Antisemitischer Vorfall während der European-Championships: Ein Security soll der israelischen Delegation den "Hitler-Gruß" gezeigt haben.

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München: Wachmann zeigt israelischen Sportlern den Hitlergruß

München: Wachmann zeigt israelischen Sportlern den Hitlergruß

Ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma ist am Rande der European Championships in München festgenommen worden, weil er einer Delegation aus Israel den Hitlergruß gezeigt haben soll. Die Münchner Generalstaatsanwaltschaft ermittelt.

Die European Championships in München werden von einem antisemitischen Vorfall überschattet: Ein Sicherheitsmann soll einer Delegation aus Israel auf dem Münchner Olympiagelände am Dienstagabend den Hitlergruß gezeigt haben. Der 19-jährige Security-Mitarbeiter war laut Veranstalter zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Dienst, sondern habe sich gerade auf dem Heimweg befunden. Er wurde sofort festgenommen, wie das Münchner Polizeipräsidium am Mittwoch mitteilte.

Die 16-köpfige Besuchergruppe aus Israel, bestehend aus Funktionären und Sportlern, wollte auf dem Olympiagelände die Gedenkstätten des Olympia-Attentats von 1972 besichtigen. Anlass war der 50. Jahrestags des Terroranschlags. Begleitet wurde die Delegation von mehreren Polizistinnen und Polizisten sowie von Vertretern des Veranstalters.

Polizei hat Tatverdächtigen sofort festgenommen

Einer der vier Mitarbeiter eines Sicherheitsdiensts habe die verbotene NS-Geste gezeigt, als die Delegation eine Brücke ganz in der Nähe des "Klagebalkens" passierte, so die Münchner Polizei. Ein Polizist beobachtete die Tat und nahm den 19-Jährigen fest. Nach jetzigem Ermittlungsstand hatte kein Delegationsteilnehmer die Straftat wahrgenommen. Nach Angaben der Polizei stammt der 19-Jährige aus Berlin, ist im Besitz der Deutschen Staatsangehörigkeit, hat aber vermutlich arabische Wurzeln. Polizeilich ist er bislang nicht in Erscheinung getreten.

Generalstaatsanwaltschaft hat den Fall übernommen

Der Fall liegt inzwischen bei Oberstaatsanwalt Andreas Franck, dem Antisemitismusbeauftragten der Generalstaatsanwaltschaft München. Dem 19-Jährigen werde demnach vorgeworfen, gegen Paragraph 86a des Strafgesetzbuchs verstoßen zu haben. Dieser Paragraph untersagt es, Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen zu verwenden. "Wir stehen aber erst am Anfang der Ermittlungen", sagte Franck im Gespräch mit BR24.

Man nehme den Tatvorwurf der Judenfeindlichkeit in Anwesenheit von israelischen Sportlern und Funktionären sehr ernst, das genaue Tatmotiv müsse aber erst ermittelt werden, so der Staatsanwalt weiter. Die Konstellation aus Zeit und Ort deuteten aber "sehr auf einen antisemitischen, judenfeindlichen Tathintergrund hin". Dies sei "nicht rechtskräftig, aber augenfällig und offensichtlich."

Mitarbeiter verliert Akkreditierung und wird überprüft

Laut Oberstaatsanwalt Franck wurde dem Tatverdächtigen seine Akkreditierung für die European Championships entzogen. Auch sei zweifelhaft, ob der 19-Jährige weiter als Security arbeiten darf. Sicherheitsdienstmitarbeiter würden grundsätzlich einer Zuverlässigkeitsprüfung vom Gewerbeamt unterzogen. Auch das werde nun nochmal bei dem Tatverdächtigen überprüft.

Gegen die restlichen drei Kollegen des Tatverdächtigen Security-Mitarbeiters, die ebenfalls anwesend waren, liegt nach jetzigem Kenntnisstand nichts vor. Der Veranstalter der European Championships hat trotzdem sofort allen vier Männern die Akkreditierung entzogen. Sie werden bei den bis Sonntag laufenden Wettbewerben nicht mehr eingesetzt.

Zentralrat der Juden: "Schockierend"

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, bezeichnete den Vorfall als "schockierend". Der Fall zeige, dass Antisemitismus und der Hass auf Israel immer noch zu weit verbreitet seien. "Es ist beschämend, dass israelische Sportlerinnen und Sportler diesen Vorfall unweit des Gedenkortes erleben mussten."

Immer wieder prangere der Zentralrat antisemitische und anti-israelische Hetze an, betonte Schuster. Viele Leute würden das aber nicht wahrhaben wollen – das verdeutliche auch der aktuelle Fall. "Offensichtlich ist die Bedeutung des Attentats auf die israelischen Sportler 50 Jahre danach noch immer nicht in der Gesellschaft präsent“, so Schuster.

Spaenle: Fall "in besonderer Weise unerträglich"

Der Antisemitismus-Beauftragte des Freistaates Bayern, Ludwig Spaenle, sagte: "Vor allem Ort wie auch die Zeit machen diesen Vorfall in besonderer Weise unerträglich." Wichtig sei, dass die Ermittlungsorgane nun tätig werden, so Spaenle. Derzeit, also wenige Tage vor dem offiziellen Gedenktag an das Olympiaattentat von 1972, bei dem elf israelische Sportler und Funktionäre ermordet wurden, gebe es ein besonderes Bewusstsein für Judenfeindlichkeit und für das Attentat auf diesem Gelände, so Spaenle.

"Wir haben aktuell eine besonders aufgeladene Situation." Verschärft werde sie durch die Debatte um die Teilnahme der Opferfamilien an der offiziellen Gedenkveranstaltung. Nach einem Streit um eine angemessene Entschädigung der Hinterbliebenen hatten die Familien ihre Teilnahme für den 5. September abgesagt. Als Antisemitismus-Beauftragter bekomme auch Spaenle dieser Tage immer wieder judenfeindliche Mails, die er direkt an die Staatsanwaltschaft weiterleite.

Auch Stadt München bezieht Stellung

Auch die Landeshauptstadt München verurteile den Vorfall am Mahnmal des Attentats der Olympischen Spiele 1972 "auf das Schärfste", erklärte Münchens Sportreferent Florian Kraus BR24. "Die European Championships sollen ein friedlicher Ort für den sportlichen Wettkampf sein", sagte er, der Sport sei ein Synonym für Fairplay, Toleranz und Teamgeist. "Antisemitische, rechtsextreme oder gewaltverherrlichende Äußerungen und Aktivitäten haben bei den EC 2022 wie in unserer Stadtgesellschaft nichts zu suchen." Dass gegen den Security-Mitarbeiter ermittelt werde und er von den Veranstaltern sofort ausgeschlossen wurde, sei "die angemessene Reaktion auf sein Verhalten".

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