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Eigentlich ist die Indizienkette lückenlos klar: Die Himmelsscheibe von Nebra ist ein Sensationsfund aus der Bronzezeit. Doch es gibt Wissenschaftler aus München und Frankfurt, die daran zweifeln. Die Fronten zwischen den Archäologen sind verhärtet.

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Der Streit um die Himmelsscheibe von Nebra

Eigentlich ist die Indizienkette lückenlos klar: Die Himmelsscheibe von Nebra ist ein Sensationsfund aus der Bronzezeit. Doch es gibt Wissenschaftler aus München und Frankfurt, die daran zweifeln. Die Fronten zwischen den Archäologen sind verhärtet.

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Von
  • Christian Stücken
  • Andreas Neukam

Diese Geschichte hat alles, was ein Krimi braucht: Raubgräberei, ein fingierter Undercover-Kauf und zwei unversöhnliche Lager in der Wissenschaft.

Eigentlich scheint die Sache klar. Zwei Raubgräber finden im Jahr 1999 in der Nähe der Stadt Nebra in Sachsen-Anhalt eine tellergroße Scheibe. Sie verkaufen den Fund und die Scheibe gelangt auf den Schwarzmarkt. Dort entdeckt sie der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller. Er lässt sich zum Schein auf einen Kauf der Scheibe ein, die Polizei im Schlepptau. Sie wird sichergestellt und wird als die sogenannte "Himmelsscheibe von Nebra" weltberühmt. Es ist die älteste bislang bekannte konkrete Darstellung des Himmels mit Sonne, Mond und Sternen. Experten schätzen, dass sie 3.600 Jahre alt ist und damit aus der Bronzezeit stammt.

Skeptiker berufen sich auf Kronzeugen

Doch andere Wissenschaftler zweifeln daran – allen voran Professor Rüdiger Krause von der Goethe-Universität in Frankfurt und Professor Rupert Gebhard von der Archäologischen Staatssammlung in München. Sie sagen, die Scheibe sei 1.000 Jahre jünger und stamme somit aus der Keltenzeit. Das wäre weniger sensationell.

"Dass hier von dem wichtigsten Fund in Deutschland oder darüber hinaus gesprochen wird, das würde ich doch sehr in Zweifel ziehen." Prof. Dr. Rüdiger Krause, Goethe-Universität Frankfurt

Ihr wichtigster Zeuge: Es ist einer der Raubgräber, der die Himmelsscheibe ursprünglich entdeckt hatte. Er gibt später vor Gericht an, die Scheibe stamme von einem ganz anderen Fundort. Das Gericht allerdings hält seinen Partner für glaubwürdiger. Dieser hat die Archäologen an den Ort geführt, der seitdem als gerichtlich anerkannter Fundort gilt.

Fundort weist Spuren von Edelmetallen auf

Diesen anerkannten Fundort hat der Chemiker Professor Ernst Pernicka vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim untersucht. Er hat im Grabungsloch eine erhöhte Konzentration von Kupfer und Gold gefunden, und darunter, in unberührtem Boden, sogar "die allerhöchste Konzentration von Kupfer und Gold". Rohstoffe, aus denen die Himmelsscheibe besteht. Er geht davon aus, dass sie sich aufgelöst haben und von der Scheibe nach unten in den Boden gelangt sind.

Doch auch daran zweifeln die beiden Wissenschaftler aus Frankfurt und München.

"Die Schwermetall-Gehalte an dieser Fundstelle haben keine Aussagekraft, insbesondere, weil auch hier keine Vergleichsuntersuchungen stattgefunden haben." Prof. Rupert Gebhard, Archäologische Staatssammlung München

Inzwischen arbeiten sie an einer weiteren Schrift, um neuen Zündstoff in die Diskussion zu bringen. Laut Professor Pernicka wurden Vergleichsuntersuchungen jedoch bereits 2008 veröffentlicht. Pernicka hegt einen Verdacht, weil die Wissenschaftler so vehement widersprechen: Er geht von einer "Retourkutsche" aus.

Retourkutsche der skeptischen Wissenschaftler?

Denn der Himmelsscheiben-Skeptiker, Rupert Gebhard, hütet selbst einen Fund, der ebenfalls umstritten ist. In der Archäologischen Staatssammlung in München findet sich das "Gold von Bernstorf". Auch hier hieß es, der Fund sei rund 3.500 Jahre alt und Ausdruck einer bayerischen Hochkultur in der Bronzezeit.

Doch ausgerechnet der Chemiker Prof. Ernst Pernicka hat dies widerlegt, und auf einer Tagung des Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, bekanntgegeben.

"Ich habe es [Anm.: das Gold von Bernstorf] untersucht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es sich um moderne Fälschungen handelt. Aber dieses Mal sehr eindeutig, es handelt sich nämlich um hochreines Gold, das so in der Bronzezeit nicht herstellbar war." Ernst Pernicka, Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie, Mannheim

Trotzdem sind die Archäologen um Rupert Gebhard nach wie vor von der Echtheit des Goldes von Bernstorf überzeugt. Eine mögliche "Retourkutsche" weisen sie ebenfalls zurück. Der Streit der Archäologen schwelt weiter.

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