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Tourismus: Die Deutschen bevorzugen Pauschalreisen | BR24

© Bayerischer Rundfunk / radioWissen

Eigentlich wollte der englische Baptisten-Geistliche Thomas Cook aus Leicester nur eine Versammlung in einem nahegelegen Städtchen organisieren. Dabei "erfand" er die Pauschalreise. Autor: Herbert Becker

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Tourismus: Die Deutschen bevorzugen Pauschalreisen

Reisen ohne Unterkünfte vorab zu buchen, wird immer seltener. Dabei sind es nicht unbedingt die älteren Menschen, die störende Überraschungen vermeiden wollen. Es sind vor allem junge Erwachsene, die gerne organisiert verreisen.

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Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen: Frei nach dem Motto von Matthias Claudius verreisen Deutsche immer wieder oft und gerne. Neben mehrtägigen Städtereisen, Wanderurlauben, Radreisen oder Kreuzfahrten ist vor allem der Strand- und Badeurlaub die beliebteste Art des Urlaubs. Die Statistik sagt: Knapp 55 Millionen Urlaubsreisende in Deutschland unternehmen rund 70 Millionen Urlaubsreisen jährlich. Im Schnitt sind sie 13 Tage unterwegs, bevorzugt im Fernen Osten, in Nordafrika oder Spanien. Aber auch Reiseziele innerhalb Deutschlands, nach Mecklenburg-Vorpommern an die Ostsee im Sommer oder zum Skifahren im Winter nach Bayern, stehen hoch im Kurs. Doch bei der Wahl ist den deutschen Urlaubern eines immer wichtig: die Sicherheit.

Junge Menschen reisen gerne organisiert

Hier spielt die vorgebuchte Pauschalreise eine wichtige Rolle. Dazu zählen die All-inclusive-Reisen an den Ballermann oder nach Bibione, aber auch Ferientrips, bei denen Urlauber Teilleistungen vorab – meist online – buchen können, seien es die Eintrittskarten zu bestimmten Sehenswürdigkeiten oder auch Unterkünften. Die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (FUR) in Kiel nennt solche Reisen ab fünf Tagen Pauschal- und Bausteinreisen. Diese machten im vergangenen Jahr gut 43 Prozent aus. Und das Überraschende daran: Selbst bei jungen Erwachsenen zwischen 14 und 29 Jahren liegen organisierte Urlaube mit gut 44 Prozent im Trend. Sie buchen sogenannte Veranstalterreisen sogar häufiger als 30 bis 49-Jährige mit knapp 40 Prozent.

Pauschalreisen inzwischen stark individualisiert

Noch vor einiger Zeit waren die Pauschalreisen eher verpönt. Doch statt mit Interrail und Rucksack sind junge Erwachsene heutzutage gerne organisiert unterwegs. "Das Image der Pauschalreise hat sich gewandelt. Sie ist inzwischen stark individualisiert. Urlauber können sich einzelne Bausteine zusammenstellen", begründet Tourismusexperte Martin Lohmann die anhaltende Nachfrage nach einem eigentlich veralteten Produkt. Lohmann ist Geschäftsführer des Kieler Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT).

Sicherheit bei Reisen hat hohe Priorität

Gemessen an den Gesamtausgaben im Reisemarkt kam die Pauschalreise im vergangenen Jahr laut Deutschem ReiseVerband e. V. (DRV) in Berlin auf 53 Prozent. "Es verstärkt sich der Trend, dass deutsche Urlauber auf die Sicherheit der organisierten Reise setzen. 2018 war ein absolutes Pauschalreisejahr", beschreibt DRV-Präsident Norbert Fiebig die Entwicklung.

Gewinnmargen bei Veranstalterreisen eher niedrig

Über die Gründe kann man nur spekulieren. Vielleicht sind sie nicht zuletzt dem gnadenlosen Preiskampf der großen Reiseveranstalter geschuldet. Die Tourismuskonzerne TUI und Thomas Cook verdienen mit Pauschalreisen nicht mehr das ganz große Geld, die Umsatzrenditen von Veranstalterreisen liegen nach Einschätzung von Torsten Kirstges, Professor an der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven, bei einem bis drei Prozent. "Es lässt sich aber durchaus solide Geld verdienen", sagt der Experte.

Strategiewechsel hin zu eigenen Hotels und Kreuzfahrtschiffen

Deshalb wechseln die Konzerne ihre Strategie und setzen verstärkt auf eigene Hotels und Kreuzfahrtschiffe sowie Ausflüge und andere Dienstleistungen für Kunden am Urlaubsort. Das ist profitabler, doch die Investitionen in eigene Hotels, Flugzeuge und Schiffe sind höher und diese müssen auch ausgelastet sein, um rentabel zu sein. Höhere Preise können nur Anbieter von Spezialreisen wie Trekking-Touren oder Studienreisen verlangen, die auf kleine Gruppen setzen.

Neuer Trend: nachhaltiges Reisen

Ein neuer Reisetrend könnte übrigens nachhaltiges Reisen werden: Das Online-Portal Statista aus Hamburg schreibt, dass fast 54 Prozent der Deutschen ihre Reise gerne nachhaltig gestalten möchten. Auch dieser Wunsch ließe sich durch einen Strategiewechsel bei Anbietern von Urlaubsreisen erfüllen. Reisen mit dem Flugzeug oder dem Kreuzfahrtschiff verbieten sich dann zwar, aber eine Tour mit dem Rad an die Ostsee ließe sich bestimmt pauschal organisieren. Die Tourismusexperten Kirstges und Lohmann sind sich jedenfalls einig: Die Pauschalreise ist kein Auslaufmodell. "Es wird sie auch noch in 20 Jahren geben", so Kirstges.

© Bayerischer Rundfunk / Abendschau

Immer mehr Menschen stellen ihre Reise individuell im Internet zusammen. Darum wird ab dem 1. Juli auch das Pauschalreiserecht angepasst. Reisende dürfen sich über mehr Transparenz freuen, müssen aber größere Preisänderungen hinnehmen.