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Warum die "Heinsberg-Studie" kritisiert wird | BR24

© picture alliance/ Federico Gambarini / dpa

Hendrik Streeck, Virologe und Leiter der Coronavirus-Studie in Gangelt, Landkreis Heinsberg, NRW

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    Warum die "Heinsberg-Studie" kritisiert wird

    Am 9. April 2020 stellte Virologe Hendrik Streeck ein Zwischenergebnis seiner Coronavirus-Studie im Kreis Heinsberg vor. Das sorgte für heftige Diskussionen. Hier die Kritikpunkte und Streecks Antworten.

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    Hendrik Streeck, Virologe am Universitätsklinikum Bonn, wollte seine Studienergebnisse möglichst "früh und schnell" (Minute 17:16 in diesem Podcast) an die Öffentlichkeit weitergeben, denn nach eigenen Angaben habe die Bevölkerung ein Recht darauf, bei einer so kritischen Studie darüber informiert zu sein.

    "Wir hätten natürlich die Ergebnisse für uns behalten können, hätten die Daten in Ruhe analysiert, in Ruhe zusammengeschrieben und hätten sie dann in drei Wochen - das ist eine sehr schnelle Zeit im Übrigen - auf einen Preprint-Server hochgeladen. Ich glaube aber, das wäre zu spät gewesen." Virologe Hendrick Streeck zum Veröffentlichungszeitpunkt seiner Studie

    Heinsberg-Studie - Was wird Hendrik Streeck vorgeworfen?

    Kritisiert wird Hendrik Streeck für die Art der Präsentation seiner Studienergebnisse, für die Erhebung und Auswertung der statistischen Daten und das Testverfahren an sich. Das sind die Kritikpunkte und Hendrik Streecks Begründungen, die auch in diesem Podcast ab Minute 16:00 nachzuhören sind:

    - Präsentation:

    Es wurde kein Endergebnis einer Studie präsentiert, sondern ein Zwischenergebnis. Dieses Zwischenergebnis wurde auf einer Pressekonferenz veröffentlicht, nicht klassisch in einem wissenschaftlichen Journal, nachdem die Studie ausführlich begutachtet wurde. Die Ergebnisse wurden auch nicht auf einen Preprint-Server ohne Begutachtung hochgeladen, was in Zeiten der Corona-Krise eine übliche Vorgehensweise wurde. Hendrik Streeck begründet diese Vorgehensweise damit, dass die üblichen Wege zu lange gedauert hätten und er die Öffentlichkeit schnell informieren wollte, weil es auch um die Letalität des neuen Coronavirus ging. Eine Veröffentlichung auf einem Preprint-Server hätte noch einmal zwei bis drei Wochen gedauert. Die Veröffentlichung in einem Fachmagazin dauert im Schnitt sechs bis zwölf Monate.

    - Erhobene Daten und Testverfahren:

    Kritisiert wird, dass es keine textliche Beschreibung zu Streecks Vorgehensweise gibt. Das irritiert Wissenschaftler nicht wenig. Hinterfragt wird zudem, wie Streeck die Daten aus rund 600 Haushalten im Kreis Heinsberg gesammelt und verrechnet hat. Bei den Testverfahren wird kritisiert, dass Streeck mit Antikörpertests der Firma Euroimmun gearbeitet hat, die laut Virologe Christian Drosten viele falsch positive Testergebnisse liefern (Drosten-Podcast Coronavirus-Update). Streeck weist darauf hin, dass er aus Zeitgründen keinen Text zur Studie verfasst, aber ein Zoom-Meeting veranstaltet habe, in dem er seine Methodik dargestellt habe und auch genannt habe, welche Daten auf ganz Deutschland übertragbar sind und welche nicht. Außerdem habe er sich bei seiner Studie an das WHO-Protokoll gehalten und wie von Drosten gefordert, seine Antikörpertests (IgG und IgA) mit einem sogenannten Neutralisationstest gegengecheckt. Hendrik Streeck und Christian Drosten haben inzwischen miteinander diskutiert und Drosten hat in der Talkrunde "Maybrit Illner" am 17. April 2020 gesagt:

    - Geldspritze von der Landesregierung NRW:

    Hendrik Streeck hat für seine Studie 65.000 Euro von der nordrhein-westfälischen Landesregierung bekommen. Hinterfragt wird, ob es für das Geld Vorgaben von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gab. Streecks Antwort im IQ-Podcast am 15. April 2020:

    "Nein, es gab keine Vorgaben, wie veröffentlicht werden soll. Der Auftrag ist sehr schlicht gehalten. Die 65.000 Euro muss man auch dazu sagen, sind eine Mitfinanzierung, und wir haben keine Vorgaben vom Land NRW oder irgendjemanden gehabt, der uns gesagt hat, wie und wann eine Veröffentlichung geschehen soll." Hendrik Streeck über seinen Arbeitsauftrag

    - Beauftragung einer PR-Agentur:

    Kritisiert wird, dass Hendrik Streeck für Social-Media die PR-Agentur Storymachine engagiert hat. Die Agentur wurde 2017 von Philipp Jessen (Ex-Chefredakteur des Stern), Kai Diekmann (Ex-BILD-Chef) und Michael Mronz (Event-Manager und Ehemann des verstorbenen Guido Westerwelle), der auch in Sport-Großveranstaltungen involviert ist, gegründet. Die Agentur hat Streeck engagiert, weil ihm die Pressearbeit über den Kopf gestiegen ist, diese auch Pressestellen überfordert und weil es ihm laut Streeck ein Freund angeboten hat. Die Agentur arbeitet laut Streeck unentgeltlich. Sie wird aber von Sponsoren wie Deutsche Glasfaser und Gries Deco Company unterstützt, wie Philipp Jessen am 12. April 2020 auf Twitter bekanntgab. Auftrag der PR-Agentur war es, die Arbeit an der Studie in Social Media zu dokumentieren. Laut Streeck wurde "alles, was am Ende gezeigt oder geschrieben wurde, von uns abgesegnet."

    "Ich kriege jeden Tag mehrere hundert E-Mails von Bürgern. Zusätzlich gibt es die Anfragen über Twitter, den Shitstorm über Twitter, über Facebook und so weiter und dann um die 30 und 40 Presseanfragen pro Tag. Ein Forscher, der mit Öffentlichkeit nichts zu tun hat, kann damit überhaupt nicht mehr umgehen. Auch eine Presseabteilung, die sehr gut arbeitet, ist auch mit so vielen Presseanfragen - vor allem an eine Person - an die Grenze ihrer Belastbarkeiten gelangt. Ich wurde von einem Freund gefragt, ob er helfen kann. Da war nicht davon die Rede, dass das irgendeine Beeinflussung nehmen sollte oder sonstwas. Und es ist eine Firma, die dann gesagt hat, sie macht das pro bono - nur, um mit der Dokumentation zu helfen. Denn eine Sache war für uns klar: Wir wollen keine Medien in Heinsberg haben. Wir sind da Gäste vor Ort, und wir wollen nicht mit Kamerateams, die uns hinterherlaufen, das Dorf oder die Gemeinde überrennen." Hendrik Streeck über Social Media und den Auftrag an die PR-Agentur Storymachine

    Richtigstellung

    Auf br.de haben wir am 20. April 2020 unter der Überschrift „Warum die ‚Heinsberg-Studie‘ kritisiert wird“ behauptet, die Agentur „Storymachine“ stünde „mit fragwürdiger Wissenschafts-PR für einen Krebstest der Universität Heidelberg in Zusammenhang“. Die Behauptung ist, was wir hiermit richtigstellen, unwahr.