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Land unter: "Europäische Wochen" Passau trotz Krise eröffnet | BR24

© Europäische Wochen Passau

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    Land unter: "Europäische Wochen" Passau trotz Krise eröffnet

    Vetternwirtschaft, Missmanagement, Europa-Müdigkeit, Insolvenzgefahr: Die traditionsreichen "Europäischen Wochen" in Passau sind ein Sanierungsfall. Zwei Intendanten mussten gehen. Jetzt begann eine Saison mit "Spar-Programm". Von Peter Jungblut.

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    Die festlichen Fanfaren täuschen: So richtig Konjunktur hat Europa derzeit ja nicht, im Gegenteil, es wird praktisch nur noch von Krisen gesprochen, da kommt´s auf eine mehr schon gar nicht mehr an. Die "Europäischen Wochen" in Passau jedenfalls sind genauso marode wie die Europäische Union. 1952 wurde das Festival von amerikanischen Kulturoffizieren in politischer Mission gegründet, damals ausgerechnet unter dem Motto "Wir fordern die Vereinigten Staaten von Europa" – bei der Eröffnung der jetzigen 66. Saison hatte nur noch der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper von der SPD den Mut, daran zu erinnern.

    Die Europäischen Wochen haben diese Europäische Idee immer zu ihrer Angelegenheit gemacht, sie haben sie geradezu verinnerlicht. Und ich denke, es ist lohnender denn je, weiter an dieser Europäischen Idee zu arbeiten, unabhängig von kurzfristigen Wahlzielen. - Jürgen Dupper

    Das klang fast so, als ob Niederbayern zum zweiten Mal ein "Reeducation"-Projekt braucht, also von Europa überzeugt werden muss.

    Für Scheidungen keine Zeit mehr

    Doch wie es um die Europäische Idee derzeit steht, wurde in der Videobotschaft von Ministerpräsident Markus Söder deutlich, der von einer „doppelten Spaltung“ Europas sprach, zwischen Ost und West kulturelle Spannungen feststellte und davor warnte, der Norden dürfe nicht die Defizite des Südens bezahlen. Weitere Redner der CSU, darunter Staatsminister Bernd Sibler, lavierten wortreich um das aktuelle Kräftemessen in Europa herum und bedauerten die Festival-Krise. Die ist in der Tat tiefgreifend. Zwei Intendanten gingen im Streit, jedes Mal ging es ums Geld. Mitarbeiter kündigten reihenweise, es ist von Vetternwirtschaft unter dem vorletzten Intendanten Peter Baumgardt die Rede und von zahlreichen Dramaturgen, deren genaue Aufgaben angeblich undurchsichtig blieben. Vorstandschefin Rosemarie Weber hat als Krisen-Managerin so viel zu tun, dass sie kaum noch Zeit für ihren Beruf als Scheidungsanwältin hat und war bei der Eröffnung den Tränen nah:

    Wir hatten keine Rücklagen mehr, unsere Rücklagen sind komplett aufgebraucht. Das heißt im Klartext, wenn ich eine Überschreitung habe, dann bin ich zahlungsunfähig, und zahlungsunfähig heißt, Insolvenz, und das heißt im Klartext, ich muss Insolvenz beantragen, um nicht in die Insolvenzverschleppung zu geraten. Das ist eine Straftat, und das hat auch Konsequenzen für den Vorstand, auch Konsequenzen für mich in meinem Beruf. Das kann man einfach nicht mehr machen in der heutigen Zeit. - Rosemarie Weber

    Kommt Alt-Intendant wieder?

    Die Lage ist so verfahren, dass der 74-jährige Pankraz von Freyberg, der die Europäischen Wochen bis 2011 insgesamt 16 Jahre lang leitete und durch und durch von europäischen Idealen beseelt ist, ernsthaft überlegt, ob er übergangsweise, für ein, zwei Jahre, wieder als Chef einsteigt. Mit einem potenten Gönner und Geldgeber ist er nach eigener Auskunft im Gespräch. 

    Es gibt immer Krisen, ich möchte jetzt keine Schuldzuweisung machen, sondern ich denke, eine Krise kann auch stärken, da kann ein Neuanfang stehen. Eine so lange Tradition können sie nicht einfach aufgeben und wegwerfen. Nächstes Jahr ist Europawahljahr, ich denke, wir müssen in die Richtung arbeiten, dass die Europäischen Wochen wieder auf einen sehr guten Stand kommen. - Pankraz von Freyberg

    "Falscher Mann am falschen Platz"

    Heinrich Oberreuter, der bekannte Passauer Politikprofessor, sollte im Streit um Geld und Konzept eigentlich vermitteln, kam aber schnell zum Ergebnis, dass der geschasste Intendant, Thomas Bauer, angeblich keinen ausreichenden Bezug zur Wirklichkeit hatte, also nicht mit Geld umgehen konnte. Knapp 378.000 Euro sollen letztlich in der Kalkulation gefehlt haben. Und auch, dass Bauer die Konzerttermine nicht von Anfang an mit den WM-Spielen koordiniert hat, wird ihm vorgeworfen. Das mache den Vorverkauf problematisch, Karten würden storniert.

    Insofern war er der interessante, auch charismatisch aufgestellte, falsche Mann am falschen Platz. - Heinrich Oberreuter

    Werbeplakat mit Trauerflor

    Die Frage ist jetzt, wie es weitergeht bei den Europäischen Wochen. Ein Werbeplakat in der Passauer Innenstadt wurde bereits mit einem Trauerflor drapiert - ausgerechnet von einer Insiderin, die im Beirat sitzt. In dieser Saison gibt es ein Sparprogramm, danach soll auch über Konsequenzen im Vorstand gesprochen werden, der eigentlich bis 2020 gewählt ist. Rosemarie Weber.

    Also, der Vorstand hat eigentlich keinen Grund, zurückzutreten. Ob man hiervon Gebrauch macht, ob man einen neuen Weg wählen wird, darüber wird man sich unterhalten. Ich muss auch sagen, der Vorstand hat viel, viel Kraft investiert, hat von manchen Leuten Kritik geerntet. Da muss man sich fragen, will ich überhaupt weiter machen und wenn ja, will ich überhaupt weitermachen. - Rosemarie Weber

    "Wir werden uns einmischen"

    Oberbürgermeister Jürgen Dupper hält sich bedeckt, was die Zukunft der Festspiele angeht, macht aber auch klar: Es wird sich was ändern.

    Wir werden uns einmischen, aber zur rechten Zeit. Wir sind ja sowieso einer der großen Geldgeber der Europäischen Wochen. Wir werden das aber nicht als Machtinstrument einsetzen, sondern unsere Ideen einbringen. - Jürgen Dupper

    Hilfe naht übrigens vom fernen Burghausen, achtzig Kilometer südlich von Passau. Die Stadt ist dank der Chemieindustrie reich und hat bereits angekündigt, sich finanziell stärker zu engagieren - dann aber auch sehr viel mehr mitreden zu wollen, wie eben immer alle, wenn es um Europa geht. Das ist das Problem.