Prügelstrafe in Deutschland – ein historischer Rückblick
Bildrechte: picture alliance / akg-images | akg-images

Prügelstrafe in Deutschland – ein historischer Rückblick

  • Artikel mit Audio-Inhalten

Prügelstrafe in Deutschland – Ein historischer Rückblick

Eine Kleinstadt in den USA hat offenbar die Prügelstrafe an Schulen wiedereingeführt. Auch in Deutschland gibt es ab und an Skandale, dass Kinder an Schulen gezüchtigt werden – wobei das hierzulande verboten ist. Allerdings noch nicht so lange.

Die Prügelstrafe hat eine lange Tradition in Europa. Auch im Nachkriegsdeutschland wurden Kinder an der Schule noch mehrere Jahrzehnte lang körperlich gezüchtigt.

"Also richtig mit so einem Stecken, und der war schon 30 Zentimeter lang, aus Bambusrohr. Und da hat man sich dann vorne in der Mitte vom Klassenzimmer aufstellen müssen. Und da haben wir dann diese 'Tatzen' gekriegt, je nachdem, wie stark die Strafe war. Von ein bis sechs Stück hat jeder bekommen, das hat ganz schön gezogen. Das hast du zwei, drei Tage richtig gespürt in den Fingern." Elektromeister Martin Anker

So beschrieb der Oberaudorfer Elektromeister Martin Anker, der 1954 in die Schule kam, in einem Interview mit dem BR 2010 seine Erfahrungen. "Tatzen" hießen die Stockhiebe zur körperlichen Züchtigung mit dem Rohrstock oder Lineal auf die Finger.

Warum wurde zugeschlagen?

Warum Lehrer überhaupt zuschlugen, erklärt der Historiker Dr. Mathias Rösch vom Schulmuseum Nürnberg so: "Prügel ist eigentlich immer eine Überforderung. Ich habe kein Handwerkszeug, um auf die Situation adäquat zu reagieren, die Zeit ist knapp, ich fühle mich persönlich getriggert, das geht bis in die Kindheit zurück, Erinnerungen können Muster prägen, bei denen man zu Gewalt greift."Dem gegenüber, fügt Rösch hinzu, sei schon in den Lehrerhandbüchern in Deutschland um 1900 dezidiert gestanden, dass die Prügelstrafe nur maßvoll und als absolut letztes Mittel einzusetzen sei. Ein Verbot freilich war das nicht.

Mit Gewalt "auf den rechten Weg geführt"

Körperliche Strafen gehörten jahrhundertelang zum Alltag. An Schulen wurden Kinder gezüchtigt, auch körperliche Gewalt gegen Frauen in der Familie gehörte oft zum Alltag, im Strafvollzug gegen Inhaftierte ebenfalls. Dass man Kindern die Sünde mit Gewalt austreiben müsse, ist ein religiöses Verständnis, das konservativ-evangelikale Christen in den USA oder in Deutschland bis heute propagieren. Hierzulande stehen Glaubensgemeinschaften wie die Zwölf Stämme in Kritik, dass an deren Schulen Kinder geschlagen würden. Entsprechende Urteile gibt es immer wieder. Doch bei der Prügelstrafe in der Schule geht es kaum um Erziehung, ist Mathias Rösch überzeugt:

"Die Kinder sind innerlich blockiert. Die haben von vornherein enorme Furcht, und die blockiert sie. Das ist ein Effekt, und der andere Effekt ist: Da ist ständig das Thema Machtfrage. Wer ist denn jetzt mächtiger, der Lehrer oder ich? Okay, wir schneiden dem die Ruten an. Wir polstern uns die Lederhosen mit Zeitungspapier aus. Es geht ständig um die Machtfrage und nicht ums Lernen." Historiker Dr. Mathias Rösch

Prügelstrafe in Deutschland nach 1945

In der NS-Zeit passten körperliche Züchtigung und Drill zu einem Erziehungskonzept, das nur vollständige Unterordnung duldete. 1946 hatte die erste bayerische Nachkriegsregierung unter Wilhelm Hoegner die Prügelstrafe abgeschafft, aber schon ein Jahr später führte die dann CSU-geführte Regierung sie wieder ein. Tausende Eltern hätten ihn brieflich darum gebeten, erklärte der damalige Kultusminister Alois Hundhammer.

In der DDR wurde in antifaschistischem Selbstverständnis die Prügelstrafe an Schulen 1949 abgeschafft, als "Relikt inhumaner Disziplinierungsmethoden des NS-Regimes" – während in Westdeutschland der Bundesgerichtshof Lehrern noch 1957 ein "generelles Gewohnheitsrecht" zum Prügeln zusprach.

In den bundesdeutschen Ländern wurde die Prügelstrafe erst 1973 verboten, Bayern schaffte sie als letztes Bundesland 1983 ab - ein Verdienst der 68er-Bewegung und deren Wunsch nach gewaltfreier Erziehung. Auch die Schüler selbst forderten damals eine andere Pädagogik.

"Es ist relativ unbekannt, dass es in Westdeutschland eine ganz starke Revolte der Gymnasien gab. Und diese Revolte waren Schulhaus-Besetzungen und alles andere. Aber die hatte neben dem Thema Sexualität, neben dem Thema 'wir wollen bessere Unterrichtsinhalte', auch grundlegend immer: Behandelt uns respektvoll. Wir wollen nicht mehr geschlagen werden." Dr. Mathias Rösch, Schulmuseum Nürnberg

Recht auf gewaltfreie Erziehung in der Familie

Im privaten Bereich ist körperliche Züchtigung noch später verboten worden als im Bildungswesen. Erst 1998 wurde § 1631 Abs. 2 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) neu gefasst und damit der Begriff der "elterlichen Gewalt" zu "elterlicher Sorge": "Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen, insbesondere körperliche und seelische Misshandlungen, sind unzulässig." Damit setzte die Bundesrepublik eine Vorgabe nach der UN-Kinderrechtskonvention um. Diese hat zum Ziel, die Rechte aller Kinder auf der Welt zu schützen.

Im Jahr 2000 beschloss der Bundestag endlich das "Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung" - mit großer Mehrheit. Im BGB heißt es jetzt: "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig."

Gewalt als Mittel der Pädagogik erscheint heute vielen Menschen barbarisch, als Relikt aus längst vergangenen, brutaleren Zeiten. Dass Kinder ein Recht auf gewaltfreies Aufwachsen haben, ist aber immer noch nicht bei allen Menschen angekommen – wie immer wieder traurige Beispiele aus den USA, aber auch in Deutschland zeigen.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!