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Bioplastik auch nach Jahren noch nicht verrottet | BR24

© picture-alliance/ZB; BR

Eine Studie zeigt, dass auch angeblich kompostierbare Bioplastiktüten selbst nach Jahren in der Erde nicht zersetzt sind.

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Bioplastik auch nach Jahren noch nicht verrottet

Drei Jahre unter der Erde oder im Meerwasser begraben und immer noch könnten Sie Ihren Einkauf darin nach Hause tragen: Forscher haben herausgefunden, dass angeblich biologisch abbaubare Plastiktüten auch nach Jahren noch voll funktionsfähig sind.

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Es war auch zu schön, um wahr zu sein: Tüten aus biologischen Kunststoffen, die man einfach so wegschmeißen kann, angeblich sogar in die Biotonne - damit eroberte die Bioplastiktüte die Supermärkte und unser Gewissen. Aber nicht alles, was "Bio" heißt, ist auch gut für die Umwelt. Und nicht alles, was sich Bioplastiktüte nennt, ist auch biologisch abbaubar. Naturschutzverbände raten schon seit Längerem vor Plastiktüten aus Biokunststoffen ab.

Studie zur Abbaubarkeit von Bioplastiktüten

Eine Forschergruppe aus Großbritannien hat jetzt genau untersucht, wie lange die angeblich abbaubaren Plastiktüten überdauern. Forscher der Universität Plymouth in Großbritannien besorgten sich im lokalen Einzelhandel gängige Plastiktüten aus verschiedenen Kunststoffen - ganz "normale" Plastiktüten und Tüten aus biologisch abbaubaren, kompostierbaren und oxo-abbaubaren Kunststoffen.

💡 Was ist Bioplastik?

Als Bioplastik werden sowohl Kunststoffe bezeichnet, die biologisch abbaubar sind, als auch Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt wurden (Biopolymere). Diese müssen nicht zwangsläufig biologisch abbaubar sein - etwa Naturfaser-Harz-Gemische für Kaffeebecher aus Biokunststoff.

Die Wissenschaftler der Forschungseinheit "Meeresabfälle" der Universität Plymouth, die seit mehr als zehn Jahren ihr Augenmerk insbesondere auf Plastiktüten gelegt haben, versuchten die verschiedenen Plastiktüten drei Jahre lang loszuwerden: Sie setzten die Bioplastiktüten wie die normalen entweder der Luft aus, vergruben sie im Boden oder versenkten sie in Meereswasser - Schicksale, wie sie gewöhnlich der gemeinen und achtlos weggeworfenen Plastiktüte zuteil werden.

Bioplastiktüten auch nach drei Jahren noch funktionstüchtig

Das ernüchternde Ergebnis der Studie: Die angeblich abbaubaren Plastiktüten waren auch nach drei Jahren in der Erde oder im Meerwasser alles andere als abgebaut. Die Bioplastiktüten waren sogar noch so funktionsfähig, dass sie über zwei Kilogramm Gewicht tragen konnten.

Kompostierbare Tüten etwas besser

Einzige Ausnahme: die Tüten aus kompostierbaren Kunststoff. Auch sie waren nach drei Jahren unter der Erde noch vorhanden. Sie hatten allerdings als einzige ihre Belastbarkeit verloren. Im Meerwasser waren sie wirklich völlig aufgelöst worden.

An der Luft zersetzten sich hingegen alle Kunststoffe innerhalb weniger Monate - genau wie Plastiktüten aus herkömmlichen Kunststoffen. UV-Strahlung, höhere Temperaturen sowie Oxidation setzen den Kunststoffen an der Luft stärker zu. Die britischen Forscher hatten übrigens alle Testtüten-Objekte sicher in Beuteln mit Millimeter-Maschen verwahrt, damit nicht durch die Studie Plastikschnipsel in die Umwelt gerieten.

💡 Was heißt biologisch abbaubar oder kompostierbar?

Als biologisch abbaubar gelten Kunststoffe, die durch Mikroorganismen oder Enzyme zersetzt werden können.

Als kompostierbar gelten die Kunststoffe, die sich nach einer bestimmten Zeit unter definierten Bedingungen (Temperatur, Feuchte, Sauerstoffgehalt der Umgebung) zu mehr als 90 Prozent zu Wasser, Kohlendioxid und Biomasse abgebaut haben.

"Biologisch abbaubar" als Schwindel-Etikette

Aufgrund ihrer Ergebnisse kritisieren die Wissenschaftler die Bezeichnungen "biologisch abbaubar" oder "kompostierbar", gerade im Hinblick auf die Verschmutzung der Meere mit Plastik:

"Die getesteten Materialien, die als biologisch abbaubar gekennzeichnet waren, konnten keinen wesentlichen, verlässlichen und widerspruchsfreien Vorteil in Bezug auf Meeresabfälle vorweisen." Prof. Richard Thompson, Leiter der Abteilung Internationale Forschung über Meeresabfälle, Universität Plymouth

Das Fazit der Forscher zur Bioplastiktüte

Die angebliche Abbaubarkeit der Bioplastiktüten ist nach Ansicht der Wissenschaftler demnach das falsche Kriterium. Die bessere Alternative bei der Auswahl von Tragetaschen sei ihre Haltbarkeit und Wiederverwendbarkeit. Also lieber den guten alten Einkaufsbeutel immer wieder mitschleppen.

💡 Oxo-abbaubare Kunststoffe - Mikroplastikschleudern

Oxo-abbaubare Kunststoffe werden erzeugt, indem herkömmlicher Kunststoff (z.B. PE, Polyethylen) mit Metallionen (Eisen o.ä.) vermengt wird. Das Metall oxidiert (rostet), so dass der Kunststoff schneller zerfällt. Der Kunststoff wird dadurch zerkleinert (fragmentiert), bis er kaum mehr wahrnehmbar ist. Das Plastik verschwindet jedoch nicht, sondern bleibt als Mikroplastik in der Umwelt. In der Landwirtschaft werden Produkte aus oxo-abbaubaren Kunststoffen eingesetzt. Die EU arbeitet an einem Verbot dieser Stoffe.

💡 Was ist Mikroplastik?

Als Mikroplastik werden kleinste Plastikpartikel und -fasern – feste und unlösliche Kunststoffe – bezeichnet, die in Länge, Breite und Durchmesser zwischen wenigen Mikrometern bis unter fünf Millimeter liegen. Es wird unterteilt in primäres Mikroplastik wie sogenannte Basispellets, das Grundmaterial für die Plastikproduktion und Kunststoffe in der Kosmetik sowie in sekundäres Mikroplastik, das beim Zerfallen größerer Plastikteile entsteht. (Erklärt von Anja Bühling, BR24-Wissen)

Bioplastik ist nichts für die Biotonne

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) kritisiert Bioplastik seit Längerem. Selbst als kompostierbar gekennzeichneter Kunststoff solle keinesfalls in der Biotonne oder dem Kompost entsorgt werden. Denn die Kompostierbarkeit werde nur in industriellen Anlagen geprüft, nicht unter naturgegebenen Umständen.

Bioplastik ist nicht recycelbar

Auch beim Recycling macht das Bioplastik eher Probleme: In der Kunststoffverwertung erkennen es die Maschinen bislang nicht richtig und sortieren das Bioplastik einfach aus, dann landet es in der Verbrennung wie normaler Hausmüll.

© Bayerischer Rundfunk

Bioplastik besteht nicht aus Erdöl und ist kompostierbar. Mehr Bioplastik wäre besser für die Umwelt. Das kann aber nur gelingen, wenn Kompostieranlagen, Recyclingbetriebe und Supermärkte zusammenarbeiten.

Nicht abbaubar, sondern wiederverwertbar ist wichtig

Der NABU kritisiert am Bioplastik aber noch mehr als "nur" die Müllproblematik: Bioplastik aus nachwachsenden Rohstoffen wird oft aus Zuckerrohr, Kartoffel- oder Maisstärke hergestellt. Damit tritt die Produktion des Bioplastiks in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion, was den Flächenbedarf angeht: Neben endlosen Rapsfeldern für den Biosprit sprießen endlose Maisfelder für die Biotüte.

Was aber noch wesentlicher ist: Bioplastik wird aus sogenannten Primärrohstoffen erzeugt. Sprich: neu hergestellt statt recycelt. Neben dem Flächenverbrauch fallen so noch andere ökologische Kosten an: Wasserverbrauch, Einsatz von Pestiziden, Dünger, Energie sowohl beim Anbau wie bei der Produktion der Kunststoffe und Tüten etc.

Der Umweltverband fordert daher, dass Bioplastiktüten nicht nur abbaubar sein müssen, sondern zugleich recycelbar, erst dann seien sie auch nachhaltig.

© BR24

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