Selfie bei der Vorsondierung
Bildrechte: Bild: INSTAGRAM @volkerwissing /via Reuters

Grüne und FDP: Die Selfie-Sondierung

Per Mail sharen
Artikel mit Bild-InhaltenBildbeitrag

Grüne und FDP: Die Selfie-Sondierung

Das Spitzenpersonal von Grünen und FDP postet ein Selfie, das schnell zum Internet-Phänomen wird. Witzige Memes lassen nicht lange auf sich warten. Trotzdem könnte es sich um einen historischen Moment handeln. Eine Analyse.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Kurz vor Mitternacht viermal dasselbe Selfie posten. Und am nächsten Morgen spricht die ganze Republik davon. Viel effektiver kann man im Zeitalter des Internets als Politiker wohl nicht auf sich aufmerksam machen.

Vier Posts zur gleichen Zeit

Das Selfie ist inzwischen hinlänglich bekannt. Darauf zu sehen sind die Grünen-Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck, zusammen mit FDP-Chef Christian Lindner und FDP-Generalsekretär Volker Wissing, irgendwo zuhause, irgendwie Küchenparty-mäßig. Alle vier posten es zeitgleich auf ihren Instagram-Kanälen.

Die Unterschrift: "Auf der Suche nach einer neuen Regierung loten wir Gemeinsamkeiten und Brücken über Trennendes aus. Und finden sogar welche. Spannende Zeiten." Nur Christian Lindner setzt noch ein "CL" dahinter, was ein bisschen an Cristiano Ronaldos "CR7" erinnert.

Ein Novum: Die "Kleinen" sondieren zuerst

Im Vergleich zu Ronaldo mit seinen 350 Millionen Followern sind die vier Politiker auf Instagram Leichtgewichte. Trotzdem könnten sie mit ihren 800.000 Anhängerinnen und Anhängern als Influencer gut davon leben, Gucci-Sonnenbrillen oder Louis-Vuitton-Handtaschen zu bewerben.

Diesen Einfluss gerade auf jüngere Zielgruppen nutzen die vier freilich für etwas anderes. Ihre Werbebotschaft: Seht her, gerade mal 48 Stunden nach der Wahl tut sich was: Wir sondieren, und zwar einen Tag früher als geplant! Wir arbeiten an einer gemeinsamen Zukunft für das Land! Und: Die anderen dürfen erstmal nicht dabei sein auf unserer Party!

Tatsächlich ist es ein Novum, dass nach einer Bundestagswahl erstmal die "kleinen" Parteien miteinander sprechen, während die "großen" sich gedulden müssen, bevor sie eingebunden werden. Nachdem die inhaltlichen Unterschiede zwischen Grünen und FDP aber besonders groß sind, halten viele dieses Vorgehen für sinnvoll.

Das Selfie wird zum Hype

Über Nacht wird das Selfie zum Internet-Hype und zum beliebten Meme auf Twitter. Eine Userin hat den Vieren auf dem Foto graue Bärte verpasst und sie künstlich altern lassen. "So könnte das Selfie am Ende der Sondierung aussehen", schreibt einer dazu. In einem anderen Post wurde das Foto animiert, die vier singen "We are family".

In den Medien wird spekuliert, wo das Foto wohl aufgenommen wurde, wer mutmaßlich das Handy hält, und warum Lindner diesen und Baerbock jenen Filter verwendet hat. Kurz vor 12 Uhr sieht einer aber bereits das Ende des Hypes nahen, und twittert: "Kaum mittags und das FDP-Grüne-Selfie-Meme ist totgeritten. Der Meme-Markt regelt sich von selbst. Cowboy-Smiley."

Aufbruchstimmung im Internet

Witze hin oder her - die vier haben mit ihrem gemeinsamen Post erreicht, was sie erreichen wollten: überall im Gespräch zu sein. Einige wollen gar einen historischen Augenblick erkennen. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier meint, vielleicht sei es "albern, sich von solch billiger Instagram-Symbolik beeindrucken zu lassen, aber das fühlt sich trotzdem nach einem größeren Moment an, dem man hier beiwohnt".

Auf Instagram herrscht unter tausenden Kommentaren Aufbruchstimmung. Manchmal wehen Jamaika-Flaggen, aber es dominieren klar die roten, grünen und gelben Herzen, und die Ampelsymbole. "Weiter so, der Anfang ist geschafft", schreibt ein User.

  • Alle aktuellen News, Hintergründe und Ergebnisse zur Bundestagswahl finden Sie hier

Vergleich mit "Balkonbildern"

Das Foto darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch bei den letzten - und letztlich gescheiterten - Sondierungsgesprächen 2017 gemeinsame Aufnahmen gab: FDP und Grüne zusammen auf dem Balkon, teils lachend, teils winkend. Fast täglich gingen diese "Balkonbilder" durch die Presse.

Diesmal haben sich die sondierenden Parteien geschworen, ihre Verhandlungen nicht in der Öffentlichkeit zu führen. Doch schon wird im Netz diskutiert, ob Grüne und FDP mit ihrem Selfie nicht genau das tun. "Man sollte die Fehler der Balkonbilder vielleicht einfach nicht wiederholen. Nur so 'ne Idee", twittert einer. Und SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich warnt, Deutschland brauche keine Fotos, sondern "eine Regierung, die tatkräftig auch die Herausforderungen annimmt".

Wie das Selfie historisch werden könnte

Trotzdem unterscheidet sich das Selfie schon allein in seiner Machart von den Balkonbildern. Damals wirkten die Beteiligten wie eine entrückte, königliche Familie auf ihrem Adelssitz – jetzt, auf dem Selfie, wie die neuen Nachbarn von nebenan, bei denen noch das Kabel aus der Decke hängt. Zum eigentlichen Problem für das Scheitern der Koalitionsverhandlungen wurden 2017 auch nicht die Fotos selbst, sondern die Tatsache, dass immer wieder Inhalte aus den Verhandlungen nach außen durchgestochen wurden und damit kein Vertrauen zwischen den Parteien herrschte.

Darauf wird es jetzt letztlich ankommen: In vertrauensvoller Atmosphäre auszuloten, wie eine zukünftige Koalition trotz unterschiedlicher Interessen zusammenarbeiten kann. Wenn das gelingt, darf ein Selfie auch historisch werden.

Jamila Schäfer, Grüne, und Karsten Klein, FDP, im Interview mit der BR24 Rundschau
Bildrechte: BR
Artikel mit Bild-InhaltenBildbeitrag

Jamila Schäfer, Grüne, und Karsten Klein, FDP, im Interview mit der BR24 Rundschau

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!