Foto-Ausstellung Sex und Behinderung

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"Alle tun es" – Ausstellung bricht mit Tabu Sex und Behinderung

"Alle tun es" – Ausstellung bricht mit Tabu Sex und Behinderung

Der Titel einer aktuellen Foto-Ausstellung im Nürnberger Bildungszentrum "Südpunkt" ist eindeutig: "Alle tun es – alle!" Auch Menschen mit Behinderung haben ein Sexualleben – auch wenn das Thema nach wie vor ein Tabu ist.

Es sind stilvolle Schwarzweiß-Aufnahmen. Fotos, die intime Momente festhalten, von Menschen mit und ohne Behinderung. Meist Situationen der Zweisamkeit, ohne zu viel zu zeigen. Erotik ohne Barrieren. "Alle tun es – alle!" So der Titel der Ausstellung, die bis zum 25. Februar 2022 im Nürnberger Bildungszentrum Südpunkt zu sehen ist.

Nürnbergerin im Rollstuhl war "Foto-Model"

Eine der ersten Besucherinnen ist Ingrid Wolff. Sie ist selbst Teil der Ausstellung und auf einem Foto verewigt. Oben ohne, die Brüste durch die verschränkten Arme bedenkt. Seit sechs Jahren sitzt die 55-jährige Nürnbergerin wegen der Immunkrankheit Mastozytose im Rollstuhl. Sie musste nicht lange überredet werden, sich fotografieren zu lassen.

Der Zusammenhang von Intimität und Behinderung sei noch immer oft ein Tabuthema. Die Ausstellung könne Denkanstöße liefern, offener damit umzugehen, meint Ingrid Wolff. Auf "ihrem" Foto fühlt sie sich gut getroffen. "Ich bin eigentlich ein aktiver Mensch, und das zeigt eher so eine zarte Seite". Das gefällt ihr.

Der Rollstuhl hat bei Ingrid Wolff alles auf den Kopf gestellt

Seitdem Ingrid Wolff im Rollstuhl sitzt, hat sich ihr Leben drastisch verändert, natürlich auch ihr Sexualleben. Zunächst sei Sex aber erstmal ein "Non-Thema" gewesen. Ingrid Wolff musste sich an einen Alltag im Rollstuhl gewöhnen, das hat eine Weile gedauert. "Ich musste mich erstmal selber wieder finden", erzählt die 55-Jährige. "Das dauert ganz lange, bis das Thema Sexualität wieder auftaucht".

Heute kommt Ingrid Wolff gut mit der Situation zurecht, hat kein Problem damit, offen über Intimität zu sprechen. Natürlich gehe das in erster Linie lediglich sie und ihren Mann etwas an, aber nur, weil man im Rollstuhl sitze, sei man nicht automatisch asexuell. Bei vielen Menschen seien da Barrieren im Kopf vorhanden, wenn es um das Thema Sexualität und Behinderung gehe. Das sei eigentlich schade.

Fotograf Joan van Hout liebt Tabu-Themen

Geschossen hat die Bilder der Nürnberger Fotokünstler Joan van Hout. Der 61-Jährige mit niederländischen Wurzeln liebt provokative Themen, spielt gern mit Tabus. Als Mensch ohne Beeinträchtigung mache man sich über die Sexualität von Behinderten wohl selten Gedanken. Viele denken vielleicht, so van Hout, das finde gar nicht statt, die spüren ja ohnehin nichts. Das sei natürlich falsch. Die Ausstellung soll im Idealfall dazu anregen, über Klischees nachzudenken, Tabus zu brechen, mehr Verständnis für das Gegenüber und dessen Bedürfnisse zu entwickeln.

Barrierefreie Ausstellung: Bilder auf unterschiedlichen Höhen

Alle Fotos hängen übrigens in doppelter Ausfertigung in der Ausstellung, zum einen auf Gesichtshöhe von Rollstuhlfahrenden, zum anderen etwas höher für Besucher, die durch die Ausstellung laufen.

"Alle tun es - alle!" ist noch bis zum 25. Februar im Nürnberger Südpunkt zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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