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Fantasy-Epos aus Deutschland: Die Serie "Tribes of Europa" | BR24

© Netflix/Gordon Timpen

Drei Geschwister gegen den Rest der Welt: Liv, Elja und Kiano in "Tribes of Europa"

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    Fantasy-Epos aus Deutschland: Die Serie "Tribes of Europa"

    Es ist ein Genre, das hierzulande bisher keine Chance hatte: In der neuen deutschen Netflix-Eigenproduktion"Tribes of Europa" kämpfen drei Jugendliche in einem postapokalyptischen Europa ums Überleben. Ein garantierter Hit – aber keine gute Serie.

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    Von
    • Vanessa Schneider

    Es ist das Jahr 2074. Europa, so wie wir es kennen, existiert nicht mehr. Nach einem Blackout sind vor vielen Jahren alle Staaten zusammengebrochen. Menschen leben überall verstreut in Gruppen zusammen, die sie Tribes nennen. So wie die Origines, die im Einklang mit der Natur im Wald wohnen und alles technische ablehnen. Als ein Flugzeug im Wald abstürzt, sind die drei Geschwister Liv (Henriette Confurius), Kiano (Emilio Sakraya) und Elja (David Ali Rashed) die ersten, die es finden. Und natürlich bringt dieser Himmelsbote Unglück.

    Denn auf der Suche nach der fortschrittlichen Technologie überfallen die sogenannten Crows die Origines. Liv, Kiano und Elja überleben zwar, aber sie werden getrennt und müssen nun nicht nur sich, sondern auch ihre Werte verteidigen.

    Ein postapokalyptisches Europa – inspiriert vom Brexit

    "Tribes of Europa" will mindestens eine genauso epische und dramatische Welt schaffen wie "Game of Thrones" – wo eine Vielzahl an Stämmen und Königshäusern um die Vorherrschaft auf ihrem Kontinent kämpfen. Die Tribes, die sich nach dem nicht weiter erklärten Blackout in Europa gebildet haben, begegnen den drei Geschwistern nach und nach auf ihren Reisen: Da sind zum einen die brutalen Crows, eine faschistische, expansive Gesellschaft, in der nur die Stärksten überleben. "Da sieht man auf den ersten Blick nicht mehr viel von der russischen Mafia in Berlin heutzutage, so ist es aber alles entstanden", erklärt Serienschöpfer Philip Koch ("Play"). Inspiration für die Gestaltung der Crows lieferten unter anderem das organisierte Verbrechen, Videospiele und der Film "Blade Runner".

    Neben den Crows treffen die Geschwister auch auf die Femen, einen reinen Frauen-Stamm, und die Crimson Republic: Dieser Militär-Tribe ist aus den Resten der europäischen Streitkräfte hervorgegangen. Seine Mitglieder stehen nach Außen voll Pathos für europäische Ideale – doch im Inneren regieren Einzelinteressen. Die Tribes sind Wertegemeinschaften, ähnlich den Filter-Bubbles, in denen Menschen Gehör finden, die in der globalisierten Welt fürchten unterzugehen.

    © Netflix/Gordon Timpen

    Geht voll in seiner Rolle als exzentrischer Schrotthändler Moses auf: Oliver Masucci.

    "Tribes of Europa" zeichnet ein düsteres Was-wäre-wenn-Szenario, das Serienschöpfer Philip Koch nach dem ersten Brexit-Referendum 2016 entwickelt hat: "Das hatte mich so schockiert, da wollte ich eine Serie über das Ende von Europa machen und hatte dann tatsächlich im Grunde auf zwei Seiten genau die Serie, wie sie heute ist, schon zu Papier gebracht und [dem Produzenten] Quirin Berg geschickt. Und er meinte zu mir, Philip, es ist großartig, aber das wird kein deutscher Sender jemals finanzieren."

    Bis zur Umsetzung dauerte es ein paar Jahre: Das Konzept lag zunächst bei Koch und der Münchner Produktionsfirma Wiedemann und Berg in der Schublade. Die Chance, eine so ehrgeizige Genre-Geschichte ins deutsche Fernsehen zu bringen, ist bis heute gering. Anders als bei internationalen Streamingdiensten: Netflix, für die Wiedemann und Berg bereits die international erfolgreiche deutsche Mysteryserie "Dark" produziert hatten, war von der Idee zu "Tribes of Europa" angetan. Innerhalb weniger Monate wurde die Serie 2019 entwickelt, Drehbücher geschrieben – und in mehreren Ländern gedreht.

    Ein Hit, aber keine gute Serie

    Sicher wird "Tribes of Europa" ein neuer internationaler Fantasy-Hit – zum ersten Mal made in Germany. Die vielsprachige Besetzung überzeugt, die Kampfszenen sind gekonnt choreografiert, die europäische Kulisse tourismusfördernd in Szene gesetzt. Überzeugen kann die Serie trotzdem nicht. Denn leider hat sie sehr viele Schwächen.

    Obwohl die drei Geschwister einen je eigenen Handlungsstrang haben, passiert in den sechs Folgen der ersten Staffel nicht viel. Sie endet mit einem Cliffhanger, der bei anderen Serien spätestens in der Mitte der Staffel ansteht. Dazu kommt: viele Figuren wirken wie faule Kopien von bekannten Vorbildern und Comic-Klischees. Die Crows sind in ihrer abgrundtiefen Boshaftigkeit beispielsweise so überzeichnet, dass sämtliche Vergehen ihren Schrecken verlieren und gleichzeitig erwartbar sind. Liv von den Origines wiederum könnte ein Klon von Katniss Everdeen aus "Die Tribute von Panem" sein – die Darstellerinnen ähneln einander stark, beide Figuren sind exzellente Bogenschützinnen und pflichtbewusste Schwestern. "Tribes of Europa" heftet nicht sehr subtil unzählige filmische Anspielungen aus Sci-Fi- und Fantasy-Filmen der letzten 30 Jahre aneinander. Erst in den letzten Folgen kommen eigene, spannende Ideen zum Vorschein.

    Unfreiwillig komisch

    Schwer im Magen liegen dürften deutschsprachigen Zuschauern und Zuschauerinnen zudem die theatralischen und dadurch unfreiwillig komischen Dialoge. Gerade diese sprachlichen Feinheiten dürften Serienfans im Ausland allerdings nicht stören. Darum ist es gut vorstellbar, dass "Tribes of Europa" außerhalb von Deutschland trotz allem gut ankommt.

    Der Erfolg im Heimatland ist für einen internationalen Streamingdienst ohnehin nicht alles, das hat Netflix schon mit der Mysteryserie "Dark" gezeigt: Denn auch die fand ihr größtes Publikum außerhalb von Deutschland.

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