle sehr gut. Allerdings haben inzwischen Studien gezeigt: Nach einigen Monaten ist eine dritte Spitze notwendig, um einen anhaltenden Schutz zu gewährleisten.

"Die bisherige dritte Impfung sollte als ganz normale letzte Impfung eines Grundschemas angesehen werden", sagt Andreas Thiel, Leiter der Arbeitsgruppe Regenerative Immunologie und Altern an der Charité Berlin. Eine weitere Impfung darüber hinaus bringt bei immungesunden Menschen kaum etwas. "Die Bilanz der bisher durchgeführten vierten Impfung ist ernüchternd. Sie deutet darauf hin, dass drei Impfungen reichen, um ein stabiles immunologisches Gedächtnis gegen SARS-CoV-2 und seine Varianten aufzubauen. Es schützt uns langfristig gegen schwere Erkrankung und Tod, aber leider nicht vor Ansteckung", sagt Andreas Radbruch, Leiter des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin (DRFZ). Zwar gebe es kurz nach der vierten Impfung einen gewissen Schutz vor Ansteckung, der sei aber "bescheiden" und nur von kurzer Dauer.

Booster sinnvoll bei schwachem Immunschutz

Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen oder anderen Risikofaktoren profitieren hingegen deutlich von der vierten Impfdosis. Ihr Immungedächtnis hat auch nach drei Impfungen oft keine effektive Antwort auf das Coronavirus parat. Eine Auffrischungsimpfung erinnert es wieder an den Krankheitserreger. Die Zahl der Antikörper gegen SARS-CoV-2 im Blut steigt an, ebenso auf den Schleimhäuten der Atemwege, wo das Virus in den menschlichen Körper eindringt.

Eine Booster-Impfung verbessert darüber hinaus auch die Qualität des Immungedächtnisses, sagt Onur Boyman, Direktor der Klinik für Immunologie am Universitätsspital Zürich: "Das bedeutet zum Beispiel, dass bei einer Auffrischimpfung auch neue Antikörper gebildet werden, die stärker an das Spike-Protein von SARS-CoV-2 binden oder neue Stellen des Spike-Proteins erkennen können, was auch einen besseren Schutz gegen neue SARS-CoV-2-Varianten mit sich bringt." In manchen Bereichen mutiert das Spike-Protein nämlich kaum oder gar nicht. Antikörper, die diese Stellen erkennen, können voraussichtlich auch kommende Virusvarianten abwehren.

Fünfte Impfung soll vor Infektion schützen

Auch eine fünfte Impfdosis gegen das Coronavirus wird inzwischen diskutiert. Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, hält diese für ältere Menschen im Herbst unter Umständen für angebracht: "Sollte es ab Oktober einen Impfstoff geben, der vor der Infektion mit den Varianten BA.4 oder BA.5 schützt, wäre eine fünfte Impfung sinnvoll."

Deren wesentlicher Zweck wäre also zu verhindern, dass sich Ältere mit den gerade kursierenden Varianten überhaupt anstecken. Die fünfte Impfdosis würde aber auch den Schutz vor einem schweren Covid-19-Verlauf auffrischen, vorausgesetzt, das Immunsystem ist dauerhaft geschwächt und die vierte Dosis schon einige Zeit her.

Keine Hinweise auf "überimpfen"

Belege, dass zu viele Corona-Impfungen den Immunschutz verschlechtern könnten, gibt es derzeit nicht. Wenn das Immunsystem noch ausreichend Schutz bietet, passiert bei einer Impfung nicht viel: "Noch vorhandene Antikörper fangen den Impfstoff dann unter Umständen so effizient weg, dass nur eine geringe erneute Aktivierung des immunologischen Gedächtnisses stattfindet", sagt Andreas Thiel. "Die Immunität gegen einen Erreger oder eine Impfung ist im Allgemeinen 'gedeckelt'. Das heißt, dass das Immunsystem sein immunologisches Gedächtnis gegen einen Erreger nicht ins Unendliche steigern kann."

Selbst bei jenen Menschen, die sich zahlreiche Male gegen Covid-19 impfen ließen, seien keine starken Nebenwirkungen bekannt. Auch bei Mitarbeitern von Hochsicherheitslaboren, die jährlich gegen Pocken geimpft wurden, gab es bei wiederholten Booster-Impfungen keine negativen Effekte. Gleiches gelte für die jährlichen Impfungen gegen Influenza.

Allerdings kann jede Impfung unangenehme Impfreaktionen hervorrufen. Darüber hinaus ist auch nicht auszuschließen, dass das Immunsystem bei einzelnen Geimpften gegen andere Bestandteile des Impfstoffs als das Spike-Protein reagiert, sagt Andreas Radbruch. Dadurch könnten Unverträglichkeiten bei ähnlich aufgebauten Impfstoffen entstehen. "Beim Impfen gilt nicht 'viel hilft viel'", betont Radbruch.

Genug Zeit zwischen Corona-Impfungen lassen

Die Wirkung der Impfung hängt aber nicht nur von der Zahl der Dosen ab, sondern auch davon, in welchem zeitlichen Abstand sie gegeben werden. Inzwischen hat sich gezeigt: Längere Abstände zwischen den Spritzen sorgen für einen stärkeren und längeren Schutz .

Das gilt besonders für den Abstand zwischen zweiter und dritter Dosis, sagt Christian Bogdan, Direktor des Mikrobiologischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen. Im Idealfall sollten dies nicht weniger als sechs Monate sein. Das gelte auch für den Abstand zwischen dritter und vierter Dosis, also dem empfohlenen Booster für Risikogruppen. Nur dann sei gewährleistet, dass die Impfung tatsächlich eine effektive Antwort des Immunsystems auslöst.

Fazit: Wer braucht eine vierte Corona-Impfung?

Menschen mit einem intakten Immunsystem bauen mit drei Impfdosen einen sehr guten Schutz gegen schwere Krankheitsverläufe von Covid-19 auf. Das gilt auch bei einer Infektion mit der Variante Omikron und ihren Untervarianten. Eine vierte Dosis macht ihren Immunschutz weder besser noch schlechter. Ältere und Menschen mit geschwächtem Immunsystem profitierten hingegen von einer vierten Impfung, da ihr Immunschutz wieder aktiviert wird.

Wie sinnvoll ist mehrfaches Boostern? Einen wissenschaftlichen Konsens zu dieser Frage gibt es bisher nicht.

Bildrechte: BR

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