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Karl Baedeker Der Revolutionär der Reiseführer

"Könige und Regierungen mögen irren, aber niemals Mr. Baedeker", heißt es in der englischen Version von Jacques Offenbachs Operette "Pariser Leben". Noch heute ist "Baedeker" das Synonym für das Reisehandbuch. 1835 erschien der erste Baedeker.

Stand: 22.05.2017

Karl Baedeker | Bild: picture-alliance/dpa

Im Jahre 1820 gerät ein junger Mann in die Hände der Polizei. Er ist 18 Jahre alt - und neugierig. Verdächtig neugierig.

"Hierorts wurde heute ein verdächtiges Individuum wegen Landstreicherei aufgegriffen. Besagtes Individuum gibt an, Baedeker, Karl, zu heißen, aus Essen zu stammen und zur Zeit in Berlin die Buchdruckerlehre zu absolvieren. Genächtigt hat der angebliche Baedeker in einer Scheune des hiesigen Bauern Mitzkeit, was beweist, dass er nicht dem Stande angehört, den er angibt. Nach einem Versuch, in das Schulhaus einzudringen, wurde er auf Anzeige des Schullehrers Mehlmann arretiert. Dieser gibt zu Protokoll, dass das Individuum versucht habe, ihn zu Mitteilungen über Bewohner, Anzahl der Pferde, Verkehr der Postkutschen sowie über Viehbestand und alte Gebäude der Gegend auszufragen. (...) Bei sich trug er zwei Schreibbücher mit verdächtigen Eintragungen sowie Zeichnungen."

Protokoll der Gendarmerie im preußischen Pilchow vom 15. Juni 1820

Fast könnte man meinen, diese Geschichte sei erfunden, so genau passt sie zum Bild des hartnäckig recherchierenden, detailversessenen und peniblen Reiseschriftstellers Karl Baedeker, der 1835 eine Weltmarke schuf, die heute noch Bestand hat. "Baedeker ist der Inbegriff des Reisens", lautete einst ein Werbespruch des Unternehmens. Auch heute noch könnte er zum Einsatz kommen. Baedeker ist zum Synonym geworden, so wie "Uhu" für Klebstoff und "Tempo" für Taschentücher.

Rheinreise mit dem ersten Baedeker

Die "Rheinlande" von Baedeker begleiteten Reisende "von der Schweizer bis zur holländischen Grenze".

Die Baedekers sind seit Generationen Buchdrucker und Verleger. Karl, 1801 in Essen geboren, setzt die Tradition fort, absolviert eine Buchhändler-Lehre und studiert Geisteswissenschaften. Mit 26 Jahren gründet er in Koblenz seine eigene Verlagsbuchhandlung. Fünf Jahre später erwirbt er den Verlag von Friedrich Röhling, zu dessen Programm auch das Handbuch "Rheinreise von Mainz bis Köln" von Professor Johann August Klein gehört. Baedeker überarbeitet die "Rheinreise" und bringt sie 1835 neu heraus. Damit ist der erste Baedeker auf dem Markt.

Die Touristen kommen

Innentitel von "Baedeker's Rheinlande von der Schweizer bis zur holländischen Grenze"

Das Reisen zu Karl Baedekers Zeiten ist privilegierten Schichten vorbehalten. Das gehobene Bürgertum ist zu Bildungszwecken oder einfach nur zum Vergnügen unterwegs, und das mit zunehmend bequemeren Transportmitteln. Zwar holpern nach wie vor Postkutschen über Stock und Stein, sie werden aber immer mehr durch die modernen Verkehrsmittel Dampfschiff und Eisenbahn verdrängt. Bereits seit 1827 existiert ein regelmäßiger Schiffsverkehr zwischen Köln und Mainz. Im ersten Jahr fahren 18.000 Passagiere über den Rhein, zehn Jahre später sind es bereits über eine Million. Auch ausländische Touristen kommen, vor allem Engländer. Im Zentrum des aufkeimenden Tourismus liegt Koblenz. Ideale Voraussetzungen für einen jungen Verleger, der sich Gedanken über den perfekten Reiseführer macht, getreu der Devise: "Des Reisenden praktisches Bedürfnis ist des Herausgebers erster Zweck".

Klare Gliederung

Reiseführer für die Schweiz von Karl Baedeker aus dem Jahre 1863

Karl Baedeker hat sein "Handbüchlein für Reisende" klar gegliedert: in "praktische Hinweise", "allgemeine Übersicht" und "detaillierte Beschreibung der Merkwürdigkeiten", also der touristischen Highlights. Zusätzlich ist es mit Stadtplänen versehen, leicht in die Tasche zu stecken, nur elf Zentimeter breit und 16 Zentimeter lang. Noch hat es einen gelben Biedermeier-Einband, bald wird es im typisch roten Baedeker-Gewand mit Goldprägung erscheinen.

Baedeker ist sechs Monate im Jahr unterwegs

Das Rheintal gehörte mit seinen Burgen zu den ersten Tourismuszielen in Deutschland.

Der Baedeker ermöglicht Reisen auf eigene Faust und er vermittelt dazu Informationen aus erster Hand. Dafür ist der Autor sechs Monate im Jahr unterwegs, das Notizbuch immer griffbereit. Karl Baedeker recherchiert gründlich und ist unbestechlich: Er nimmt keine Geschenke an, lässt sich nicht frei halten. Bei seinen Erkundungen naher, ferner und fremder Welten ist der schreibende Verleger am liebsten zu Fuß unterwegs. Im Sommer wandert er. Im Winter verarbeitet er seine Notizen. In der fünften Auflage der Rheinreise von 1848 schwärmt Karl Baedeker:

"Wahren Genuß von einer Reise durch die gesamte Pfalz hat nur der Fußwanderer. Er braucht nicht zu befürchten, hier jenem anmaßenden, übersättigten Reisepöbel bei jedem Schritte zu begegnen, der in dem engeren Rheintal vermöge des leichten Dampf-Verkehrs das Land heuschreckenartig überfluthet"

. Fünfte Auflage der Rheinreise von Karl Baedeker aus dem Jahr 1848

"Reisepöbel" - ein drastisches Wort für die anscheinend schon damals in größeren Gruppen auftretenden Vergnügungstouristen, die an Kultur weniger interessiert sind.

Freundlich, ehrlich und erfolgreich

Die Reiseführer von Baedeker gibt es bis heute.

Karl Baedeker ist ein angesehener Bürger, ein Patriot, der sich politisch eher zurückhält, auch in den Zeiten des Vormärz 1848. Zwanzig Jahre lang, von 1839 bis zu seinem Tod 1859 gehört Karl Baedeker dem Stadtrat von Koblenz an. Zeitgenossen schildern ihn als gebildeten, freundlichen, ehrlichen und erfolgreichen Geschäftsmann. Es gibt allerdings nur noch wenige Zeugnisse über diesen unermüdlich Reisenden. Viele Unterlagen wurden während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Gehalten haben sich indes viele Legenden und Anekdoten über Karl Baedeker, die seinen Ruf, sein Image nachhaltig festigen.

"Dem Trauerzug des hoch angesehenen Koblenzer Bürgers schloss sich unversehens ein des Weges daherkommender Fremder an. Er trug, als Vertreter aller Baedeker-Freunde, das vertraute rote Büchlein in der Hand, das zum unzertrennlichen Begleiter von Tausenden von Reisenden geworden war."

Vossische Zeitung im Oktober 1859 anlässlich Baedekers Begräbnis

  • Karl Baedeker: Welche Lust gewährt das Reisen? radioWissen, 1. Juni 2017, 9.05 Uhr, Bayern 2

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