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Malaria-Mittel Hydroxychloroquin bei Covid-19 unwirksam | BR24

© picture alliance / Klaus Ohlenschläger

Tübinger Tropenmediziner testen das Malariamittel Chloroquin als Medikament gegen das Coronavirus SARS-CoV-2.

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Malaria-Mittel Hydroxychloroquin bei Covid-19 unwirksam

Hydroxychloroquin oder Chloroquin sind weit verbreitete, kostengünstige und sichere Medikamente gegen Malaria. In Labortests hatten sich die Mittel auch als wirksam gegen Coronaviren gezeigt. Doch sie können die Erwartungen nicht erfüllen.

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Bislang gibt es kein zielgerichtetes Medikament gegen die von Sars-CoV-2 verursachte Lungenerkrankung Covid-19. Doch es wird intensiv daran geforscht. Experten setzen vor allem darauf, Medikamente einzusetzen, die bereits für andere Anwendungen erprobt sind. Diese müssten dann vor ihrer Zulassung nicht mehr so aufwendig getestet werden.

Chloroquin ist eigentlich ein Medikament gegen Malaria. Es wirke aber auch gegen viele Viren wie das Hepatitis-B-Virus, sagen Forscher. Und bislang dachten Wissenschaftler auch auch gegen Sars-CoV-2, wie zumindest Versuche im Reagenzglas gezeigt hatten.

WHO stellt klinische Studien mit Hydroxychloroquin ein

Nach dem kritischen Bericht über die Wirkung der Malaria-Arznei Hydroxychloroquin bei Covid-19-Erkrankten im Fachmagazin "The Lancet" vom 22. Mai 2020 hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tests mit dem Medikament vorerst ausgesetzt. Am 3. Juni 2020 nahm die WHO diesen Teil ihrer klinischen Studie namens "Solidarity Trial" wieder auf. Einen Tag später zog "The Lancet" die veröffentlichte Studie vom 22. Mai zurück. Die zugrunde liegenden Daten wurden von drei der vier Autoren in Zweifel gezogen. Am 15. Juni schließlich nahm die US-Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) die Sondergenehmigung für die Malaria-Mittel Hydroxychloroquin und Chloroquin zur Behandlung von Covid-19 zurück. Am 17. Juni zog die WHO nach und stellte ebenfalls endgültig die klinischen Studien zur Wirksamkeit des Medikaments Hydroxychloroquin im Kampf gegen das Coronavirus ein.

Einsatz von Hydroxychloroquin bei Covid-19 nutzlos

Die von US-Präsident Donald Trump beworbenen Malariamittel Hydroxychloroquin und Chloroquin sind laut einer großangelegten Studie als Medikamente gegen das neue Coronavirus wohl eher schädlich. Bei einem Vergleich von etwa 96.000 Patienten auf sechs Kontinenten, die zwischen dem 20. Dezember 2019 und dem 14. April 2020 ins Krankenhaus eingeliefert wurden, habe sich gezeigt, dass die Sterberate von Menschen, die Hydroxychloroquin und Chloroquin einnahmen, bei 13 Prozent lag, hieß es in einem Bericht des Journals "The Lancet" vom 22. Mai 2020. Bei Kranken, die anders behandelt wurden, habe sie neun Prozent betragen.

Außerdem sei bei der Einnahme der Malariamittel ein fünf Mal höheres Risiko für Herzrhythmusstörungen festgestellt worden, schrieb das Forschungsteam der Harvard Medical School in Boston und des Universitätsspitals Zürich. "Es gibt nicht nur keinen Vorteil, wir haben sogar einen sehr durchgängigen Hinweis auf Schädigung", sagte Studienleiter Mandeep Mehra, ein Herzspezialist aus Boston.

Malariamittel gegen Corona führt zu Herzrhythmusstörungen

Die Studie griff den Angaben zufolge auf Daten aus 671 Krankenhäusern zurück, in denen Menschen mit Covid-19 behandelt wurden. Knapp 15.000 erhielten entweder Hydroxychloroquin oder Chloroquin, wobei einige noch zusätzlich Antibiotika einnahmen (1.868 erhielten Chloroquin alleine, 3.783 erhielten Chloroquin mit einem Antibiotikum, 3.016 erhielten Hydroxychloroquin alleine und 6.221 erhielten Hydroxychloroquin mit einem Antibiotikum). Mehr als 81.000 Patienten bekamen keines dieser Medikamente und waren damit in der Kontrollgruppe.

In der Kontrollgruppe lag die Sterberate bei neun Prozent. Von den mit Chloroquin behandelten Personen starben 16 Prozent, bei denen mit Hydroxychloroquin waren es 18 Prozent. Bei Patienten, die Chloroquin und ein Antibiotikum erhielten, lag die Quote bei 22 Prozent. Von den Menschen, bei denen die Ärzte Hydroxychloroquin mit einem Antibiotikum kombinierten, starben sogar knapp 24 Prozent.

Die Wissenschaftler konnten keinen Nutzen von Hydroxychloroquin oder Chloroquin bei alleiniger oder kombinierter Anwendung mit einem Antibiotikum für die Behandlung von COVID-19 bestätigen. Jedes dieser Arzneimittel war mit einem verringerten Überleben im Krankenhaus und einer erhöhten Häufigkeit von Herzrhythmusstörungen verbunden, wenn es zur Behandlung von COVID-19 verwendet wurde.

US-Studie zu Malaria-Medikament: kein positiver Effekt

Erste Ergebnisse einer US-Studie, die am 21. April 2020 veröffentlicht wurde, zeigten ebenfalls, dass das Malaria-Medikament wohl keinen positiven Effekt auf Patienten hat, die an der Lungenkrankheit Covid-19 leiden. Bei Patienten, die Hydroxychloroquin erhielten, habe sich sogar eine höhere Sterblichkeitsrate als in der Vergleichsgruppe ergeben, hieß es in einer noch nicht von unabhängigen Experten geprüften Studie. Die Studie wurde vom regierungseigenen Gesundheitsinstitut National Institutes of Health (NIH) mitfinanziert.

Sie befasste sich rückwirkend mit den Daten von 368 männlichen Covid-Patienten, die bis 11. April in Krankenhäusern für US-Veteranen behandelt worden waren. Von den Patienten waren 97 mit Hydroxychloroquin behandelt worden, 113 bekamen zusätzlich noch das Antibiotikum Azithromycin, 158 keines der beiden Medikamente.

Mehr zum Start der europaweiten Studie zu Medikamenten lesen Sie hier.

Chloroquin im Kampf gegen Corona sogar gefährlich

In zahlreichen Untersuchungen werden derzeit Medikamente oder Wirkstoffe getestet, die bereits im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen entwickelt und untersucht wurden - darunter eben auch Chloroquin.

"Repurposing" nennen Fachleute diese Herangehensweise, bei denen bereits für einen bestimmten Zweck getestete Mittel für einen anderen Zweck eingesetzt werden. Die meisten der klinischen Studien laufen in China, weil es dort die größte Anzahl an Patienten gibt, die daran teilnehmen können.

Mit bekanntem Medikament Zeit bei der Zulassung sparen

Um klinische Studien kommt man auch bei bereits bekannten Mitteln nicht herum. Man spart allerdings bei der Zulassung eines Präparats Zeit. "In einem Zulassungsverfahren werden drei grundlegende Dinge geklärt, nämlich die Wirksamkeit, die Verträglichkeit und die technische Qualität eines Medikaments", erläutert Rolf Hömke, Sprecher des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). "Ist ein Medikament bereits für eine andere Anwendung zugelassen, ist die Verträglichkeit geprüft und die technische Qualität belegt. Nachgewiesen werden muss nach wie vor, dass das Mittel gegen die Krankheit wirkt."

Tübinger Tropenmediziner mit klinischen Tests

Bereits erforschte Wirkstoffe können also unter Umständen schneller in die Phase der klinischen Prüfung eintreten, in der das Medikamente Hydroxychloroquin oder Chloroquin, das in Deutschland auch unter dem Handelsnamen Resochin bekannt ist, an größeren Patientengruppen getestet wird - und dann bei erfolgreicher Testung auch schneller zugelassen werden könnte. So hat das Tübinger Institut für Tropenmedizin am 23. März 2020 mit einer Studie an Menschen begonnen, wie Institutsdirektor Peter Kremsner mitteilte.

In China und Italien sind Kremsner zufolge sehr viele Covid-19-Patienten mit Chloroquin behandelt worden. Unklar sei aber, ob mit Erfolg, da die Erkrankten Chloroquin teils in sehr hoher Dosierung und gemeinsam mit vielen weiteren Medikamenten bekommen hätten.

"Es kann auch sein, dass es nicht wirkt oder sogar schadet", sagte Kremsner. Chloroquin könne zu Herzrhythmusstörungen führen, was für Patienten mit Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen auf der Intensivstation schwierig sei, sagte der Bonner Virologe Hendrik Streeck in seinem Daily Podcast auf B5.

© Bayerischer Rundfunk/Abendschau

Die Suche nach Medikamenten gegen Covid-19 läuft auf Hochtouren. Die ganze Welt hofft auf wirksame Präparate, genauso wie auf eine Impfung gegen das neue Virus. Ein Überblick über den aktuellen Stand in Forschung und Entwicklung.