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Corona-Studien: Wenn Wissenschaft widersprüchlich ist | BR24

© picture alliance/Marijan Murat/dpa

Corona-Studien: Wenn Wissenschaft widersprüchlich ist

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    Corona-Studien: Wenn Wissenschaft widersprüchlich ist

    Erst hieß es keine Masken, jetzt werden Masken empfohlen. Erst hieß es Kinder sind Virenschleudern, dann heißt es, sie sind gar nicht so infektiös. Die Wissenschaft ist ein ständiger Austausch und bisher Geglaubtes wird angepasst.

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    Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet war der erste, der unzufrieden war mit der Wissenschaft. Ende April wetterte er in einer Talkshow, wenn Virologen alle paar Tage ihre Meinung änderten, müsse Politik dagegenhalten.

    Zeitgleich ärgerte sich Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger über die Wissenschaft, weil sie ständig das Gegenteil sagen und ihre Meinung alle drei Tage ändern würde. Damals ging es etwa um Fragen wie: Sind Schulschließungen das richtige Mittel im Kampf gegen die Pandemie oder ist das Tragen von Masken sinnvoll.

    Streeck: "ständiger Lernprozess"

    Fragt man den Virologen Hendrik Streeck vom Uniklinikum in Bonn, was er denkt, wenn Politik sich über wissenschaftliche Meinungsänderung beklagt, dann sieht er das nüchtern: "Nun erstmal würde ich dem Recht geben, dass wir natürlich unsere Meinungen auch anpassen, weil ich glaube, was der Großteil der Bevölkerung im Moment mitkriegt, ist, dass Wissenschaft immer nur Wissen auf Zeit schafft, weil wir jedes Mal natürlich neue Erkenntnisse, Erlangen neuen Wissens generieren und wie in einem ständigen Lernprozess uns befinden."

    Wissen auf Zeit wollte Streeck etwa schaffen, indem er in den Corona-Hotspot Heinsberg ging, um dort herauszufinden, wie die Infektionen sich genau verbreitet haben und wie viele Menschen eine Infektion überstanden hatten ohne das überhaupt zu merken. Er hat diese Ergebnisse gemeinsam mit Ministerpräsident Laschet präsentiert, wofür es heftige Kritik gab. Methodische Kritik, auf die dann aber auch inhaltliche Kritik an der Studie folgte: "Da ging es ja gar nicht mehr um unsere Studien selber, sondern es war wie bei einer Verpackung. Von einem Eis ging es um die Verpackung vom Eis, aber nicht nur um den Geschmack vom Eis."

    Wollten Politiker die Verantwortung an Virologen abgeben?

    Der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin wähnt dahinter ein falsches Verständnis von Wissenschaft: "Ein Spitzenpolitiker sagt naja, wir richten uns ja nur nach der Wissenschaft und meint damit die Virologen. Und einer hat dann geantwortet: ja, Moment, aber wir können ja gar nicht die Gesamtstrategie verantworten."

    Politiker hätten die Verantwortung für ihr Handeln gern ein wenig abgegeben – eben an Forschende, die ihnen raten, bestimmte Dinge zu tun. Aber gerade wenn die Datenlage unklar ist, wird das gefährlich. Denn dann ist Forschung eben eine Momentaufnahme. In dem umstrittenen Papier zur kritisierten Studie von Hendrik Streeck steht beispielsweise der Satz: "In Gangelt ist der Anteil der Bevölkerung, der somit bereits Immunität gegen SARS-CoV-2 ausgebildet hat, etwa 15 Prozent."

    Forscher gehen nicht mehr mit jeder neuen Studie an Öffentlichkeit

    Inzwischen ist aber bekannt, dass viele Patienten nach der Infektion ihre Antikörper verlieren. Und es ist auch vollkommen unklar, welche Rolle die Antikörper bei der Immunität spielen. Mittlerweile wird sogar gemutmaßt, dass Patienten sich mehrfach infizieren können.

    Nach der Diskussion um die Streeck-Studie sind Münchner Kollegen mit ihren Daten, die beinah zeitgleich begonnen hatten, nicht mehr an die Öffentlichkeit gegangen, sagt Streeck: "Das mit München habe ich natürlich sehr genau mitverfolgt. Es ist nicht nur ein guter Kollege von mir, sondern wir haben ja zwei Wochen parallel gearbeitet. Da, wo wir unsere Zwischenergebnisse gezeigt haben. Dass dann am Ende die Studie nicht vorgestellt worden ist, fand ich schade. Man hätte da sehr viel mehr aus dem Austausch lernen können."

    Sind Kinder nun "Virenschleudern" oder nicht?

    Inzwischen wird auch um andere Themen heftig gerungen, etwa um die Frage: Welche Rolle spielen Kinder beim Infektionsgeschehen? Anfangs wurden Kinder als Virenschleudern gesehen, inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass sie das Virus bekommen können, aber nicht die Treiber der Pandemie sind, sagt der Kinderarzt Johannes Hübner vom Haunerschen Kinderspital in München: "Es wird auch Infektionen in Schulen geben. Wir glauben, dass es weniger häufig ist als bei den Erwachsenen. Es wird aber nicht Null sein. Es gibt keine Alternative dazu. Wir können die Schulen nicht geschlossen halten, bis wir eine Impfung haben gegen dieses Virus."

    Und dann sagt der Professor für Pädiatrie den entscheidenden Satz: "Man muss auch mit unvollständigen Informationen Entscheidungen treffen, wir haben einfach die Infos, die uns vorliegen."

    Öffentlichen Gegenwind aushalten

    Dazu gehört dann aber auch, den Gegenwind auszuhalten, der einem entgegenschlägt bei unpopulären Thesen. Kann sein, dass die Schulöffnungen bald wieder auf das Heftigste in Frage gestellt werden. Kann sein, dass über Immunität in einem Jahr anders gedacht wird. Hendrik Streeck ist immer noch Vertreter eines eher liberalen Umgangs mit dem Virus, auch dafür muss er immer wieder Kritik einstecken.

    Trotzdem äußert er sich öffentlich: "Wenn man seine Meinung begründen kann, dass man da auch auf dem richtigen Weg ist und man so in Konferenzen auftritt und seine Meinung vertreten kann durch die Daten auf der einen Seite, aber man in einen Dissens mit einem Kollegen tritt, dann ist es wichtig, in der Gesellschaft genau diesen Dissens aufzuzeigen."

    Öffentlichkeit hat oft überzogene Erwartungen an die Wissenschaft

    Und genau diesen Dissens zu kommunizieren, könnte der entscheidende Faktor sein, sagt Politik-Professor und Philosoph Julian Nida-Rümelin: "Wissenschaft liefert in aller Regel keine absoluten Gewissheit. Und da ist eine falsche Erwartung an die Wissenschaft. Es gibt Bereiche, in denen man sagen kann, jetzt sind wir hier schon sehr, sehr zuverlässig dran."

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