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Bildrechte: picture alliance / SVEN SIMON | Frank Hoermann

Auf der Mobilitätsmesse IAA präsentierte BMW diese Woche den i Vision Circular, ein Fahrzeug, das fast komplett aus recycelten Stoffen besteht.

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    Schicker Schlitten aus Schrott: Funktioniert Auto-Recycling?

    In neuen Autos stecken jede Menge Rohstoffe. Die Verwendung von recycelten Materialien wurde allerdings in der Autoindustrie bislang recht klein geschrieben. Das ändert sich, wie sich aktuell auf der IAA Mobility in München zeigt.

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    Von
    • David Globig
    • Ortrun Huber

    Wer bislang in der Automobilindustrie von "Wiederverwertung" sprach, bezog sich unter Umständen auf Sitzbezüge aus aufbereiteten PET-Flaschen. Viel mehr war in Sachen Recycling bis vor Kurzem nicht von den großen Autobauern zu erwarten. Doch Fahrzeughersteller, die das Thema Nachhaltigkeit heutzutage vernachlässigen, fallen bei der Kundschaft durch. Nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Capgemini ist für 69 Prozent der Befragten Nachhaltigkeit ein wichtiger Aspekt, ein Fahrzeug zu kaufen – oder eben nicht. Befragt wurden 1.500 aktuelle oder ehemalige Besitzer von Autos der Marken Audi, BMW, Mercedes, Tesla oder VW. Die Teilnehmer stammten aus Deutschland, Großbritannien und den USA. Ein gutes Drittel (34 Prozent) der Teilnehmenden würde dafür sogar von der Automarke ihres Vertrauens zu einer anderen Marke wechseln - wenn diese nachhaltiger ist.

    Designstudio aus Recyclingmaterial

    Als "Verpflichtung" bezeichnete denn auch der BWM-Vorstandsvorsitzende Oliver Zipse die Designstudie i Vision Circular. Der Viertürer besteht zu fast 100 Prozent aus Sekundärmaterialien und nachwachsenden Rohstoffen. Außerdem lässt er sich zu 100 Prozent recyceln. Die Karosserie des Viertürers ist aus wiederverwendetem Aluminium - eine der einfacheren "Übungen", erklärt Roberto Rossetti. Er ist bei BMW in der Entwicklung für den Lebenszyklus der Fahrzeuge verantwortlich. Man erreiche zum Beispiel bei Aluminiumlegierungen bereits einen sehr hohen Anteil an Sekundärrohstoff, also Aluminium, das aus entsorgtem Material wiedergewonnen werde.

    Metallbearbeitung statt Farbe

    Damit das auch in weiteren Recycling-Durchläufen so bleibt, ist das Aluminium-Blech des derzeit auf der IAA Mobility präsentierten i Vision Circular nicht lackiert, sondern nur in einem zarten Bronzeton eloxiert. Am Heck sorgt wärmebehandelter Stahl für einen leichten Blauschimmer. Um das Recycling noch weiter zu erleichtern, ist sogar das Hersteller-Logo nicht aufgesetzt, sondern ins Metall gelasert.

    Sekundärrohstoffe habe Vorfahrt

    Die Designstudie aus München gibt die Richtung vor, in die sich das Unternehmen in den kommenden Jahren bewegen will. Ein entscheidendes Schlagwort ist dabei: Secondary first Da, wo es möglich ist, solle die Sekundärrohstoff-Quote in den Bauteilen maximiert werden, sagt Roberto Rossetti. Das heißt wiederverwertete Kunststoffe sollen zuerst eingesetzt werden. Zudem sei das Ziel bei BWM die Fahrzeuge so zu konzipieren, zu entwickeln und dann zu produzieren, dass sie sowohl einfach als auch wirtschaftlich recycelfähig sind.

    Demontage mitdenken

    Zu diesem Zweck will man auf Materialmischungen verzichten und komplexere Komponenten so aus einzelnen Bauteilen zusammensetzen, dass sie sich problemlos wieder zerlegen lassen. Beim i Vision Circular konnten die Ingenieurinnen und Ingenieure einiges in diese Richtung ausprobieren, etwa neue Verbindungstechnologien bei der Innenkonstruktion der Sitze. Diese ermöglichen es, die Bauteile des Autos, wenn es seinen Dienst getan hat und recycelt werden soll, leichter wieder zu demontieren.

    Auto-Studie aus Abfällen

    Möglichst viel recyceltes Material einzusetzen, um ein Auto zu bauen, diese Idee hatten allerdings vor BMW auch schon andere. Seit dem vergangenen Herbst fährt ein schnittiger, gelber Zweisitzer über das Gelände der Technischen Universität Eindhoven. "Luca" heißt das kleine Auto - entworfen und gebaut von Studierenden der TU. Es besteht zu 70 Prozent aus recycelten Abfällen. "Das wichtigste Teil, das Fahrgestell, ist aus einem Sandwich-Material, das wir gemeinsam mit mehreren Firmen entwickelt haben", erklärt Studentin Louise de Laat vom Luca-Team. Die Sandwich-Paneele seien aus drei Schichten aufgebaut. Die beiden äußeren bestehen aus Flachs-Fasern und aus recyceltem Plastikmüll aus dem Ozean. Und die mittlere Schicht ist eine Wabenstruktur aus wiederverwerteten PET-Flaschen.

    Für die Karosserie haben die Studierenden ebenfalls recycelten Kunststoff verwendet. Statt mit Lack ist das Ganze mit einer gelben Folie überzogen, die sich rückstandslos entfernen lässt, wenn man diesen Kunststoff erneut verwenden möchte.

    Zum Serienauto ein weiter Weg

    Luca fährt - aber alles andere als komfortabel. Bis zum straßentauglichen Serienauto dürfte es noch ein ziemlich weiter Weg sein. Doch den Studierenden ging es auch eher um ein Statement, als sie das Auto vor knapp einem Jahr vorstellten. Sie wollen der Automobilindustrie zeigen, dass es möglich ist, ein Fahrzeug sehr effizient aus Abfällen zu produzieren.

    Keine Daten zum Auto-Recycling

    Wenn man die BMW-Designstudie mal beiseite lässt, dann scheinen sich viele Autohersteller mit dem Prinzip Kreislaufwirtschaft derzeit immer noch etwas schwer zu tun. Wie weit die Hersteller tatsächlich sind und wie viel Recycling-Material sie einsetzen, das erfährt man nicht so ohne weiteres, bemängelt Philipp Sommer, Experte für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. Denn es gebe dazu keine echte Statistik, weil die Hersteller diese Daten nicht offenlegen müssten. "Nur dann, wenn bei einzelnen Showprodukten besonders viel Recycling-Kunststoff oder andere Recyclingmaterialien enthalten sind, legen die Hersteller solche Zahlen offen. Aber in der Regel nicht für ihre Gesamtflotte. Und deswegen sind solche Zahlen auch nicht verfügbar."

    BMW zumindest gibt an, dass die Fahrzeuge aktuell im Durchschnitt schon zu knapp 30 Prozent aus recycelten und wiederverwendeten Materialien gefertigt werden. Bis 2030 will das Unternehmen noch mal deutlich zulegen: zwar nicht gleich auf 100 Prozent wie bei der Designstudie, aber immerhin auf 50.

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