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Nach dem Mord an einem Tankstellenkassierer im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein geht unter den Beschäftigten im Einzelhandel die Angst um.

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    Nach Tankstellenmord: Angst im Einzelhandel vor Corona-Leugnern

    Nach dem Mord an einem Tankstellenmitarbeiter in Idar-Oberstein geht im Einzelhandel die Angst um. Der Bayerische Handelsverband versucht zu beruhigen: Ein Anstieg an Konflikten mit Corona-Leugnern sei nicht zu beobachten.

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    Von
    • Thorsten Gütling

    Vier Tage nach dem Mord an einem Tankstellenkassierer im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein geht unter den Beschäftigten im Einzelhandel die Angst um. In den sozialen Medien äußern Beschäftigte, dass sie zunehmend aggressiver auftretenden Kunden ausgesetzt seien.

    Mitarbeiter von Tankstellen hatten mit Eskalation gerechnet

    Wegen der Maskenpflicht seien in den Geschäften schon häufiger "die Fäuste geflogen", heißt es unter anderem. Vor allem Mitarbeiter von Tankstellen berichten, eine derartige Eskalation befürchtet zu haben. Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Maske ein Menschenleben kostet, schreibt eine Frau, die angibt auch schon nachts an Tankstellen gearbeitet zu haben. Viele erzählen, dass sie gerade beim Hinweis auf die Maskenpflicht schon übel beschimpft worden seien.

    "Ich bin vermutlich nicht der einzige Mensch, der schon mal übel beschimpft wurde, wenn man auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte. Aber es geht leider auch noch viel schlimmer. Kein Wunder, dass immer mehr Kassiererinnen Angst haben, etwas zu sagen." Sissi Meichle auf BR24/Facebook

    Tankstellen-Kassierer werden immer wieder angegriffen

    Vom Handelsverband Bayern heißt es auf Nachfrage des BR, dass die Mitarbeiter der Branche schon immer auch "rabiaten" Kunden ausgesetzt gewesen seien. Im Umgang mit diesen würden sie daher seit Jahren besonders geschult. Es sei schließlich im ureigenen Interesse des Unternehmens, Kunden zufrieden zu stellen.

    Eine Zunahme an Konflikten aufgrund der Maskenpflicht sei in den vergangenen Monaten aber nicht zu verzeichnen, so der Sprecher des Verbandes, Bernd Ohlmann. Im Gegenteil: Als zu Beginn der Pandemie erstmals das Tragen von Masken und das Einhalten von Sicherheitsabständen gefordert wurden, sei es in den Geschäften weitaus häufiger zu Konflikten gekommen. Entsprechend sei auch die Nachfrage beim Verband nach Tipps und Handlungsempfehlungen im Konfliktfall zwar unverändert hoch, aber nicht steigend.

    Ähnlich sieht das der bayerische Kfz-Verband, dem rund 1.000 bayerische Tankstellen angehören. Immer wieder würden Mitarbeiter von Tankstellen auch tätlich angegangen. Sie stünden in vorderster Front und bekämen den Unmut der Bevölkerung schon immer als erstes ab.

    Handelsverband: Viele Kunden dankbar über Maskenpflicht

    Der Sprecher des Handelsverbandes sagt, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt reagierten heute mehr Menschen sogar dankbar auf die Maskenpflicht um sich vor einer Corona-Infektion zu schützen. So gebe es zahlreiche Zuschriften, die zeigten, dass sich Kunden ohne die Maskenpflicht längst vom stationären Handel abgewendet hätten und zum Onlinehandel übergelaufen wären. Auch die Aussicht auf ein Ende der Pandemie im nächsten Jahr stimme die meisten Kunden mittlerweile eher zuversichtlich als aggressiv.

    Gleichwohl habe die Corona-Pandemie die Konflikte an der Ladentheke aber in eine neue Dimension befördert. Der Umtausch eines unpassenden Artikels oder das Vertrösten auf einen späteren Lieferzeitpunkt sei eben etwas Anderes, als Diskussionen über Sinn und Unsinn einer Hygienemaßnahme. Daher fordern einige Menschen in den Sozialen Medien auch, dass die Kontrolle der Maskenpflicht nicht auf die Beschäftigten abgewälzt werden dürfe. Das sei nicht ihr Job, schreibt eine Frau bei Facebook. Wer den Mundschutz nicht trage, mit dem werde sie sich auch nicht darüber auseinandersetzen, schreibt eine andere.

    "Ich würde niemanden darauf ansprechen, wenn ich im Verkauf arbeiten würde. Man weiß ja nie, wie solche Kunden reagieren, wie man in diesem Fall sehen kann." Kevin Mühlstädt auf BR24/Facebook

    Kunden auf fehlende Maske ansprechen oder nicht?

    Kunden ansprechen müssten die Mitarbeiter nicht, heißt es aus dem Bayerischen Handelsverband. Solange ein Schild im Eingangsbereich auf die Maskenpflicht im Geschäft hinweise, hafte nicht der Inhaber, sondern der Kunde im Falle eines Verstoßes. 150 Euro sieht der Corona-Bußgeldkatalog dafür übrigens vor. Ohlmann widerspricht damit auch Stimmen, die behaupten, der in Idar-Oberstein getötete Tankstellenmitarbeiter habe den Maskenverweigerer ansprechen müssen.

    Eine klare Handlungsempfehlung seitens des Verbandes könne es dazu nicht geben, sagt Ohlmann. Jeder Fall sei unterschiedlich. Die Reaktion eines Familienvaters, der die Maske schlicht vergessen habe, könne anders ausfallen, als die eines Corona-Leugners, der die Maske abziehe um zu provozieren. Wichtig sei, dass die Unternehmen ihren Mitarbeitern klar vorgäben, welche Wege im Falle eines Konfliktes einzuhalten seien. Ob also weitere Mitarbeiter zu Hilfe geholt werden sollen, ein Sicherheitsdienst, der Chef, oder gar die Polizei.

    Polizeigewerkschaft sieht Radikalisierung der Corona-Leugner

    Dass die Angst einzelner Mitarbeiter im Einzelhandel nach einer Tat wie der in Idar-Oberstein steige, sei nachvollziehbar, heißt es aus dem Handelsverband. Aussagen wie die der Polizeigewerkschaft GdP, die nun vor einer zunehmenden Radikalisierung der Corona-Leugner warnt, würden diese Angst verstärken.

    GdP-Vize Jörg Radek hatte zuvor zwar vom bislang einzigen Fall einer Tötung in Verbindung mit der Corona-Pandemie gesprochen, aber auch darauf hingewiesen, dass die Polizei seit vergangenem Jahr eine Radikalisierung der Gegner der Corona-Maßnahmen wahrnehme.

    Auf Nachfrage des BR sagt Radek, als Gewerkschafter verstehe er die Sorge der Arbeitgeber vor einer wachsenden Angst in der Belegschaft. Die Polizei könne die steigende Gefährdung der Menschen durch Corona-Leugner aber nicht ausblenden. Immerhin hätten Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt zwischen April 2020 und Juni 2021 rund 3.500 Fälle politisch motivierter Straftaten in Verbindung mit der Corona-Pandemie vermerkt. Würde die Polizei das nicht thematisieren, sei sie später dem Vorwurf ausgesetzt, blind und taub für diese Entwicklung gewesen zu sein.

    Tankstellenmitarbeiter in den Kopf geschossen

    Am Samstagabend hatte ein mutmaßlicher Täter dem Mitarbeiter einer Tankstelle in den Kopf geschossen. Der 20 Jahre alte Kassierer hatte dem 49-Jährigen zuvor auf die Pflicht zum Tragen einer Maske hingewiesen. Der mutmaßliche Täter habe daraufhin die Tankstelle verlassen um später mit einem Revolver dorthin zurückzukommen und den Mord zu verüben.

    Nach Angaben der Staatsanwaltschaft habe der Verdächtige sein Opfer für die Gesamtsituation der Corona-Pandemie verantwortlich gemacht, die ihn nach eigenen Aussagen stark belaste. Er lehne die Corona-Maßnahmen ab und habe keinen anderen Ausweg gesehen, als ein Zeichen zu setzen. In den Theorien der Corona-Leugner sei er "bewandert", hieß es aus Ermittlerkreisen.

    In Querdenker-Gruppen des Messenger-Dienstes Telegram wurde die Tat auch gefeiert. Die Bundesregierung zeigte sich darüber am Mittwoch bestürzt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach von "Pandemie-Extremismus", gegen den jede Bürgerin und jeder Bürger eintreten müsse.

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