Kasparow: "Nur Krieg hält alles zusammen"
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Kasparow: "Nur Krieg hält alles zusammen"

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Garri Kasparow: "Nur der Krieg hält alles noch zusammen"

Der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow gilt heute als einer der wichtigsten russischen Oppositionellen und Putin-Kritiker. Der im Exil Lebende spricht von Konflikten im engsten Putin-Zirkel und hat eine Erklärung für den Drohnen-Vorfall.

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"Mordattacke"?, fragt Garri Kasparow ironisch in einem Tweet zum Drohnenangriff auf den Kreml. Putin sei doch gar nicht dagewesen. Wenn jemand es wirklich auf den Präsidenten abgesehen habe, müsse man nur seine Bankkonten beschlagnahmen. Putin, so Kasparow, bekäme dann eine Herzattacke.

Der russische Dissident und Schachprofi hält den Drohnenangriff für eine ukrainische Warnung. Die Ukraine wolle klarmachen, dass die Russen am 9. Mai auf dem Roten Platz feiern können, aber es könne sein, dass da was angeflogen komme, sagt Kasparow auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee: "Es gibt viele Spekulationen um diese Drohnen, aber klar ist, dass die Attacke ein Zeichen für Schwäche ist, sie führt Putin als Schwächling vor. Diktatoren mögen es aber nicht, Schwäche zu zeigen."

Machtkampf im engsten Putin-Zirkel?

Die Zeichen im Putin-Regime stehen ohnehin zurzeit auf Machtkampf. Der Präsident hat angeordnet, dass Bachmut bis zum 8. Mai einzunehmen sei. Andernfalls drohte er Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Armeechef Walerij Gerassimow mit harten Konsequenzen. Passend zu diesem Ultimatum fällt Söldnerführer Jewgeni Prigoschin mit wüsten Beschimpfungen über die Armeeführung her. Prigoschin hat dabei Putins Segen, seine Söldnertruppe Wagner wird maßgeblich von den Geheimdiensten FSB und GRU kontrolliert.

Kasparow ist sich sicher, dass es einen Konflikt zwischen Prigoschin und Schoigu gibt. Er hat das Gefühl, dass die russischen Generäle mehr mit Prigoschin kämpfen würden, denn sie kontrollieren mehr den Geldfluss als dass sie mit Ukrainern kämpfen: "Der Putin-Staat ist ja doch keine klassische Diktatur. Es gibt diese mafiösen Elemente. Putin will wie Stalin regieren und wie Abramowitsch leben. Über viele Jahre hat er den Flow des Geldes innerhalb der russischen Elite garantiert. Jetzt aber kann Putin nichts mehr garantieren, nur der Krieg hält alles noch zusammen. Solange Putin an der Macht ist, wird es Krieg geben."

Kasparow: "Nur Sieg der Ukraine kann Wandel in Russland bringen"

Seit mehr als 20 Jahren kämpft Garri Kasparow gegen das Putin-Regime. Zusammen mit dem 2015 erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow hatte er die außerparlamentarische Sammelbewegung "Solidarnost" gegründet. Aber der Funke des Zusammenhalts sprang nicht über auf die Gesellschaft. Im Mai vergangenen Jahres hatte der ehemalige Schachweltmeister zusammen mit Michail Chodorkowskij ein "Russisches Aktionskomitee" gegründet – das Ziel: "Die ukrainische Flagge in Sewastopol auf der Krim. Nur der totale Sieg der Ukraine kann den Wandel in Russland herbeiführen."

Russische politische Aktivisten leben gefährlich, auch Kasparow kommt nicht ohne Personenschutz aus. Als er ein Glas Wasser in die Hand nimmt, fragt er, bevor er zum Trinken ansetzt: "Ist das Wasser in Ordnung?" Vorsicht ist längst ein ständiger Begleiter. Zudem hält Kasparow viel auf seine Illusionslosigkeit. Er verdanke sie dem Schachspiel. Da gibt es nur schwarz auf weiß und weiß auf schwarz, scharfe Konturen. Die, klagt er, gingen den Russen bedrohlich ab.

Kasparow: Kollektive Verantwortung Russlands

Viele Russen hätten gar keine Ahnung vom Ausmaß der Katastrophe. Russland werde in Zukunft noch viele, viele Jahre mit Putin in Verbindung gebracht werden, sagt er: "Sogar einige meiner Freunde regen sich darüber auf, dass irgendwo Puschkin verboten wird. So ist das. Das hängt eben mit Butscha, Irpin oder Uman zusammen. Ich kann das verstehen, ganz gleich ob es am Ende richtig ist oder nicht. Wir Russen jedenfalls haben kein Recht, darüber zu urteilen."

Demut, die aus einem klaren Bekenntnis zu kollektiver Verantwortung für diesen Krieg kommt. Im Schach nennt man das eine gute Eröffnung.

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