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Mögliche Langzeitfolgen der Covid-19-Erkrankung | BR24

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Durch Covid-19 wird nicht nur die Lunge geschädigt. Das Virus SARS-Cov-2 kann zahlreiche Organe des Körpers beeinträchtigen - mit Langzeitfolgen.

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Mögliche Langzeitfolgen der Covid-19-Erkrankung

Der Erreger Sars-Cov-2 befällt hauptsächlich die Lunge, in schweren Fällen bekommen die Patienten eine Lungenentzündung und müssen beatmet werden. Doch das Virus schädigt auch andere Organe und das kann möglicherweise zu langfristigen Folgen führen.

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Das Coronavirus tritt über den Mund- und Rachenraum in den Körper ein und verbreitet sich dort. Wie es das macht, wird immer noch untersucht. Wahrscheinlich tut es das über die Blutbahn und über einige Nervenbahnen. Es gibt auf jeden Fall Zellen, die sich direkt mit dem Virus infizieren können im Gehirn, im Darm, im Herz und in wichtigen Gefäßen.

"Wir sehen große Probleme in der Blutgerinnung bei Covid-19, die sich unter anderem in sogenannten Mikrothromben, kleinen Verklumpungen, Verstopfungen in der Lunge in der Niere zeigt, das könnte ein Grund sein, warum die Niere auch geschädigt wird." Oliver Keppler, Münchner Virologe und Leiter des Max-Pettenkofer-Instituts der LMU München

Das sind dann die schweren Verläufe der Krankheit. Nierenfunktionsstörungen, Atemnot, auch Monate nach ihrer Erkrankung kämpfen Patienten mit Symptomen. Dabei wird auch das Nervensystem angegriffen, sagt Lungenfacharzt Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Fatigue - schwere Erschöpfungszustände

"Die Patienten klagen über deutliche Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Vergesslichkeit, Müdigkeit, Erschöpfung und ein ausgeprägtes Mattigkeitssyndrom", sagt Welte. Was der Auslöser für diese Mattigkeit ist, weiß man noch nicht. Die Mediziner vermuten, dass das Immunsystem der Betroffenen nachhaltig geschädigt ist. Tobias Welte und seine Kollegen haben an der Medizinischen Hochschule Hannover eine Post-Covid-Ambulanz eingerichtet, in der die Betroffenen untersucht und behandelt werden. Wie viele Menschen tatsächlich mit Spätfolgen kämpfen, ist noch unklar. Welte spricht von ein bis drei Prozent der Covid-19-Erkrankten.

Interessanterweise sind es nicht nur die Patienten, die auf der Intensivstation waren, sagt Virologe Oliver Keppler: "Wir sehen zunehmend auch mehr jüngere Leute unter 30, die einen relativ leichten Verlauf der Infektion hatten und die trotzdem über schwere Konzentrationsstörungen und auch Abgeschlagenheit, Müdigkeit klagen, das heißt, wir haben hier einen Symptomkomplex, den wir erst beginnen zu verstehen, und diese Post-Covid-Syndrome werden sicher eine Herausforderung werden für die Gesundheitssysteme in der ganzen Welt."

Lungenschäden mit und ohne künstliche Beatmung

Der Erreger Sars-Cov-2 befällt hauptsächlich die Lunge, in schweren Fällen bekommen die Patienten eine Lungenentzündung und müssen beatmet werden. Einerseits ist die künstliche Beatmung bei schweren Lungenentzündungen durch das Coronavirus lebensrettend. Andererseits ist bekannt, dass diese Maßnahme nur als letztes Mittel und nur so kurz wie nötig eingesetzt werden soll, weil sie ebenfalls die Lunge schädigen kann. Das liegt daran, dass das Beatmungsgerät die Luft mit einem höheren Druck in die Lunge bläst, um die verringerte Aufnahmefähigkeit der Lunge auszugleichen, als bei einem normalen Atemzug. Zusätzlich werden die zum Atmen benötigten Muskeln abgebaut. Das Aufheben der Beatmung kann gerade bei älteren Patienten schwierig werden. Eine Beatmung kann später zu Folgeschäden führen, weil zum Beispiel kleinste Strukturen der Lunge, die sogenannten Alveolen, geschädigt werden könnten.

Entzündungen in den Blutgefäßen

Aus vielen Ländern gibt es mittlerweile Fallbeschreibungen, kleine Studien und Obduktionsergebnisse, die darauf hindeuten, dass es bei Covid-19 zu Entzündungen in den Blutgefäßen kommen kann. Die könnten indirekt zu einer höheren Sterblichkeit, aber vor allem offenbar zu schweren Langzeitschäden bei wieder Gesunden beitragen.

Blutgerinnsel im Gehirn oder Herzen

Die Entzündungen in den Blutgefäßen sorgen dafür, dass sich im Rahmen der Immunreaktion Gerinnsel bilden, das heißt, es können kleinere oder größere Blutpfropfe in den Gefäßen entstehen. Die wandern dann mit dem Blutstrom im Körper weiter Richtung Herz, Gehirn, Lunge oder Niere. Sobald sie dort in kleinen Gefäßen steckenbleiben, wird im Gewebe dahinter die Blutversorgung abgeschnitten.

© BR

Die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19 tritt zwar meist als Lungenerkrankung in Erscheinung, doch inzwischen werden immer mehr atypische Krankheitsverläufe bekannt, bei denen das SARS-CoV-2 andere Organe schädigt.

Die Folgen können sein: Nierenversagen, Herzinfarkte oder sogar Schlaganfälle. Schon im Februar 2020 berichteten erste Studien aus China von neurologischen Ausfällen bei manchen Covid-19-Patienten, das könnten Hinweise auf solche Schlaganfälle sein. Längst berichten aber auch Kliniken aus Europa und den USA von solchen Fällen. Beunruhigend dabei: Die Patienten hatten oft keine Vorerkrankungen und waren mit 30 bis 50 Jahren ziemlich jung. Neurologische Erkrankungen, sogenannte Enzephalopathien, drücken sich durch Unruhe, Verwirrtheit und die Beeinträchtigung der Gehirnleistung aus, erklärt Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Diese Einschränkungen könnten über längere Zeit anhalten.

Wenn ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt nicht innerhalb von wenigen Stunden erkannt und behandelt werden kann, bleiben davon in vielen Fällen Langzeitfolgen zurück.

Bakterielle Infektion

Bei einer künstlichen Beatmung besteht das Risiko, über die Schläuche zusätzlich zur Viruserkrankung eine bakterielle Infektion in der Lunge auszulösen. Matthias Kochanek, Oberarzt am Universitätsklinikum Köln, berichtet, dass bei fast allen Covid-19-Patienten in der Uniklinik so eine zweite oder sogar dritte von Bakterien ausgelöste Lungenentzündung festgestellt wurde. Im Zusammenhang mit Lungenentzündungen gibt es aber bisher keine Analysen zu Langzeitfolgen. Bei heftigeren Verläufen, etwa mit schwerem Lungenversagen und langer Beatmungsdauer, seien durchaus Restsymptome wie ein vermindertes Lungenvolumen zu erwarten, sagt der Mediziner Sven Gläser vom Vivantes-Klinikum Neukölln.

Geruchssinn geht wochenlang verloren

Schon länger häufen sich auch die Berichte, dass Covid-19-Patienten einen Verlust ihres Geruchssinns erleiden. Der kann wochenlang andauern - und ist auch ein Hinweis darauf, dass das Virus das Nervensystem angreift. Laut Peter Berlit bleibt die Störung bei fünf bis zehn Prozent der Fälle sogar länger bestehen. Ob hinter dem Verlust des Geruchssinns noch schwerwiegendere Folgen für das Gehirn liegen, ist noch nicht abschließend geklärt.

Möglicher Interpretationsfehler

Dass mit dem Verlust des Geruchssinns auch der des Geschmackssinn einhergeht, könnte nach einer Analyse des Universitätsklinikums Dresden allerdings auch ein Interpretationsfehler sein. Die meisten der Befragten Covid-19-Patienten können demnach die vier Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter und salzig weiter einigermaßen zuverlässig unterscheiden - nicht aber Aromen, für die es ein Zusammenspiel mit dem Geruchssinn bräuchte.

Langzeitfolgen nach Härte der Erkrankung

Berlit weist darauf hin, dass es bei vielen Langzeitfolgen noch zu früh ist, endgültige Schlüsse zu ziehen. Viele Erkenntnisse wurden erst in den vergangenen Monaten gesammelt und ausgewertet. Ausschlaggebend ist auch, wie schwer die Erkrankung war. Bei einem milden Verlauf fühlen sich die Patienten recht zügig wieder fit. Die Dauer der Erkrankung hielt aber länger als bei der normalen Grippe - über zehn bis 21 Tage.

"Es wird über die letzten Monate zunehmend klarer, dass es sich bei Covid-19 um eine Systemerkrankung handelt, wo verschiedene Organsysteme betroffen sind, darunter Entzündungen der Gefäße, des Herzmuskels, der kleinen Gefäße, die das Herz versorgen, der Coronalarterien." Oliver Keppler, Münchner Virologe und Leiter des Max-Pettenkofer-Instituts der LMU München

Entwarnung und weitere Studien

Wie aussagekräftig die einzelnen Beobachtungen und kleineren Studien zu diesen Folgeschäden sind, ist noch unklar. Vielleicht zeigen sich hier nur statistische Effekte, weil Patienten mit Schlaganfall, die zugleich auch an Covid-19 erkrankt sind, in der derzeitigen Lage eine besondere Aufmerksamkeit bekommen.

Bei den meisten Betroffenen lassen die Symptome mit der Zeit deutlich nach, beobachtet Tobias Welte, der die Patienten nach ihrer Erkrankung untersucht hat: "Was mich ein bisschen beruhigt, ist, dass ich bisher eigentlich keinen Patienten wiederholt gesehen habe, der nicht gesagt hat, es wird besser."

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