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Handfehlbildungen bei mehreren Neugeborenen: Ursache unklar | BR24

© picture alliance / dpa Themendienst/ Foto: Ina Fassbender

Zufall oder doch nicht? Zwischen Juni und Anfang September wurden in einer Gelsenkirchener Klinik drei Kinder mit Handfehlbildungen geboren.

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    Handfehlbildungen bei mehreren Neugeborenen: Ursache unklar

    Zwischen Juni und Anfang September kamen in einer Gelsenkirchener Klinik drei Kinder mit Handfehlbildungen zur Welt. Die Suche nach den Ursachen ist schwierig. Möglicherweise könnte ein bundesweites Melderegister helfen.

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    Ist es nun Zufall oder steckt doch mehr dahinter? In den vergangenen zwölf Wochen waren im Sankt Marien-Hospital Buer in Gelsenkirchen drei Kinder mit ähnlichen Handfehlbildungen auf die Welt gekommen. Warum es zu den Fehlbildungen bei den Babys kam, ist noch unklar. Es könnte sich um eine rein statistische Häufung handeln. Doch die Klinik selbst bezeichnet die mehrfach auftretenden Missbildungen in einer auf ihrer Internetseite veröffentlichten Stellungnahme als "auffällig". Gerade weil sie innerhalb eines so kurzen Zeitraums aufgetreten sind. Die Fälle rufen Erinnerungen wach. An den Contergan-Skandal der 1960er-Jahre. Aber auch an Fälle in Frankreich. Dort waren in den vergangenen Jahren in verschiedenen ländlichen Regionen mehrfach Babys ohne Arme und Hände auf die Welt gekommen. Was könnten die Ursachen für die Fehlbildungen bei den Neugeborenen in Gelsenkirchen sein? Und was hilft bei der Ursachensuche?

    Die Fehlbildungen in der Gelsenkirchener Klinik

    Bei den drei betroffenen Kindern von Gelsenkirchen ist nach Angaben von Medizinern der Klinik jeweils eine der beiden Hände nicht vollständig ausgebildet. Der Handteller und die Finger seien dort nur rudimentär angelegt, der Unterarm hingegen sei völlig normal, heißt es.

    Die Suche nach der Ursache für die Fehlbildungen der Neugeborenen blieb bislang erfolglos. Die Mütter der Kinder stammten alle aus dem nördlichen Ruhrgebiet. Eine ethnische, kulturelle oder soziale Gemeinsamkeit besteht laut Klinik nicht. Und seitens der Berliner Charité, deren Rat die Gelsenkirchner Klinik hinzugezogen hatte, hieß es kurz nach Veröffentlichung der Fälle: "Der derzeitige Informationsstand erlaubt weder der Charité noch insbesondere der Embryonaltoxikologie eine inhaltliche Stellungnahme zu diesem Thema."

    Warum treten Fehlbildungen bei Kindern auf?

    Zu möglichen Ursachen einer Fehlbildung von Extremitäten bei Kindern schreibt die Gelsenkirchner Klinik auf ihrer Internetseite, dass der entscheidende Entwicklungszeitraum sehr früh in der Schwangerschaft, zwischen dem 24. und 36. Entwicklungstag nach der Befruchtung der Eizelle, liege. Auslöser für eine Fehlbildung könnten gesundheitsschädliche Stoffe von Medikamenten oder aus der Umwelt, sogenannte Noxen, sowie Infektionen während der Schwangerschaft sein. Auch eine Nabelschnurumschlingung und Verwachsungsstränge innerhalb der Gebärmutter, sogenannte Amnionbänder, können laut Sankt Marien-Hospital Buer in Gelsenkirchen zu Extremitätenfehlbildungen bei Kindern führen.

    Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) verweist hingegen in einer Stellungnahme darauf, dass Fehlbildungen bei Neugeborenen sehr unterschiedliche Ursachen haben könnten, und dass dazu eine sehr sorgfältige Analyse erforderlich sei.

    Ursachensuche für Fehlbildungen: Abfrage aller Kliniken in NRW

    Das Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen will alle Kliniken in NRW abfragen, um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Das Ministerium hofft, schon Ende nächster Woche auf Ergebnisse. Eine Abfrage einer der mit 2.500 Geburten pro Jahr größten Geburtskliniken in Nordrhein-Westfalen, dem Essener Elisabeth-Krankenhaus, ergab bereits, dass es trotz der örtlichen Nähe zu Gelsenkirchen nach Angaben einer Sprecherin dort keine Häufung von Handfehlbildungen gegeben hat.

    Bisher kein bundesweites Melderegister für Fehlbildungen

    Was die Suche nach der Ursache für die Fehlbildung der Kinder in Gelsenkirchen so schwierig macht: Es gibt bisher kein bundesweites Register, in dem Fehlbildungen systematisch und detailliert erfasst werden. Ob das allerdings wirklich bei der Suche weiterhelfen würde, ist nicht sicher.

    Fehlbildungen: Was wird bislang gemeldet?

    Bislang werden Fehlbildungen bei Kindern bundesweit nur in der sogenannten "Perinatalstatistik" erfasst. In der Statistik, die das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen zusammenstellt, wird nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums allerdings nur die Zahl der mit Fehlbildungen geborenen Kinder angegeben. Sie enthält keine Informationen über die Art der Fehlbildungen.

    Weitergehende Informationen über die Fehlbildungsart enthält demnach die Krankenhausdiagnosestatistik des Statistischen Bundesamtes. Diese gibt laut Ministerium Auskunft über die Anzahl der stationären Behandlungsfälle mit spezifischen Diagnosen. Schwachpunkt dieser Statistik ist aber: Sie erfasst nicht die Zahl der behandelten Personen. Auch Kinder ohne stationäre Behandlung tauchen darin nicht auf. Wird hingegen ein Kind zweimal im Krankenhaus behandelt, wird dies als zwei Fälle gezählt.

    Regionale Daten über Fehlbildungen gibt es zum Beispiel in Sachsen-Anhalt. Dort werden die Fälle von Fehlbildungen bei Neugeborenen seit 1980 im sogenannten "Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalt" erfasst. Auch für das Geburtenregister "Mainzer Modell" der Universitätsklinik Mainz werden laut Bundesgesundheitsministerium entsprechende Daten erhoben. Die Daten aus beiden regionalen Registern würden an das europäische Register EUROCAT gemeldet, das seit 1979 bestehe und derzeit Daten aus 23 europäischen Ländern enthalte, so das Ministerium.

    Die Perinatalstatistik: Anzahl der Fehlbildungen bei Neugeborenen

    Laut Perinatalstatistik, heißt es seitens des Bundesgesundheitsministeriums, sind im Jahr 2017 in Deutschland 6.884 Kinder mit Fehlbildungen in Krankenhäusern zur Welt gekommen. Damit seien etwa 0,89 Prozent der Neugeborenen von Fehlbildungen betroffen gewesen.

    Hilft ein Melderegister bei der Ursachenforschung?

    Die Meinungen, inwiefern ein Melderegister für Fehlbildungen bei Neugeborenen zur Ursachenforschung sinnvoll ist, gehen derweil auseinander.

    "Ein Register würde uns auf jedem Fall weiterhelfen", sagt Hermann Josef Kahl, Bundessprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ .

    Auch Wiebke Hülsemann, Chefärztin der Handchirurgie des Katholischen Kinderkrankenhauses Wilhelmstift in Hamburg, spricht sich für ein bundesweites Melderegister aus. Für sie ist das Melderegister "Voraussetzung für einen Vergleich, ob die Fehlbildungen eventuell durch eine Noxe [,also durch Medikamente oder Umwelteinflüsse] gehäuft neu entstanden sind." Bisher könne die Anzahl und das Ausmaß der Fehlbildungen bei Neugeborenen nur geschätzt werden, erklärt Hülsemann weiter.

    Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums äußerte sich über eine Einführung eines bundesweiten Melderegisters dagegen zurückhaltend:

    "Bevor wir jetzt über Ursachen und Konsequenzen spekulieren, warten wir die Untersuchungsergebnisse ab. Wo wir können, werden wir die Aufklärungsarbeiten unterstützen." Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums

    Gehäufte Fehlbildungen auch in Frankreich

    Auch in Frankreich waren 2018 Fälle von gehäuften Fehlbildungen bekannt geworden. Im Département Ain im Osten des Landes, im Département Loire-Atlantique im Westen und in Morbihan in der Bretagne sind in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich viele Babys ohne Arme zur Welt gekommen. Weil die betroffenen Familien in der Nähe von Feldern wohnen, könnten Pestizide die Fehlbildungen der Kinder verursacht haben, so ein Verdacht.