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Pestizide Pflanzenschutz mit Nebenwirkungen

In Deutschland werden jährlich 40.000 Tonnen Pestizide eingesetzt. Welche Folgen das für die Umwelt, die Tierwelt und letztlich auch den Menschen hat.

Stand: 28.07.2016

Ein Film von Iris Rietdorf

Pestizide, Herbizide, Insektizide: Was ist der Unterschied?

Pestizide ist der Oberbegriff für alle Pflanzenschutzmittel. Darunter fallen drei große Gruppen: Herbizide, Fungizide und Insektizide. Herbizide werden gegen Wildkräuter eingesetzt, damit Getreide, Mais, Zuckerrüben, Raps und Kartoffeln ungestört wachsen können. Fungizide sollen Pilze wie Schimmel, Rost und Mehltau bekämpfen. Insektizide töten Milben, Läuse und Käfer.

Welche Folgen hat ihr Einsatz?

Pestizide töten nicht nur Schädlinge, sondern auch Nützlinge wie Bienen, Insekten und Amphibien.

Pflanzenschutzmittel, die nur den Schädling töten, der bekämpft werden soll, gibt es nicht! Die meisten Pestizide vernichten alles, was ihnen in den Weg kommt. Amphibien, Insekten und Wildblumen leiden besonders, denn sie kommen oft direkt mit den Pestiziden in Kontakt. Insektizide schaden Bienen und selbst das alternative Schädlingsbekämpfungsmittel Kupfer tötet Regenwürmer, wenn es hoch dosiert ist. Wer einmal anfängt Pestizide einzusetzen, gerät in einen Teufelskreis aus Spritzen und Düngen

"Man muss sich schon klar sein, wenn man anfängt mit der Spritzerei, dass man das dann unter Umständen auch mehrfach machen muss, dabei bleiben muss, und das ganze Ökosystem damit beeinflusst."

Max Kainz, Landwirt

Warum gibt es so viele verschiedene Pestizide?

Schädlinge sind anpassungsfähig und entwickeln Resistenzen gegen die Mittel. Deswegen werden immer neue und kräftigere Pestizide entwickelt. Ein Beispiel ist der Kartoffelkäfer: Er vermehrt sich rasend schnell und kann in kurzer Zeit Felder kahl fressen. Obwohl er einer der bekanntesten Schädlinge weltweit ist, mussten seit 1937 immer wieder neue Gegenmittel gefunden werden, um ihn zu bekämpfen. Derzeit hält eine natürliche Waffe den Käfer in Schach: ein Mittel aus dem Samen des tropischen Neembaumes. Die Alternative? Die Züchtung von neuen, widerstandsfähigeren Sorten. Aber schnelle Erfolge sind eher selten. Allein bei der Kartoffelzucht müssen mehr als 50 Kriterien beachtet werden.

Wie kommt ein neues Mittel auf den Markt?

Ein neuer Wirkstoff muss zuerst nach bestimmten Kriterien getestet werden. Diese legt die Europäische Kommission fest. In Deutschland ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zuständig. Das untergeordnete Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) muss die Auswirkungen auf den Menschen einordnen. Das Umweltbundesamt (UBA) beurteilt Auswirkungen auf die Umwelt. Diese Behörden machen aber keine eigenen Untersuchungen, sondern verlassen sich auf die Tests der Hersteller. Dieses Verfahren ist in die Kritik geraten, vor allem bei der Wiederzulassung von Glyphosat. Kritiker bezweifeln die Ungefährlichkeit dieses Wirkstoffs und bemängeln eine sehr oberflächliche Prüfung der Hersteller-Tests durch das BfR.

Pflanzenschutzmittel unterliegen einem aufwändigen Zulassungsverfahren auf EU-Ebene.

Das BVL schlägt dann sog. Rückstandshöchstgehalte für Lebens- und Futtermittel vor. Die Vorschläge werden bei der EU eingereicht und nach Konsultation der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) werden diese Grenzwerte verbindlich vorgeschrieben. Für die Kontrolle von Lebensmitteln ist in Deutschland in jedem Bundesland eine eigene Behörde zuständig. In Bayern ist das das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Kontrolliert wird stichprobenartig und in Verdachtsfällen. Auch hier bemängeln Kritiker, dass nicht oft genug geprüft wird.

Warum bewerten Experten Glyphosat so unterschiedlich?

Glyphosat ist ein Pflanzenschutzmittel, mit dem relativ günstig und einfach Unkraut beseitigt werden kann. Es wird auf rund 40 Prozent der Felder in Deutschland eingesetzt. Ob Glyphosat für den Menschen krebserregend - ist, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden, denn Studien kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Ein Grund:

"Ein Grund ist die unterschiedliche Betrachtung einer Substanz, in dem Fall also Glyphosat. Man kann sie isoliert betrachten, so kommt sie aber gar nicht auf den Markt. So hat das die EFSA [Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit] gemacht. Oder man kann sie auch in der Kombination ansehen, denn Glyphosat bedarf eines Zusatzstoffes, um von der Pflanze überhaupt aufgenommen zu werden."

Professor Xaver Baur, Umwelt- und Arbeitsmediziner an der Charité Berlin

Im Moment überprüft die Europäische Chemikalienagentur ECHA Glyphosat. In der EU herrscht Uneinigkeit in Sachen Glyphosat: Einige EU-Staaten waren für eine Verlängerung, andere dagegen, weshalb die EU-Kommission die Zulassung zunächst nur bis Ende 2017 verlängert hat. Damit verletzt sie aber das in Europa geltende Vorsorge-Prinzip, das besagt, dass im Zweifelsfall im Sinne des Verbraucherschutzes gehandelt werden sollte. Die EU-Kommission folgt vielmehr der US-Philosophie: Bei unklaren Risiken erstmal zulassen - wenn ein Schaden eintritt, später beheben!


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