Bildrechte: Klinikum rechts der Isar/Michael Stobrawe

Ärzte und Ärztinnen bei einer Visite in einem Krankenhaus

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Schwangere Ärztinnen für Ende von Corona-Beschäftigungsverbot

Nach wie vor gilt vielerorts ein Corona-Beschäftigungsverbot für schwangere Ärztinnen. Es verdammt die Frauen zum Nichts-Tun – diese fühlen sich gegenüber männlichen Kollegen diskriminiert und fordern nun Lockerungen bei den Corona-Bestimmungen.

Im Klinikum Erding in Oberbayern arbeitet Claudia Chebotar. Die 37-jährige Chirurgin ist schwanger und hat Glück: Trotz ihrer Schwangerschaft darf sie die meisten Operationen weiterhin durchführen. "In der Chirurgie möchte man am Patienten arbeiten, man möchte seinen Beruf erfüllen", sagt Chebotar. "Man macht das gerne und wenn man dann von jetzt auf gleich aufhören muss und dann zu Hause die eigenen vier Wände anschaut, das ist schon eine große Umstellung." Es gehe dabei um den eigenen Anspruch an sich.

Wegen Corona: Beschäftigungsverbot für Schwangere in vielen Kliniken

Genau dazu zwingen viele Kliniken ihre Medizinerinnen: Wenn sie sagen, dass sie schwanger sind, werden sie von der Klinikleitung ins Beschäftigungsverbot geschickt. Auch Chebotar weiß von der Praxis. "Ich habe es auch von Kolleginnen gehört, die die Stelle wechseln", so Chebotar. "Wir schicken immer noch alle Schwangeren ins Beschäftigungsverbot wegen der Covid-Situation. Das ist schwierig, weil es eigentlich schlecht zu argumentieren ist." Zwar gelten Schwangere als vulnerable Bevölkerungsgruppe, doch der Schutz durch Impfung und Genesung ist bei ihnen gleich gegeben.

Strenge Corona-Regeln und mögliche Regressforderungen: Weiterarbeiten verboten

Theoretisch können Kliniken die Möglichkeit nutzen, mit der jeweiligen Ärztin eine individuelle Gefährdungsbeurteilung zu machen. Wegen streng ausgelegter Vorgaben zu Abstand und Corona-Tests sowie aus Angst vor juristischen Konsequenzen bei Komplikationen in der Schwangerschaft, verzichten viele Krankenhäuser auf Ausnahmeregelungen. Der Vorgesetzte im Klinikum Erding, Chefarzt Jörg Theisen, hat mit seiner Kollegin eine solche Sondervereinbarung getroffen, damit sie ihren Facharzt fertigmachen kann: "Wir versuchen auch dem Wunsch der betroffenen Schwangeren Rechnung zu tragen."

Während der Zwangspause werden die schwangeren Medizinerinnen zwar weiterbezahlt. Ihnen geht es aber nicht um Geld, sondern um Berufserfahrung, sagt Chefarzt Theisen: "Normalerweise dauert eine chirurgische Ausbildung vier bis sechs Jahre. Je nachdem wie lange man aus der Ausbildung herausgeht, verlängert sich die Ausbildung, das kann dann bei mehrfachem Kinderwunsch richtig lange dauern." Das sei ein Problem, da die Assistenzärztinnen dann sehr viel später als ihre männlichen Kollegen in den eigenständigen Beruf eintreten können, so Theisen.

Deutscher Ärztinnenbund kritisiert Diskriminierung

Der Deutsche Ärztinnenbund kritisiert die aktuelle Situation in den Kliniken. Das Netzwerk hat bereits vor drei Monaten mit zwei weiteren medizinischen Berufsverbänden einen Aufruf an Politik und Kliniken veröffentlicht. Darin fordern sie, den Schwangeren die Weiterarbeit zu ermöglichen. Wörtlich heißt es: "Jeder pauschale Ausschluss von Ausbildung und Beschäftigung, egal ob vom Betrieb oder von der Arbeitsschutzaufsicht veranlasst, stellt eine unzulässige Diskriminierung der betroffenen Frau dar."

Um mit ihrer Facharztausbildung voranzukommen, verheimlichen viele Ärztinnen eine Schwangerschaft – und nehmen damit Risiken in Kauf. Offen sprechen möchte darüber niemand. Anonym erzählt eine junge Chirurgin aus München, dass sie ihre Schwangerschaft bis zum 7. Monat geheim hielt. "Ich habe auch noch Nachtschichten gemacht, das war körperlich keine leichte Situation. Aber für mich wäre es einfach absurd gewesen, nach Hause geschickt zu werden, nur aus Angst vor Corona. Ich war ja geimpft und genesen."

Staatsregierung begrüßt strengen Corona-Kurs gegenüber Schwangeren

Die bayerische Staatsregierung dagegen begrüßt ausdrücklich die vorsichtige Linie der Kliniken – und gibt sie indirekt vor: In einer Handreichung zu Corona-Arbeitsschutz-Regelungen weist das bayerische Arbeitsministerium an, es sei "ein eher zurückhaltendes Vorgehen bei der Aufhebung eines betrieblichen Beschäftigungsverbotes für Schwangere erforderlich, solange die Pandemie nicht abgeklungen ist."

Auch Gesundheitsminister Klaus Holetschek hält die weiterhin strengen Corona-Regeln, die im Mutterschutzgesetz und im Arbeitsschutzgesetz Eingang finden, für sinnvoll: "Wir werden die nächsten Wochen weiter genau hinschauen müssen: Es kommt jetzt der Winter und wir werden nochmal erleben, dass gewisse Wellen entstehen. Aber hoffentlich so, dass unser Gesundheitssystem nicht überlastet ist." Claudia Chebotar und viele andere schwangere Ärztinnen hoffen dagegen, dass wie bei schwangeren Lehrerinnen auch für sie die Corona-Bestimmungen in Bayern bald gelockert werden.

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